Wenn Alkohol den Tag bestimmt

Wie entscheidet ihr, ob ihr eine Einladung zu einem spontanen Abendessen annehmt? Überlegt ihr kurz, ob ihr bereits anderweitige Pläne habt? Wann ihr am nächsten Morgen rausmüsst? Ob ihr in der Stimmung dazu seid? Ich auch. Heutzutage. Vor einigen Jahren wollte da noch so ein kleiner Faktor namens Alkohol in den Entscheidungsprozess mit einbezogen werden: Hatte ich anderweitige Pläne? Selbstverständlich. Jeden Abend. Musste ich am nächsten Morgen früh raus? Jedenfalls viel zu früh, um erst mitten in der Nacht so richtig mit dem Trinken anfangen zu können. War ich in der Stimmung für ein gemeinsames Abendessen? Wie zum Teufel könnte ich in der Stimmung für etwas sein, was nicht eine halbe Flasche Wodka war? Bescheuerte Frage.

Ich habe mein Leben voll und ganz nach dem Alkohol gerichtet – und mich dabei sogar gut gefühlt. Die Opfer, die ich erbringen musste, waren es mir wert. Im Gegenzug durfte ich nämlich dem begehrten Rausch frönen und mindestens einmal pro Tag (vor allem dann, wenn es still wurde und ich alleine war) alle Sorgen vergessen. Noch heute bin ich nicht der spontanste Mensch, was möglicherweise auf die damalige Zeit zurückzuführen ist, aber die Ketten meiner Vergangenheit spotten jeder Beschreibung.

Eine diffuse Angst

Wenn ich bei meinen Großeltern zu Besuch war, hielt die Nervosität Einzug, falls sich gegen Nachmittag nicht bereits der baldige Abschied abzeichnete. Wenn ich zu meiner Schwester fahren wollte, konnte ich sie noch nicht einmal am Vorabend wissen lassen, wann mit mir zu rechnen sei. Wenn laut der neuen Arbeitspläne in den kommenden Wochen zu viele Frühschichten (Beginn zwischen 9 und 10 Uhr) auf Spätschichten (Ende zwischen 20 und 20:30 Uhr) folgen sollten, versetzte es mir einen Stich. Wenn sich dann auch noch der Feierabend einer jener Spätschichten wegen betrieblicher Umstände unvorhergesehen nach hinten verschob, wurde ich panisch. Nach außen drang bloß meine miese Stimmung, in meinem Inneren breitete sich zusätzlich jedoch eine diffuse Angst aus.

Ein absoluter Wendepunkt in meiner beruflichen Laufbahn war der Tag, an welchem ich selbst die Verantwortung für die Dienstpläne übernahm. Fortan richtete sich nicht mehr nur mein eigener Berufsalltag, sondern auch der meiner Kollegen nach meinem Alkoholkonsum. Zwar war ich stets bemüht, die Fairness zu wahren, allerdings schien jeder außer mir unglaublich flexibel zu sein – was mir natürlich in die Karten spielte.
Was mir ebenfalls in die Karten spielte, war der Fakt, dass mit größerer Verantwortung auch ein höheres Gehalt einherging. Mein Konsum wollte schließlich finanziert werden. Gott, ich weiß nicht mehr, wie oft ich durchgerechnet habe, was mir für den restlichen Monat noch an finanziellen Mitteln zur Verfügung stand oder welche Alkoholika ich mir noch leisten konnte. Nach meiner Beförderung war vorerst Schluss damit.

All das hinterlässt Spuren

Dennoch war ich selbstredend weit davon davon entfernt, ein unbeschwertes Leben zu führen. Wenn ich mich außerhalb der Familie unter Leute begab, achtete ich grundsätzlich darauf, dass im Rahmen der Zusammenkunft getrunken wurde. Dank des Flachmanns in der Innentasche meiner Jacke konnte ich mir dabei unbemerkt ein paar zusätzliche Schlücke gönnen – und weil es ohnehin mein Ding war, mehr als jeder sonst zu trinken, kam ich so ganz gut über die Runden. Alkoholfreie Termine brachten allerdings nach wie vor ein immenses Stressgefühl über mich, egal ob meine Vermieterin etwas von mir wollte oder ein Arztbesuch unumgänglich wurde. Nur wenn ich wusste, dass ich mich vorher wie nachher ausgiebig dem Konsum widmen konnte, war ich fähig, mit derartigen Verpflichtungen umzugehen. So begann ich, Termine in reichlich Freizeit einzubetten. Noch heute handhabe ich das gerne auf diese Weise; trotzdem fühle ich mich mittlerweile, unabhängig von regelmäßigen Verabredungen mit diversen Rauschmitteln, so frei wie nie … oder sagen wir, so frei wie seit der Kindheit nicht mehr – denn all das hinterlässt natürlich Spuren.

