Unvertont – Nervengift

Schon seit ich denken kann, spielt Musik eine zentrale Rolle in meinem Leben. Ich liebe es, mich in ihr zu verlieren, und schätze sie überdies als kreatives Ausdrucksmittel. Genregrenzen waren mir dabei nie besonders wichtig, deshalb habe ich im Laufe der Jahre mit den verschiedensten Stilrichtungen experimentiert – unter anderem mit deutschem Rap.
Meine ursprüngliche Intention war es, Sprechgesang mit gutturalen Techniken zu verbinden. Davon abgesehen erfüllte meine Musik alle erforderlichen Kriterien sowie üblichen Klischees: Klassische Hip-Hop-Instrumentals, reimdurchzogene und rhythmisch variable Texte, viel Prahlerei und hin und wieder äußerst nachdenkliche und ehrliche Worte … und auf genau diese möchte ich hinaus.

Wie es mit der Musik und mir immer so war, habe ich nur wenig wirklich fertiggestellt. Ich verfüge über ein paar Demoaufnahmen, aber damit hat sich die Sache. Texte hingegen existieren eine Menge. Im Grunde drehen sie sich durch die Bank um Alkohol, doch die meisten davon fallen in die Kategorie der überzogenen Selbstdarstellung: Ich trinke jeden unter den Tisch und deswegen finden mich alle toll und so. Dass das meist nur vorgeschoben und meine Art war, die Sache herunterzuspielen, muss mir schon damals bewusst gewesen sein. Das zumindest lassen die bereits genannten, unverblümt direkten und schonungslosen Exemplare vermuten, die ich von Zeit zu Zeit zu Papier gebracht habe. Eines dieser Exemplare trägt den Titel „Nervengift“, und mir fällt keines ein, welches sich besser eignen würde, um ein erstes Mal in diesen Abschnitt meiner Vergangenheit einzutauchen.

Bedenkt bitte, dass es sich bei folgenden Zeilen nicht um ein Gedicht handelt. Vor allem, wenn man das zugehörige Instrumental nicht kennt, dürfte es aufgrund dessen an manchen Stellen schwierig sein, den richtigen Sprachrhythmus zu finden. Zwar sollte dieser Umstand der Wirkung und dem Inhalt an sich keinen Abbruch tun, aber ich wollte es dennoch einmal erwähnt haben.
Ansonsten bleibt eigentlich bloß noch zu sagen, dass ich mich entschieden habe, keine Umformulierungen vorzunehmen. Da dieser Text ohne Frage einen der aufrichtigsten und gleichzeitig intimsten meiner kreativen Laufbahn darstellt und mir noch heute verdammt nahegeht, erscheint es mir nur konsequent, ihn genau so zu veröffentlichen, wie er damals, vor über acht Jahren, geschrieben wurde.

Nervengift (2013)

(Part 1:)
Glaubt ihr echt, ich hätte Spaß daran, mich täglich abzuschießen?
Ich schreib seit Jahren, um dieses Kapitel endlich abzuschließen
Doch ich komm nicht voran, verfolge kaum noch Ziele
Hasse, was mich ausmacht, und doch liebe ich den Traum von Liebe
Ich schau den Kindern zu, die draußen spielen und ich hoff
Dass keines mich je trifft und eines Tages meinen Spuren folgt
Ich denk an meinen Cousin und an meine kleinste Schwester
Und ich wünsche mir von Herzen, die beiden machens besser
Wie oft hab ich gute Freunde und wie oft hab ich mich enttäuscht?
Ich will nicht mehr, aber immer dann, wenn nichts mehr läuft
Hör ich auf den Schwachsinn, den die Flasche mir verspricht
Bis sie aus meinen Händen gleitet und wieder bricht
Weißt du, wie es ist, wenn man anderen beweisen will
Dass man sich im Griff hat und darum jeden Abend heimlich trinkt?
Ich red mir ein, dass ich das alles gradebieg
Und doch bleibt dieses reine Gift, das durch meine Adern fließt

