Der Drang nach Freiheit

Ist euch das Gefühl bekannt, einfach nur noch fortzuwollen? Das Gefühl, Job und Wohnung kündigen und eurem Land den Rücken kehren zu müssen, weil euch der Alltag den Verstand raubt? Verspürt ihr hin und wieder den Drang, die aufgesetzte Empathie der Gesellschaft hinter euch zu lassen und euch auf die Suche nach wahrer Freiheit zu begeben? Dann geht es euch wie mir bis vor wenigen Jahren. Über eine scheinbare Ewigkeit hinweg habe ich mich durch mein fades Leben geschleppt, unzufrieden mit beinahe allem, was mein Dasein ausgemacht hat. Immer wieder habe ich auf halbgare Kompromisslösungen zugesteuert, um letzten Endes zu erkennen, dass das Glück – mein persönliches Glück – nicht am Wegesrand darauf wartete, eingesackt zu werden. Ich kann nicht für jeden sprechen, doch von Menschen wie mir verlangt das Glück absolute Hingabe – und das nicht, damit es einem euphorisch um den Hals fällt, sondern damit es überhaupt in Erwägung zieht, einem eine Audienz zu gewähren.

Als ich die Zelte in Deutschland abbrach, hatte ich keinen Schimmer von meinem finalen Ziel. Alles, was ich hatte, waren der Fluchtinstinkt und eine Gelegenheit, die ich beim Schopfe packte, nachdem ich unzählige zuvor hatte vorbeiziehen lassen. Meine Eltern waren bereit, mich auf ihrem Hof in Schweden aufzunehmen, was ich zurecht des Öfteren als Privileg bezeichnet habe. Nach wie vor verbringe ich eine Menge Zeit dort. Dennoch will ich im Folgenden einmal darlegen, dass es sich hierbei nur um einen Teil der Geschichte handelt, dass weitaus mehr Menschen zu einem vergleichbaren Schritt in der Lage wären, als man zunächst denken könnte.

Früher habe ich gutes Geld verdient. Ich hatte meine eigene Wohnung und konnte mir praktisch alles leisten, was mich reizte. Ich habe kein übermäßig luxuriöses Leben geführt, aber was meine finanzielle Situation anging, gab es keinen Grund zu klagen. Mittlerweile arbeite ich mehr als je zuvor und verdiene so wenig Geld wie noch nie. Wenn ich in Schweden bin, helfe ich auf dem Hof aus. Im Gegenzug darf ich einen Campingwagen bewohnen, dessen Alter das meine bei weitem übersteigt. Da sich meine Rechnungen nicht von selbst begleichen und auch keine Rücksicht auf die zusätzlichen Aufgaben nehmen, verbringe ich den Rest meiner Skandinavien-Aufenthalte hauptsächlich in genanntem Campingwagen und widme mich dem Ausbau meiner Selbstständigkeit. Andernorts gilt für gewöhnlich dasselbe: Ein Großteil meines Tages steht im Zeichen häufig noch unter- oder gar unbezahlter Arbeit.

Sicher hat mir der vergleichsweise spontane Ausbruch aus meinem alten Leben die nötige Zeit verschafft, mir meiner Absichten vollends bewusst zu werden. Ohne weitere Pläne in den Flieger zu steigen war mir trotzdem bloß möglich, weil ich bereits einen gewissen Betrag für Notfälle auf der Seite hatte. Einen Betrag, der um einiges höher hätte ausfallen können, hätte ich gezielt auf etwas gespart. Hätte ich auch nur 12 Monate länger durchgehalten, hätte ich ein bisschen früher ein klares Bild von meiner Zukunft im Kopf gehabt, hätte ich nicht 2.000 € in den Sand gesetzt, um mein Abitur ein zweites Mal zu beginnen und schließlich wiederholt abzubrechen, ich hätte von meinem Privileg vielleicht gar keinen Gebrauch gemacht. Seis drum. Es ist schon in Ordnung, wie es gelaufen ist.

Ich bin noch lange nicht angekommen, aber inzwischen kenne ich meinen Weg. Ich strebe nach größtmöglicher Unabhängigkeit. Ein einfaches Unterfangen ist das nicht, doch bei Widrigkeiten beiße ich die Zähne zusammen und lege noch eine Schippe drauf. Ich habe kein Problem damit, meine Bedürfnisse zurückzustellen, um am Ende kompromisslos nach meinen Vorstellungen leben zu können. Absolute Hingabe eben. Ich möchte reisen. Ich habe beschlossen, mich nicht mehr an einen Staat zu binden, solange es irgendwie umsetzbar ist. Ich will in Bewegung bleiben und frei sein. Momentan bedeutet das, dass ich mich wahlweise in Deutschland, Österreich oder Schweden aufhalte. Bis mir mein Einkommen größere Sprünge erlaubt, verweile ich dort, wo ich Leute kenne. Leute, die bereit sind, mich zu unterstützen. Leute, die es zwar niemals einfordern würden, die sich jedoch sicher sein können, dass ich mich eines Tages revanchiere. Und sollten plötzlich sämtliche Kontakte wegbrechen, besorge ich mir ein altes Auto und hause vorerst in diesem.

Entscheidend sind meiner Meinung nach drei Dinge: Ein Ziel, der Wille, dieses zu erreichen, und ein Auge für die Möglichkeiten, die sich einem bieten. Wer niemanden kennt, der einen vorübergehend beherbergen könnte, dem stehen zahllose Work-and-Travel-Angebote zur Verfügung. Bleibt keine Zeit für notwendige Vorbereitungen, schafft der im deutschen Arbeitsrecht verankerte Anspruch auf Stundenreduzierung Abhilfe. Eine kleinere Wohnung schont den Geldbeutel und erleichtert es, Rücklagen zu bilden. Die Chancen mögen ungleich verteilt sein, aber es ist beileibe nicht der Mangel an Optionen, der die Mehrheit der westlichen Bevölkerung ausbremst. Es ist die Angst, zu scheitern. Es ist die Bequemlichkeit. Es ist ein Defizit an Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Es sind die Folgen einer subtilen Gehirnwäsche, die das Leben inmitten der Gesellschaft bestimmt.
In den letzten Jahren habe ich eine Menge gelernt. Mit meinem jetzigen Wissen wäre mein Start in Richtung Unabhängigkeit deutlich geschmeidiger verlaufen. Ohne Frage hätte ich so manches besser durchdenken und den einen oder anderen Euro sparen können. Mein größter Fehler war es allerdings trotzdem, nicht schon eher aufzubrechen. Glücklicherweise habe ich mir diesen längst verziehen.

Der Drang nach Freiheit
                                            

Kevin Jell

Ich wandle zwischen Nostalgie und Zuversicht – das beschreibt mich ganz gut, glaube ich.

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