Die allgemeine Samthandschuhpflicht

Erneut beschäftigt sich die Öffentlichkeit mit der Frage, ob Humor Grenzen haben und wo man diese ziehen sollte – und ich fange an zu schmunzeln. Dabei bin ich mir unsicher, ob das überhaupt gestattet ist. Falls sich jemand von meiner Erheiterung angesichts der aktuellen Diskussionen angegriffen fühlt, entschuldige ich mich an dieser Stelle natürlich. Außerdem distanziere ich mich vorsorglich von meiner Meinung. Ich möchte sie im Folgenden dennoch erläutern.

Nach unten zu treten ist nicht die feine Art. Mich würde allerdings interessieren, seit wann ein Scherz automatisch mit einem Tritt gleichzusetzen ist. Und wer definiert eigentlich „unten“? Privilegien hier, Privilegien dort; es mag unglaublich erscheinen, aber manche Bürde lässt sich nicht an oberflächlichen Gesichtspunkten wie Geschlecht, Ethnie oder Sexualität festmachen. Auch bekannte Probleme wie Gewalt gegenüber spezifischen Bevölkerungsgruppen stellen keine eindeutigen Kriterien dar. Üble Schicksale können höchst individuell sein. Was den einen mitnimmt, hinterlässt beim anderen lediglich einen Kratzer. Wo beginnt ein Tabu? Wenn eine ausreichende Anzahl von Menschen betroffen ist? Das hieße, dass Minderheiten erst mit einer bestimmten Größe schützenswert würden. Paradox.

Meinen aufrichtigen Respekt haben jene, die es schaffen, sich von ihrer persönlichen Hölle loszusagen. Jene, denen es gelingt, darüberzustehen. Das bedeutet nicht, dass man seine Gefühle abschaffen und innerlich erkalten soll. Vielmehr halte ich es schlicht für schlauer, nach einem Sturz alles daranzusetzen, sich wieder aufzurappeln, als eine allgemeine Samthandschuhpflicht zu fordern.

Diese Welt ist widerlich. Nicht ausschließlich, aber zu großen Teilen. Ich bezweifle, dass sich das ändern wird, wenn man versucht, anderen mit dem Baseballschläger beizubringen, was sich gehört und was nicht. Das sage ich natürlich aus einer äußerst privilegierten Position heraus … Wusstet ihr, dass ich einmal mit einer Hantelstange ins Krankenhaus geprügelt wurde? Oder dass ich eine Überdosis Morphium überlebt habe, mit der ich mich endgültig verabschieden wollte? Es wäre mir trotzdem peinlich, dürfte man keine Späße über mich machen.

Ich appelliere an die Vernunft des Einzelnen. In Anbetracht meiner vorigen Aussagen scheint das sicher gewagt, doch vielleicht sorgt eine Rückkehr zur Meinungs- und Redefreiheit für etwas weniger verhärtete Fronten. Ich finde, man sollte sowohl Rücksicht auf das Individuum als auch sich selbst nicht zu wichtig nehmen. Ich vertrete die Ansicht, dass man über alles und jeden Witze machen kann. Es kommt auf die Umstände an. Zumal man überhaupt nicht in der Lage ist, sich bewusst auszusuchen, was einen amüsiert. Man muss nicht alles lustig finden, aber solange nur eine einzige Person aufrichtig lacht, hat die entsprechende Form von Humor eine Daseinsberechtigung. Bestimmte Themen aus dem öffentlichen Raum zu verbannen, andere hingegen als harmlos zu titulieren, wirkt auf mich höchst inkonsequent. Woran es mir bei den jüngsten Forderungen nach weiteren Grenzschließungen in Sachen Humor mangelt, ist folglich wieder einmal genau das: Konsequenz.

Die allgemeine Samthandschuhpflicht
                                                            

Kevin Jell

Ich wandle zwischen Nostalgie und Zuversicht – das beschreibt mich ganz gut, glaube ich.

6 Kommentare zu „Die allgemeine Samthandschuhpflicht

  • 9. Mai 2022 um 08:57
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    Generelle stimme ich dir zu. Auf den Fall Will Smith bezogen, denke ich jedoch, so eine Ohrfeige muss man eben auch als Komiker hinnehmen.
    Hätte Herr Smith vorher ne Minute nachgedacht, hätte er vielleicht anders gehandelt. Aber diese Art Humor, also rumsticheln (nicht wirklichi ntelligenter Humor…), an Grenzen gehen….das muss nicht bei so einer Veranstaltung sein. Und irgendwie fand ich es, als Frau, cool. Ich schäme mich natürlich für meine Oldschool Ansicht 😉 Außerdem gucke ich solcherlei Sachen nicht. Aber das hat es doch sehenswert gemacht:)

    Diese ganze Entwicklung jedoch, alles und jeden korrekt zu bezeichnen, auch im Spaß, nervt wirklich. Weil ich auch sprachlich korrekt verachtend sein kann. Und annehmend, freundlich trotz unkorrekter Begriffe.

    Eine gewisse Lockerheit wäre da schön. Der Fokus sollte ganz woanders liegen. Gerade in der jetzigen Zeit. Man sieht, unsere hochgelobte Toleranz und Antidiskriminierung bewahrt uns nicht vor Thorheiten…..

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  • 9. Mai 2022 um 09:45
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    Ich mag besonders deinen Satz: „Was den einen mitnimmt, hinterlässt beim anderen lediglich einen Kratzer.“ Das stimmt nämlich wirklich, hängt vom Charakter desjenigen ab und der Vorgeschichte. Ich bin ich einigen Dingen sehr humorlos – dann lach ich halt nicht und sag vielleicht, dass ich solche Witze doof finde. Ich meine, dann muss der Witzelde das eben so verkraften.
    LG, Tala

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  • 9. Mai 2022 um 18:59
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    Ich glaube das Problem der heutigen Zeit ist der ganze Lobbyismus. Da bleibt der Humor schlichtweg auf der Strecke.
    Freies Denken, Reden und Tun ist verpönt. Es scheint, dass nur noch eine Richtung gilt.

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  • 13. Mai 2022 um 18:35
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    Leider hat sich ein gewisser Narzissmus in der Gesellschaft etabliert. Zu viele Menschen glauben, die Grenzen von Humor und Meinung haben sich nach ihren Befindlichkeiten zu richten und nicht verletzte Gefühle wären ein Grundrecht.

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  • 1. Juni 2022 um 16:52
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    Humor ist wenn man trotzdem lacht 🤣
    Der Welt täte es gut wesentlich unverkrampfter zu sein.
    🌈😘😎

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  • 30. Juli 2022 um 10:16
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    Vielleicht fehlt es der Welt auch an der nötigen verbalen Schlagfertigkeit, um mit solchen Situationen umzugehen.

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