Unvertont – Was noch vor mir liegt

Es ist schon etwas her, doch vor einigen Monaten habe ich hier einen Text namens „Nervengift“ präsentiert, welcher ursprünglich einmal vertont werden sollte. Im entsprechenden Beitrag habe ich die Umstände und Hintergründe ausführlich erläutert, falls jemand sein Gedächtnis auffrischen möchte oder sich erst seit Kurzem zu meinen Lesern zählt. Nach langem Warten folgt mit „Was noch vor mir liegt“ nun jedenfalls ein weiteres bislang unvertontes Werk.

Entstanden ist dieses im selben Zeitraum wie „Nervengift“ und ich denke, das lässt sich herauslesen. Dennoch unterscheiden sich die beiden in diversen Aspekten. Während ersteres der Hoffnung kaum Raum eingesteht, schwingt in letzterem eine leise Zuversicht mit. Womöglich mag diese vielen wie ein Trugbild erscheinen, für mich verfügt sie jedoch fraglos über eine gewisse Substanz.

Obwohl die im Text geschilderten Gedanken in Sachen hoffnungsvolle Haltung das Höchste der Gefühle darstellten, hatte die seinerzeit vorherrschende Stimmung etwas für sich. Irgendetwas an dieser bittersüßen Melancholie übt selbst jetzt – fast zehn Jahre später – noch einen dezenten Reiz auf mich aus. Vielleicht ist es dem Umstand geschuldet, dass ich nach wie vor kein Experte für überschwänglichen Optimismus bin und Kunst, die sich diesem angenommen hat, gern aus dem Weg gehe. Vielleicht ist es einfach nur Nostalgie. Ganz egal, woran es liegt, mit den Zeilen, die ich heute erstmals öffentlich mache, bin ich noch immer recht zufrieden.

Trotzdem weiß ich natürlich zu schätzen, dass sich Vergangenheit und Gegenwart nicht gleichen. Im Großen und Ganzen bin ich froh, dass all das mittlerweile … nun ja … hinter mir liegt. Gerade bezüglich des Alkohols hat sich doch eine Menge zum Positiven verändert, seit ich an dem kleinen Tisch im Wohnzimmer meiner ersten eigenen Wohnung die folgenden Worte in den Laptop getippt habe:

Was noch vor mir liegt (2013)

(Part 1:)
Sonntagmittag, kurz nach zwei, der letzte Gast ist grade weg
Ich sitze hier allein und kipp den Rest des schalen Sekts
Lass die Gedanken kreisen, werfe Blicke in den Raum
Ich glaub, ich bin dabei, mir meine Zukunft zu verbauen
Ich verspür den Drang zu schreiben, ring nach Worten für ’nen Text
Und leg den Stift dann gleich beiseite und flüchte mich ins Bett
Kein Schritt vor, kein Schritt zurück
Gäb‘ es einen Weg hinaus, ich ging‘ ihn nicht
Die Wochen gehen ins Land, doch ich nehm keine davon wirklich wahr
Ertappe mich dabei, wie ich mich frag, wann ich das letzte Mal
Nur einen Abend nüchtern war, ich komme langsam nicht mehr klar
Da alles, was ich gestern sprach, heut Morgen längst Geschichte war
Ich nehm wieder mal die Flasche und verdränge, dass
Jedes weitere Glas eines Tages Konsequenzen hat
Ich weiß nicht, ob mir irgendwer noch helfen kann
Weshalb ich aus dem ganzen Scheiß einfach das Beste mach

(Hook:)
Ich trink auf das, was noch vor mir liegt
Auch wenn die Hoffnung ganz bestimmt lange vor mir stirbt
Ich hab so viel gesagt und mich dabei so oft geirrt
Doch halte durch, auch wenn ich weiß, dass sich nichts ändern wird

(Part 2:)
Ich nehm mir so oft so viel vor, doch häng den ganzen Tag nur rum
Verdamme mich am Ende dann, weil ich nicht weiterkomm
Um mich aufzuraffen, find ich selten einen Grund
Ich hab sie allem schon gegeben, dennoch bleibt es meine Schuld
Ich danke jenen, die mich immer noch begleiten
Ich vergieße keine Träne, ganz egal, wie oft ich scheiter
Jeder weiß, mit der Zeit wird man reifer
Und auch wenn ich einfach stehen bleib – ich gehe weiter
Momente werden Stunden und aus Stunden werden Jahre
Jahre werden Wunden und aus Wunden werden Narben
Ich drehe mich im Kreis, ich trage hundert Namen
Da ich den ganzen Scheiß so oft schon überwunden habe
Und ich warte auf ein Morgen und verdränge, dass
Jedes weitere Glas eines Tages Konsequenzen hat
Ich weiß nicht, ob mir irgendwer noch helfen kann
Weshalb ich aus dem ganzen Scheiß einfach das Beste mach

(Hook:)
Ich trink auf das, was noch vor mir liegt
Auch wenn die Hoffnung ganz bestimmt lange vor mir stirbt
Ich hab so viel gesagt und mich dabei so oft geirrt
Doch halte durch, auch wenn ich weiß, dass sich nichts ändern wird

(Part 3:)
Ich lad euch alle ein – wir sehen uns irgendwann
Ich kipp den Wein, denn morgen fange ich zu leben an
Ich weiß, ihr steht mir bei und wir gehen diesen Weg zusammen
Wir feiern rein – bis keiner hier noch stehen kann
Ich lad euch alle ein – wir sehen uns irgendwann
Ich kipp den Wein, denn morgen fange ich zu leben an
Ich weiß, ihr steht mir bei und wir gehen diesen Weg zusammen
Auch wenn mir letzten Endes keiner von euch helfen kann

(Hook:)
Ich trink auf das, was noch vor mir liegt
Auch wenn die Hoffnung ganz bestimmt lange vor mir stirbt
Ich hab so viel gesagt und mich dabei so oft geirrt
Doch halte durch, auch wenn ich weiß, dass sich nichts ändern wird

Unvertont – Was noch vor mir liegt
                                            

Kevin Jell

Ich wandle zwischen Nostalgie und Zuversicht – das beschreibt mich ganz gut, glaube ich.

2 Kommentare zu „Unvertont – Was noch vor mir liegt

  • 5. April 2022 um 21:51
    Permalink

    Wunderbare Worte. Ein Schwanken zwischen Hoffnung und Resignation, und gerade weil dieses Schwanken bis zur letzten Zeile anhält, ohne eine deutliche Tendenz erahnen zu lassen, beschreibt der Text den Charakter eine Abhängigkeit unheimlich treffend.
    Ich freue mich trotzdem, dass das, was damals noch vor dir lag, jetzt hinter dir liegt.
    Ob das Leben unabhängig leichter ist, versuche ich selbst noch herauszufinden (bei mir war es das Essen, aber letztlich spielt das Suchtmittel nur eine untergeordnete Rolle). Wahrscheinlich nicht. Aber interessanter ist ein suchtfreies Dasein bestimmt.
    Alles Gute für dich.
    Elín

    Antworten
    • 6. April 2022 um 09:55
      Permalink

      Vielen Dank für diesen lieben Kommentar.

      Hmm, ob es leichter ist, kann ich tatsächlich auch gar nicht so klar beantworten. Es wird zu einem freieren, unbefangeneren Leben. Damit hat es in der Tat das Potenzial, auch interessanter zu werden. Die Sucht raubt einem die Möglichkeit für Fortschritt.

      Ich wünsche dir ebenfalls alles Gute … und vor allem ein bemerkenswert interessantes Dasein. 👋

      Antworten

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