Ein Augenblick der Monarchie

Ist es nicht unglaublich, dass ich gerade in meinem Bett liege, mit dem Daumen auf einem winzigen Bildschirm herumtippe und somit diese Zeilen verfasse? Zeilen, die letztlich auf Nullen und Einsen heruntergebrochen werden können? Dass ich diese Nullen und Einsen am Ende durch ein unsichtbares Datennetz schicke, um sie innerhalb von Sekunden für Nutzer auf der ganzen Welt zugänglich zu machen? Dass man die Seite, auf der sie veröffentlicht werden, mithilfe eines von mir erdachten Namens erreichen kann? Mich jedenfalls faszinieren solche Gedanken.

Menschen bauen Flugzeuge, die die Schallmauer durchbrechen, schießen Satelliten ins All, die unsere Erde auf festen Bahnen umkreisen, und erforschen fremde Planeten. Menschen machen sich Naturwissenschaften zunutze und stellen Kunststoffe in allen erdenklichen Farben und Formen her. Menschen zehren von einem schier unerschöpflichen Vorrat an Kreativität und Erfindergeist, malen, schreiben, komponieren und errichten Gebäude, die mehrere hundert Meter in den Himmel ragen. Sie ziehen Energie aus unterschiedlichsten Ressourcen und gestalten die Landschaft nach ihrem Gutdünken. Menschen spielen mit künstlichen Intelligenzen und haben die Effizienz der Agronomie auf ein schwindelerregendes Niveau gehoben. Menschen denken sich nichts dabei, wenn sie Giftköder für ein paar lästige Insekten auslegen. Menschen züchten andere Lebewesen zum Vergnügen oder um sie bei Bedarf abschlachten zu können. Sie wissen um die Grundbedürfnisse, die man dem Nachwuchs jener Lebewesen zugestehen muss, damit er halbwegs bei Sinnen bleibt und zeitnah weiteren Nachwuchs produzieren kann. Was während dieser Prozedur vor die Hunde geht, wird entsorgt, was aufgrund unvorstellbarer Strapazen erkrankt und somit droht, die Wirtschaft zu belasten, wird umgebracht und verbrannt.

Toxischen Sondermüll, den die Maschinerie der Moderne abwirft, leitet man über Flüsse ins ausgebeutete Meer oder vergräbt ihn irgendwo im Hinterland. Die Wälder rodet man oder durchzieht sie mit Autobahnen, um schneller von einem Ort zum anderen gelangen zu können und den Lebensstandard in den umliegenden Dörfern anzuheben. Anschließend baut man Grünbrücken, um den Wildbestand zu schützen. Sollte die Population dennoch aus dem Gleichgewicht geraten, schickt man eine Handvoll naturverbundene Jäger hinterher und lässt sie für das manipulierte Ökosystem ein paar Hundert unschuldige Geschöpfe abknallen. Im Optimalfall zerlegt man daraufhin deren Kadaver und verarbeitet sie zu edlen Nahrungsmitteln, um obendrein ohne schlechtes Gewissen schlemmen zu können – waren ja glückliche Tiere.
Wenn das Volk sich dann vollgefressen und die Überreste des Desserts (eine süße Versuchung auf Basis deliziöser Menstruationsprodukte unbefruchteter Hühner und Muttermilch geschändeter Kühe) die Toilette hinuntergespült hat, besteht die Gefahr, dass die Gesundheit sich zu Wort meldet. Um diese zum Schweigen zu bringen, bemüht man die Forschung. Da sich das lederne Portemonnaie nicht von selbst füllt, verkauft man die daraus hervorgehenden Erzeugnisse zu stattlichen Preisen und sorgt dafür, dass ein jeder Bürger von ihnen Gebrauch macht. Gezwungen wird allerdings niemand, nein, jeder darf selbst entscheiden, ob er sich an den Pranger stellt oder der allheiligen Pharmazie die Treue schwört.

Abseits dieses ganzen Irrsinns führt man Kriege und betrauert die Toten, während man zugleich vom großen Frieden träumt. Von einer Welt, deren Bewohner sich allesamt frei entfalten können. Wer Ingenieur werden will, wird Ingenieur, wer Sportler werden will, wird Sportler. Wer fremde Länder bereisen und Kulturen kennenlernen möchte, bricht auf in die Ferne und legt bei Bedarf einen kurzen Zwischenstopp in Afrika ein – denn auch der, dem zu seinem persönlichen Glück nur noch das Kind im Bett fehlt, bleibt in einer perfekten Welt nicht außen vor.

Menschen sind Meister in vielerlei Disziplinen. Die offensichtlichsten darunter dürften wohl Bigotterie, Kurzsichtigkeit und Selbstbetrug sein. Allerdings macht ihnen auch niemand etwas vor, wenn es darum geht, den Blick gänzlich abzuwenden oder so lange auf Kritiker einzuschlagen, bis den Parasiten aus den eigenen Reihen angesichts der zertrümmerten Schädel das Wasser im Mund zusammenläuft. Na ja, es ist wie es ist. Gibt dringlichere Probleme. Zum Beispiel, dass noch immer nicht jeder verstanden hat, dass man das N-Wort auch dann nicht verwenden darf, wenn man Unbedarften mitzuteilen versucht, welches Wort sie nicht verwenden dürfen.

