Der Straßenmusiker

Es ist ein kühler Morgen, aber es ist Samstag. Samstags sind die Menschen weniger in Eile. Sie haben Zeit und verweilen wenigstens ab und an einen Augenblick. Es wäre töricht, heute nicht zu spielen, also schnappt er sich seinen Hocker und macht sich auf in die Fußgängerzone.

Die meisten Passanten schenken ihm keine Beachtung, hin und wieder bildet sich jedoch eine kleine Traube von Zuhörern. Er ist gut. Er weiß mit der Gitarre umzugehen. Er spielt die verschiedensten Stücke, moderne und Klassiker, geht auf Wünsche ein und präsentiert obendrein regelmäßig Eigenkompositionen. Manche Menschen klatschen im Takt, andere schauen wie gebannt zu. Manche Menschen filmen ihn. Er erntet regen Applaus. Vor ihm liegt der geöffnete Gitarrenkoffer und allmählich sammeln sich darin die Münzen.

Er ist dankbar für jeden einzelnen Euro, ein jedes Kompliment, für jedes freundliche Lächeln, und doch hat er das Gefühl, nicht hierher zu gehören. Er liebt seine Kunst und er spielt aus Leidenschaft, aber an diesem Samstag beschließt er, nicht wiederzukehren. Auch nicht nächsten Samstag. Vielleicht irgendwann einmal – für ein paar Stunden, um der guten alten Zeiten willen. Wenn heute Abend jedoch die Sonne sinkt, wird er diesen Ort vorerst hinter sich lassen. Er ist kein Straßenmusiker. Er war es nie. Was genau er ist, kann er zwar nicht sagen, aber er ist bereit, dem Pfad ins Ungewisse zu folgen. Was auf einen wartet, fliegt einem selten zu.

Unter den unzähligen Passanten, die seinem Spiel bereits gelauscht haben, fanden sich mit Sicherheit auch solche, die es zu schätzen wussten. Wirklich zu schätzen. Solche, die mehr als ein paar Akkorde oder eine stimmige Melodie vernommen haben. Der Gedanke an sie weckt eine leise Wehmut. Dennoch ist er sich sicher, die richtige Entscheidung getroffen zu haben – ein Abschied ist nun einmal selten eine angenehme Angelegenheit. Wer weiß, vielleicht blickt er ja eines Tages von der Bühne ins Publikum hinab und sieht einen jener Passanten in der vordersten Reihe sitzen. Das würde ihn freuen.


Ich werde diesen Blog nicht komplett aufgeben, aber ich kann nicht sagen, wie oft wir uns noch lesen werden. Ich weiß auch noch nicht, welche Themenbereiche ich in Zukunft bedienen werde. Stand jetzt weiß ich nur, dass ich mich auf andere Dinge fokussieren möchte. Ein paar Beiträge habe ich noch auf Lager, danach ist es allerdings gut möglich, dass es hier ziemlich ruhig wird.
Ich bedanke mich bei allen Lesern und wünsche denen, die sich in der Ferne verlieren werden, das Beste für die Zukunft.

Kevin

Der Straßenmusiker
                                        

Kevin Schmidt

Ich wandle zwischen Nostalgie und Zuversicht – das beschreibt mich ganz gut, glaube ich.

13 Kommentare zu „Der Straßenmusiker

  • 15. November 2021 um 10:11
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    … wenn du nur nicht aufhörst zu schreiben!
    auch dieses wieder ein feines kleines prosastückchen. (ich habe früher auch mal mit einem freund straßenmusik gemacht.) einen lieben gruß von mir!

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    • 17. November 2021 um 19:57
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      Das tue ich nicht, keine Angst. Es kann etwas dauern, aber wenn es diesbezüglich Neuigkeiten zu vermelden gibt, werde ich sie hier kundtun. 😉
      Danke dir und einen lieben Gruß zurück!

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  • 15. November 2021 um 11:10
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    Hallo Kevin,
    das ist schade, weil ich deinen Gedankengängen gern gefolgt bin. Aber ich wünsche dir viel Erfolg bei dem, was du neues anfängst. Und vielleicht lese ich ja hin und wieder mal etwas von dir. Liebe Grüße Claudia

    Antworten
    • 17. November 2021 um 19:59
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      Hallo Claudia,

      das rührt mich. Vielen Dank für deine Wünsche. Wir werden sehen, was die Zukunft bringt. 🙂

      Liebe Grüße zurück

      Antworten
  • 15. November 2021 um 17:10
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    Würde mir sehr fehlen, wenn du nicht mehr hier schreibst!!!
    L.G. Gerel

    Antworten
    • 17. November 2021 um 20:03
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      Hallo Gerel,

      das freut mich einerseits und macht mich andererseits ein wenig traurig. Mein Entschluss steht fest, ich werde mich vermehrt anderen Projekten widmen.
      Aber, ohne etwas versprechen zu wollen, vielleicht überkommt es mich ja doch ab und zu und ich veröffentliche hier einen Beitrag. 🙂

      Liebe Grüße

      Antworten
  • 17. November 2021 um 10:38
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    Ich finde es auch schade und wünsche dir auch alles Gute! Alles hat seine Zeit.

    Antworten
    • 17. November 2021 um 10:43
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      Grüße von bonniepfotenpuff. Irgendwie bin ich nicht mehr bei WordPress angemeldet, wenn ich bei dir kommentiere.

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      • 17. November 2021 um 20:05
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        Das ist sehr seltsam, da ich doch die Kommentarfunktion wieder auf Standard umgestellt habe. 🤔
        Wie auch immer, ich danke dir ganz aufrichtig und wünsche dir ebenfalls alles Gute!

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