Zugeständnisse ans Gestern

Der Mensch neigt zu unnachgiebigem Schwarzweißdenken. Davon zeugen nicht nur aktuelle politische Diskussionen, vielmehr lässt sich diese Tatsache in sämtlichen Lebensbereichen beobachten. Auch die eigene Vergangenheit bleibt vor dem Kategorisierungsdrang selten verschont. Anstatt es besonnen als ein Zusammenspiel von Freude und Leid, Glück und Unglück oder Fülle und Sehnen wahrzunehmen, verklärt man das Gestern lieber bis zur Unkenntlichkeit oder verteufelt es ganz und gar. Apropos Teufel: In meinem Beitrag „Der Hang zur Abhängigkeit“ habe ich letzten Sommer angeführt, die Rolle des Gehörnten ohne zu zögern mit dem Alkohol zu besetzen, sollte ich aus unerfindlichen Gründen eine derartige Entscheidung treffen müssen. Hinter dieser Aussage stehe ich nach wie vor. Zwei Dinge will ich dazu jedoch anmerken: Erstens tut es mir leid, dass ich den armen Gehörnten mit in die Sache hineingezogen habe, zweitens würde ich persönlich noch nicht einmal den Alkohol als durch und durch verdorben bezeichnen.

Hätte ich mit 15 Jahren gewusst, was ich heute weiß, wäre ich nicht denselben Weg gegangen. Ich wäre dem Alkohol anders begegnet, deutlich vorsichtiger und weniger naiv. Trotzdem möchte ich eine Menge der Erinnerungen an meine exzessivsten Jahre nicht missen. Obwohl den traumhaften Momenten oftmals ein schweißgebadetes Erwachen folgen sollte und ich schließlich vor einem riesigen Trümmerhaufen stand, würde eine restlose Herabwürdigung meiner Vergangenheit nicht gerecht. Ich hatte ein paar gute Tage und Nächte.

Ich durfte Erfahrungen sammeln, die mir anderweitig verwehrt geblieben wären. Ich hätte so manches Ereignis verpasst, so manche Person nie kennengelernt. Gewiss hätte ich so manche Person auch nicht verloren, doch seit wann tilgen negative Begebenheiten die positiven? Wenn ihr mich fragt, können beide hervorragend koexistieren. Unter keinen Umständen würde ich jemandem raten, mit dem Trinken anzufangen, nur sehe ich genauso wenig einen Grund, meiner Geschichte eine monochrome Färbung zu verpassen.

Wie eingangs bereits angedeutet, geht es mir nicht um eine Glorifizierung, es geht mir um eine offene Haltung; darum, ein rationales und möglichst objektives Bild zu zeichnen. Insgesamt überwiegen die unschönen Aspekte meiner Alkoholkarriere, das ist unstrittig. Dementsprechend sticht meine Motivation, auf eine freie Zukunft zuzusteuern, auch mit Leichtigkeit jene aus, mich wieder in die Abgründe des Dauerrausches zu flüchten – und aus demselben Grund stellen Beiträge wie dieser eine Ausnahme dar. Etwas zu verdrängen, weil es nicht ins gängige Narrativ passt, halte ich allerdings in jedem Zusammenhang für gefährlich.

Ja, ich habe es geliebt, nach einer durchzechten Nacht mit einer bis vor kurzem fremden Frau im Arm dem Sonnenaufgang beizuwohnen. Ich habe es geliebt, pathetischen Power Metal aufzudrehen und mit benebelten Sinnen meinen Online-Rang in Mario Kart hinaufzutreiben, bis die ersten Vögel ihre Lieder anstimmten. Ich habe mich an jedem verstörten Blick argloser Passanten erfreut, wenn unsere Truppe am Morgen nach der Party durch die Stadt zog und sich nicht darum geschert hat, was man von uns dachte – solange es etwas Außergewöhnliches war.

Wem wäre geholfen, würde ich mir das Gegenteil einreden? Riskant wird es erst, wenn man dem Trugschluss erliegt, mithilfe eines edlen Tropfens reanimieren zu können, was längst die letzte Ruhe gefunden hat. Das ist schlicht und ergreifend Unsinn. Obwohl man also behutsam mit ihnen umgehen muss, spricht nichts dagegen, bisweilen in derlei Erinnerungen zu schwelgen. Dass das Leben mit der Abhängigkeit häufig einer Gratwanderung gleicht, dürfte an dieser Stelle aber niemanden mehr überraschen.

Zugeständnisse ans Gestern
                                        

Kevin Jell

Ich wandle zwischen Nostalgie und Zuversicht – das beschreibt mich ganz gut, glaube ich.

4 Kommentare zu „Zugeständnisse ans Gestern

  • 22. März 2022 um 13:31
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    Ich wünsche dir viel Kraft und Freunde an deiner Seite, die dich unterstützen.

    Antworten
  • 22. März 2022 um 16:29
    Permalink

    „Non, rien de rien, no je ne regrette rien“, sang schon Edith Piaf. Aber da gings um Liebe.
    Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich meine Erinnerungen, gute wie schlechte, so oft hervorgeholt, durchdacht und umgebaut habe, dass ich wirklich nicht mehr weiß, was wirklich mit mir los war in meinen 20ern. Deswegen lebe ich lieber in der Gegenwart.
    Dein Text hat mir gut gefallen.

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    • 22. März 2022 um 19:46
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      In der Vergangenheit leben bringt einen definitiv nicht voran, deshalb halte ich das für eine weise Entscheidung. 😉
      Ich bedanke mich!

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