(Hook:)
Ich schau in den Himmel, er ist wolkenlos heut Nacht
Doch ich mach mir nichts vor, ich hab es heut nicht weit gebracht
Ich schließ die Augen, denn dann sehe ich die Sterne nicht
Denn egal, was ihr Licht auch bricht, es ist Nervengift
Augen zu, ich seh das Licht in der Ferne nicht
Es ist Nervengift
Ich seh das Licht dieser Sterne nicht
Doch ganz egal, was es auch bricht, es bleibt reines Nervengift

(Part 2:)
Ich kann kaum irgendwem noch in die Augen sehen
Wenn mir bewusst wird, wie viele Menschen auf mich zählen
Wie viele Menschen, zu denen ich stets ehrlich bin
Mich gar nicht kennen, gar nicht wirklich wissen, wer ich bin
Doch würd ich beichten, würden manche untergehen
Oma weiß, es geht ihm gut und ihr Junge lebt
Und wenn meine Mutter mich besuchen kommt
Pack ich die Flaschen in den Schrank, ich hab genug davon
Es wird Frühling und die Tage werden länger
Sehr viel mehr hat sich dennoch nicht verändert
Aber weil es vor zwei Monaten jetzt schon nicht mehr hell war
Fühlt sich jeder Schluck noch härter an, eigentlich seltsam
Die Sonne lässt sich Zeit, doch ich warte drauf
Dass sie endlich sinkt, ich verlasse nur bei Nacht das Haus
Denn wie es weitergeht, kann ich nicht sagen
Aber wenn mich niemand sieht, dann stellt mir auch niemand Fragen

(Hook:)
Ich schau in den Himmel, er ist wolkenlos heut Nacht
Doch ich mach mir nichts vor, ich hab es heut nicht weit gebracht
Ich schließ die Augen, denn dann sehe ich die Sterne nicht
Denn egal, was ihr Licht auch bricht, es ist Nervengift
Augen zu, ich seh das Licht in der Ferne nicht
Es ist Nervengift
Ich seh das Licht dieser Sterne nicht
Doch ganz egal, was es auch bricht, es bleibt reines Nervengift

Unvertont – Nervengift
                                            

Kevin Schmidt

Ich wandle zwischen Nostalgie und Zuversicht – das beschreibt mich ganz gut, glaube ich.

10 Kommentare zu „Unvertont – Nervengift

    • 18. Oktober 2021 um 22:12
      Permalink

      Kann schmerzhaft sein, ist aber zumeist – wenn nicht sogar immer – die zielführendste Option. Danke dir, Nati. 🙂

      Antworten
  • 18. Oktober 2021 um 12:22
    Permalink

    Lieber Kevin, das sind knallharte Worte, die das Zeug haben, sich ansprechend vortragen zu lassen. Viel wichtiger ist jedoch, dass deine Gegenwart möglichst wenig mit der beschriebenen Realität zu tun hat.

    Liebe Grüße & gute 24 Stunden, Reiner

    Antworten
    • 18. Oktober 2021 um 17:52
      Permalink

      Danke dir, Reiner.

      Meine Gegenwart hat damit glücklicherweise nicht mehr allzu viel gemein, nein.

      Auch dir liebe Grüße!

      Antworten
  • 18. Oktober 2021 um 12:55
    Permalink

    ja, wer nach anderen schaut um jemand zu sein, verliert schon mal seine Spur. Grüße Arkis

    Antworten
  • 18. Oktober 2021 um 14:34
    Permalink

    Sehr gut geschrieben. Wäre interessant aktuelle Texte von jetzt zu lesen oder zu hören.

    Ich vergesse nie den Satz eines alten Schriftstellers:“ Wir können so schreiben, wie wir schreiben, weil wir erleben, was wir erleben. Wer nichts erlebt, hat auch nichts zu erzählen. “

    Das ist das Leben.

    Antworten
    • 18. Oktober 2021 um 17:55
      Permalink

      Vielen Dank, Nicole. Ich habe die Idee noch nicht endgültig verworfen, diese alten Texte einmal aufzunehmen – eines Tages vielleicht. Allerdings habe ich schon länger nichts mehr in der Art geschrieben. Derzeit drücke ich mich lieber in Blogeinträgen aus. 🙂

      Das ist das Leben, ja.

      Antworten

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