Motivation: Rauschzustand

Heutzutage genieße ich es, früh aufzustehen – und früh ist dabei wörtlich zu nehmen. Außerdem ist da kein ohrenbetäubendes Schellen, das mich weckt, noch nicht mal sanfte Streicher oder ein bloßes Vibrieren. Von ganz allein öffne ich tagtäglich zwischen 5 und 6 Uhr morgens die Augen.
Ich habe Gefallen daran gefunden, schon aktiv gewesen zu sein, bevor der Tag anbricht. Das bedeutet nicht, dass ich direkt hinausstürme, doch in der Regel beginne ich zu schreiben oder andere Arbeiten am Computer zu erledigen. Vor einigen Jahren wäre all das noch unvorstellbar gewesen.

Nicht nur, dass ich damals grundsätzlich deutlich später und mit einem üblen Kater aufgewacht bin – wenn nicht gar noch immer betrunken vom Vorabend –, auch unabhängig davon kam so etwas wie freiwillige Aktivität nicht infrage. An den Arbeitstagen war es mir zumeist möglich, das Bett zu verlassen, ohne direkt wieder zur Flasche zu greifen, in jedem anderen Fall war es jedoch ein Kampf. Ein Kampf, den ich selten antrat und in der Regel verlor, wenn ich doch den Mut fasste.

Dementsprechend fingen meine Tage häufig erst nach dem Mittagessen an. Dieses Mittagessen (irgendeine Lasagne oder Tiefkühlpizza) nahm ich nämlich mit Vorliebe im Bett zu mir. Was über den Weg in die Küche, um dem Ofen ein Fertiggericht darzubringen, hinausging, wurde mir von ungezählten inneren Barrieren verwehrt … Barrieren, die der Alkohol einzureißen vermochte.

Zwischen 15 und 16 Uhr – je nach Verfassung manchmal schon gegen 14 Uhr – nahm ich dann mein Wundermittel zur Hand. Das Geräusch beim Aufdrehen der Flasche, das leise Kratzen des Aluminiumdeckels am gläsernen Flaschenkopf: ein Zeichen, dass die Freiheit zum Greifen nah war.

Den nötigen Pegel zu erreichen, die lauschige Wärme eines jungen Rausches, konnte unter Umständen ein kräftezehrendes Unterfangen sein. Wenn der Vortag meinem Körper noch zu schaffen machte, sah ich teilweise keine andere Möglichkeit, als mir die klare Flüssigkeit fast schon gewaltsam zuzuführen. Richtig übergeben musste ich mich zu jener Zeit überhaupt nicht mehr, doch wie oft ich die ersten Schlucke unter größter Anstrengung, unter Husten und Würgen hinunterzwang, ist mir noch gut im Gedächtnis.

War diese Hürde allerdings überwunden, durchströmte mich plötzlich ein einnehmender Tatendrang. Meinen Haushalt (jedenfalls das, was unbedingt zu erledigen war) ging ich an, wenn der Tag sich seinem Ende näherte. Oft war ich sogar bis in die tiefste Nacht aktiv. Und nicht nur der Haushalt wartete brav, bis ich Energie getankt hatte, auch kreativ wurde ich nur, wenn ich trank. Selbst erreichen konnte man mich erst in den frühen Abendstunden.

Das Glück war selten von Dauer, dafür war es intensiv. In der guten Phase des täglichen Rausches war mein Körper von einer unwahrscheinlichen Glückseligkeit durchzogen. Wie viel effizienter (und im Falle der Kreativität auch qualitativ hochwertiger) ich hätte arbeiten können, hätte ich die Kontrolle über Leib und Seele nicht Tag für Tag dem Alkohol übertragen, habe ich ausgeblendet. Das System funktionierte – nicht optimal, aber akzeptabel.

Irgendwann gelangte ich allerdings an den Punkt, an dem nichts mehr ging. Mitunter ließ sich dieser erstaunlich weit hinauszögern, doch je später er kam, desto später begann im Allgemeinen auch der nächste Tag. Der nächste Tag, an dem sich – wenn nicht meine berufliche Tätigkeit dazwischenfunkte – der Kreislauf wiederholte.

Ich bin noch immer schockiert, welch banale Tätigkeiten mir früher nur unter dem Einfluss des Alkohols möglich schienen. Gleichzeitig verblüfft mich aber auch die Tatsache, dass ich mir mittlerweile selbst regelmäßig das Gegenteil beweise. Ich kenne beide Seiten und ich weiß, dass sie sich näher sind, als man auf den ersten Blick vermuten würde. Ich erzähle keineswegs von einem Paralleluniversum, ich erzähle von meiner Vergangenheit. Womöglich ist genau das der Grund, weswegen ich davon erzählen sollte; denn auch wenn ich meinen Frieden mit meinem Gestern geschlossen habe, vergessen möchte ich es nicht.

Motivation: Rauschzustand
                                            

Kevin Jell

Ich wandle zwischen Nostalgie und Zuversicht – das beschreibt mich ganz gut, glaube ich.

4 Kommentare zu „Motivation: Rauschzustand

  • 17. März 2022 um 12:09
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    Wirklich sehr schön geschrieben und ein schönes Foto.

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  • 19. März 2022 um 08:32
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    Hallo Kevin, bei mir sind’s im April 2 Jahre ohne Alkohol (ich habe Wein irgendwann schon zum runterkommen von der Arbeit gebraucht). Heute sehe ich die Dinge klar: wir leben in einer kranken Gesellschaft wo Alkohol verharmlost und romantisiert wird. Ich freue mich sehr für dich und wünsche dir alles alles Gute!

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    • 20. März 2022 um 09:21
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      Hallo Karolina,

      meinen Glückwunsch und viel Erfolg weiterhin!
      Ich sehe die Dinge ganz genau wie du. Normalerweise mache ich sowas nicht, also Leute direkt darauf hinweisen, aber ich habe ehrlich das Gefühl, mein Beitrag „Der Hang zur Abhängigkeit“ könnte dir gefallen, da geht es um ebendieses Thema: https://nebelferne.com/2021/07/12/der-hang-zur-abhaengigkeit/
      Wenn du möchtest, kannst du ja mal reinschauen. 🙂

      Hoffe, du hast einen schönen Sonntag! 👋

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