Halbwahrheiten und Leberwerte

Bereits zuvor hatte ich mich hin und wieder krankgemeldet, weil mir die Kontrolle am Vorabend komplett entglitten war. Nicht ständig, vielleicht einmal pro Quartal. Die Tatsache, dass das bislang ausschließlich an gewöhnlichen Arbeitstagen vorgekommen war und nun ein Seminar anstand, machte jedoch einen gewaltigen Unterschied. Normalerweise blieb ich einen Tag zu Hause und saß am nächsten Morgen wieder pünktlich an meinem Schreibtisch. In diesem Fall war es nicht so einfach. Um einer – in den Augen meiner Geschäftsführerinnen – derart wichtigen Veranstaltung fernzubleiben, musste schon ein triftiger Grund her.

Es kostete mich stets eine immense Überwindung, meine Kollegen über meinen Ausfall in Kenntnis zu setzen. Noch schlimmer wurde es, als das Fernbleiben irgendwann direkt bei der Geschäftsleitung anzuzeigen war. Bei der offiziellen Krankmeldung beschränkte ich mich auf eine Entschuldigung sowie die Ankündigung, einen Arzt aufzusuchen. Um eine stimmige Geschichte präsentieren zu können, ließ ich einem anderen Seminarteilnehmer vorher aber noch ein Foto eines Fieberthermometers zukommen, das ich ein wenig unter heißes Wasser gehalten hatte – als würde jemals jemand ein solches Bild zum Beweis verlangen. Wie mies es mir damit ging, könnt ihr euch nicht vorstellen. Später den erwähnten Arzttermin zu vereinbaren trug nicht zu meiner Entspannung bei, zumal ich an meine katastrophale physische Verfassung erinnern möchte, wegen welcher ich mir diesen Stress überhaupt erst aufbürdete.

Ich hasse es zu lügen. Heute versuche ich, das so konsequent wie nur irgend möglich zu vermeiden … und in mitunter abenteuerlichen Ansätzen habe ich es schon damals versucht. Bis zu einem bestimmten Grad konnte ich mein Gewissen beruhigen, indem ich mir sagte, dass ich tatsächlich krank sei – psychisch und/oder alkoholkrank. Nur hatte das für mich nicht dasselbe Gewicht wie ein körperliches Leiden. Für den Mediziner, den ich einige Stunden darauf treffen sollte, genügte es jedenfalls nicht.
Meinem geübten Körper sei Dank ebbten die Katersymptome nach und nach ab, was ich sogar begrüßte. Ich wollte unter keinen Umständen den Anschein erwecken, ich würde um einen Krankenschein betteln, weil ich am Vorabend zu tief ins Glas geschaut hatte. Gleichwohl war es von höchster Priorität, einen kränklichen Eindruck zu machen – um der Ehrlichkeit willen ohne zu sehr auf meine kümmerlichen Schauspielkünste zurückzugreifen. Ich versuchte folglich auf Biegen und Brechen, meinen Kreislauf aus dem Gleichgewicht zu bringen. Arznei hatte ich kaum im Haus, von den Resten eines codeinhaltigen Hustensafts versprach ich mir allerdings eine Menge.

Als ich schließlich die Praxis betrat, muss ich übel ausgesehen haben … obschon Ich bezweifle, dass das auf ein paar Tropfen Hustensaft zurückzuführen war. Stattdessen tippe ich auf eine Mischung aus einem ohnehin äußerst strapazierten Körper, den Nachbeben des vorabendlichen Konsums und ein bisschen Autosuggestion. Nachdem eine der Arzthelferinnen meinen Blutdruck gemessen hatte und sich angesichts des Ergebnisses höchst alarmiert zeigte, breitete sich in mir ein groteskes Gefühl des Triumphes aus. Ich hatte von den Zahlen auf dem Display keinen blassen Schimmer, verstand aber schnell, dass 180 zu 110 leicht von dem abwich, was man von einem normalgewichtigen Mittzwanziger erwarten würde.