Mein gegenwärtiges Leben funktioniert nur aufgrund einiger Routinen. Es gibt fixe Eckpunkte, an denen ich mich orientieren muss. Wenn ich beispielsweise nicht täglich mindestens eine Stunde in der Natur verbringe, drücken mich negative Gedanken zu Boden. Auch ist es für mich essentiell, mir bereits im Vorfeld einen groben Plan bezüglich anstehender Pflichten zurechtlegen zu können. Abweichungen von diesem Plan, etwa Beschneidungen der für mich selbst anberaumten Zeit, machen mich unruhig. Im Vergleich zu den astronomischen Raten, die ich früher bereitwillig abgestottert habe, ist das jedoch ein äußerst erschwinglicher Preis für die Selbstbestimmung. Das ist schon in Ordnung.

Subtil wie keine andere Droge

Alkohol ist eine Droge, die sich auf der Grenze zwischen gesellschaftlich akzeptiertem und plötzlich doch verpöntem Konsum subtil wie keine zweite in den persönlichen Alltag schleicht und ihn mit den Jahren zunehmend beherrscht. Wenn ihr daran interessiert seid, wie es bei mir so weit kommen konnte, lege ich euch den Artikel „Mein Weg in die Abhängigkeit“ ans Herz. Möchtet ihr mehr über den irrsinnigen Umgang der Gesellschaft mit dem perfidesten Suchtmittel überhaupt erfahren, empfehle ich euch den Beitrag „Der Hang zur Abhängigkeit“. So oder so bedanke ich mich fürs Lesen und hoffe, je nachdem wo ihr steht, ihr wisst eure Freiheit zu schätzen oder seid in der Lage, sie Stück für Stück zurückzuerobern. Letzteres mag nicht ohne sein, aber es lohnt sich in jedem Fall.

Wenn Alkohol den Tag bestimmt
                                                                

Kevin Jell

Ich wandle zwischen Nostalgie und Zuversicht – das beschreibt mich ganz gut, glaube ich.

4 Kommentare zu „Wenn Alkohol den Tag bestimmt

  • 20. Dezember 2021 um 09:11
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    Ich lebte ein paar Jahre mit einem Alkoholiker, daher erlebte ich das Verhalten von der anderen Seite aus. Das war für mich schwer zu ertragen, weil ich die Manöver erahnte, aber nicht beschreiben konnte. Der Stress, den der Alkoholiker hat, den hat sein Umfeld auch.

    Mein Partner verstarb mit 41 Jahren. Damals war ich schwer erschüttert, heute denke ich, seine Qualen lösten sich mit seinem Tod auf.
    Unser gemeinsame Sohn ist jetzt über 30 Jahr alt und zeigt zum Glück kein Trinkerverhalten. Er kann daher unbeschwerter als sein Vater leben.

    Ich denke, dass für Alkoholabhängige, also der Suchterkrankung, das Leben immer von Stress gezeichnet ist. Egal ob er trinkt oder nicht trinkt. Auch die Abstinenz kostet Kraft und dauernde Aufmerksamkeit auf das, was man macht bzw. nicht machen darf. Die Fesseln der Abhängigkeit trägt man auch in der Abstinenz mit sich herum. Als Gegenzug steigt die Lebenserwartung in Würde und Selbstachtung.

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    • 28. Dezember 2021 um 11:39
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      Danke für deinen Kommentar. Es ist in jeder Hinsicht eine unschöne Angelegenheit, egal von welcher Seite aus man damit konfrontiert wird. Damit hast du absolut recht.

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  • 20. Dezember 2021 um 09:21
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    Hut ab vor deiner Offenheit. Und ich freue mich sehr für dich, dass du deine Sucht überwunden hast. Eine starke Leistung! Gut, dass deine selbst geschaffenen Routinen dir helfen. Deinen Alltag zu strukturieren.

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    • 28. Dezember 2021 um 11:41
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      Überwunden ist so ein absoluter Begriff, so würde ich das gar nicht bezeichnen. Ich habe gelernt, damit umzugehen. Dennoch weiß ich natürlich, wie du das gemeint hast, und danke dir dafür. 🙂

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