Es folgte eine Blutabnahme und ein kurzes Gespräch mit dem Doktor, bei welchem wir das eigentliche Problem aufgrund meiner Verschwiegenheit nicht einmal kratzten. Mir wurde eine Packung Betablocker in die Hand gedrückt und nahegelegt, mich auszuruhen. Erst am nächsten oder übernächsten Tag, als die Ergebnisse der Blutabnahme besprochen wurden, fiel mein Kartenhaus in sich zusammen.
„Das haben Sie mir aber nicht verraten.“ Ich erinnere mich gut an die Worte des Arztes, der erst auf den Ausdruck vor sich – den Ausdruck, auf welchem meine Leberwerte die Skala sprengten – und daraufhin mir ins Gesicht blickte. Ich habe mich nie tiefergehend mit den medizinischen Details bezüglich körperlicher Auswirkungen eines jahrelangen Alkoholkonsums auseinandergesetzt, doch habe ich noch immer vor Augen, wie die Balken einzelner meiner Werte den eigentlichen Rand der Grafik bei Weitem überragten. Präziser kann ich hierbei nach all der Zeit leider nicht mehr werden.

Ob ich wissen wolle, an wen ich mich wenden könne, fragte man mich. Ich verneinte. Meine Entscheidung wurde respektiert, obwohl man mir zu verstehen gab, dass man an meinem Punkt in der Regel nicht mehr allein aus der Sache herauskäme. Ich würde es trotzdem probieren, entgegnete ich – ohne zu ahnen, was „herauskommen“ bedeutete. Mir war klar, dass ich nicht weitermachen konnte wie bisher, wirklich mit dem Trinken aufzuhören zog ich anfangs jedoch keineswegs in Erwägung.

Die Erkenntnis, dass ich meinen Körper durch mein Konsumverhalten bereits nachweislich geschädigt hatte, ist zwar nicht als Auslöser für meinen Abschied vom Alkohol zu betrachten, allerdings war sie es, die den Stein ins Rollen gebracht hat. Inzwischen habe ich sämtliche blutdrucksenkenden Mittel abgesetzt und – auch wenn ich sie zuletzt vor Jahren habe überprüfen lassen – muss mir um meine Leberwerte keine Gedanken mehr machen. Ich möchte mitnichten bestreiten, dass es zeitweise wie ein aussichtsloses Unterfangen anmutete, dem Rausch zu entsagen; eine entsprechende Klinik oder auch nur eine Beratungsstelle habe ich seit meinem Gespräch mit Dr. Dettmer dennoch nie von innen gesehen.

Halbwahrheiten und Leberwerte
                                                        

Kevin Jell

Ich wandle zwischen Nostalgie und Zuversicht – das beschreibt mich ganz gut, glaube ich.

4 Kommentare zu „Halbwahrheiten und Leberwerte

  • 28. März 2022 um 19:54
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    Lieber Kevin, „Der Alkohol ist ein dreiköpfiger Drache, der dich geistig, körperlich und emotional angreift“, beschreibt der bekannte Schauspieler Gary Oldman seine frühere Alkoholsucht. Seit 27 Jahren ist er trocken. Alles Liebe und viel Kraft, Elisa

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    • 29. März 2022 um 15:57
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      Hallo Elisa, das ist in der Tat eine treffende Beschreibung.
      Ich bedanke mich!

      Antworten
  • 31. März 2022 um 10:26
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    Ich musste über das Fieberthermometer schmunzeln. Dieses Denken „Beweise“ vorlegen zu müssen um mein Verhalten, dass ich geheim halten wollte, zu vertuschen, hatte ich früher so oft. Und dabei habe ich nicht gesehen, wie seltsam diese „Beweise“ sind, dass sie für den Nicht-Süchtigen unsinnig erscheinen. Ich sehe das Verhalten auch immer noch viel bei Menschen, die gerade erst im Übergang zur Genesung sind. Und manchmal kommen mir diese Gedanken auch heute noch wenn ich etwas tue, für das ich mich schäme (zum Beispiel Termin vergessen, oder mich schon lange nicht mehr bei einem Freund zu melden). Aber es so schön nach diesem Gedanken zu merken, was los ist und einfach zuzugeben, dass ich einen Fehler gemacht habe, anstelle diesen Berg von Lügen zu errichten, der mich früher dann auch nur gestresst hat und irgendwann zusammen fiel.

    Vielen Dank für das Teilen deiner Geschichte!

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    • 5. April 2022 um 09:54
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      Ist das wirklich so ein Ding der Süchtigen? Ist es nicht eher allgemein so, dass Menschen versuchen, ihre Lügen so glaubhafter erscheinen zu lassen? Interessant, habe das bislang nie in Verbindung gebracht. Dachte eben, bei mir gäbe es schlicht ungewöhnlich viel zu vertuschen. 😉

      Ehrlichkeit ist definitiv befreiend, ja. Das kann ich absolut nachvollziehen.

      Ich bedanke mich für das Interesse und den netten Kommentar! 😀

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