Der Mensch ist unvollkommen bis aufs Mark, kompensiert das jedoch mit grenzenloser Selbstüberschätzung und Wichtigtuerei. Da wird von der Krone der Schöpfung gefaselt, während man ebendiese Schöpfung enthauptet. Makaber, aber gleichzeitig irgendwie unfassbar komisch. Ja, es fällt mir schwer, die Menschheit ernstzunehmen, auch wenn mich der besserwisserische und auf emotionalen Fakten basierende Unsinn, der tagtäglich über sämtliche Propagandakanäle verbreitet wird, rasend macht. Was bleibt mir daher anderes übrig als zu versuchen, mein zynisches Grinsen zu bewahren und einigermaßen bedacht meiner Wege zu gehen? Eben. Es ist vermutlich meine Bestimmung, ein Dasein fernab der Zivilisation zu fristen – als verschrobener, verbitterter Spinner. Und obwohl ich normalerweise nicht auf Genugtuung aus bin, gestehe ich an dieser Stelle, dass ich eines Tages gern miterleben würde, wie das arrogante Funkeln aus den Augen der Obrigkeiten verschwindet und sich die Desillusionierung auf den Gesichtern ihrer hörigen Gefolgschaft niederschlägt. Ein abschließendes „Ich hab es ja gesagt.“ wäre wundervoll … aber leider wird es dazu nicht kommen. Dafür wird am Ende alles viel zu schnell gehen.

Ein Augenblick der Monarchie
                                                                

Kevin Schmidt

Ich wandle zwischen Nostalgie und Zuversicht – das beschreibt mich ganz gut, glaube ich.

8 Kommentare zu „Ein Augenblick der Monarchie

  • 4. Oktober 2021 um 09:57
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    Hallo Kevin,

    alles richtig, und jetzt?
    Einen drauf trinken?
    Sterben gehen?

    Veränderung fängt bei mir an, bei dir, jedem von uns. Frustrierend wird es, die Ziele zu hoch zu stecken. Kleine Schritte summieren sich auch, was den Konsum angeht.Das perfide an dieser Wahrheit ist, man darf sie nicht zu laut sagen, wird unser aller Wohl doch von handeln, wandeln und gewinnen getragen. Einen massentauglichen Weg da raus kenne auch ich nicht, bis dahin übe ich mich in Bescheidenheit, was die Gier nach Dingen und Fressen angeht. Weniger und besser hilft.

    Liebe Grüße, Reiner

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    • 4. Oktober 2021 um 21:17
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      Hallo Reiner,

      ich schätze, auf deine einleitende Frage gibt es keine Universalantwort.
      Zu große Ziele können einen lähmen, zu viel Akzeptanz der Situation halte ich wiederum für Selbsttäuschung. Gewissermaßen für eine Weigerung, Verantwortung zu übernehmen. Optimalerweise verläuft der individuelle Weg wohl irgendwo dazwischen.

      Danke dir für deinen Kommentar!

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  • 4. Oktober 2021 um 13:37
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    Ich kenne diese Ohnmacht, dieses Gefühl der Enttäuschung nur zu gut. Mich hat die Oberflächlichkeit der breiten Masse wahnsinnig gemacht, keinen Deut über den Tellerrand, hinter die Kulissen zu schauen. Sich scheinbar keine Gedanken über den Sinn ihrer Existenz zu machen. Wie gerne wäre ich nach Atlantis ausgewandert und hätte dort um Asyl angesucht! 🙂
    Irgendwann musste ich einsehen: Ich werde die Welt nicht retten können. Ich kann einzig dafür sorgen, dass meine „kleine“ Welt um mich rum in Ordnung ist, dass ich meinen Beitrag leiste, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen, dass ich ein Klima schaffe, in dem sich Menschen ansiedeln, die sich sehr wohl Gedanken machen – und die gibt es. Ich habe sie bei mir. Heuer kam ein ganz besonderer Mensch dazu, der sich ganz besonders viele Gedanken macht. Und deshalb glaube ich daran, dass die Welt noch nicht ganz verloren ist, vielleicht muss alles erstmal richtig schlimm werden, bevor es richtig gut wird.
    Danke Kevin, dass du zu denen gehörst, die sich Gedanken machen und bis zum Horizont schauen.

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    • 4. Oktober 2021 um 21:30
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      Ganz viel dessen, was du schreibst, enspricht exakt meinen Erlebnissen sowie Erkenntnissen. Allerdings glaube ich ehrlich gesagt nicht, dass das ganze Konstrukt noch zu retten ist. Ich kann zwar nicht in die Zukunft sehen, aber ich vermute stark, dass das alles zugrunde gehen wird. Darin sehe ich jedoch wiederum Hoffnung. Vielleicht wird anschließend alles besser.
      So oder so versuche ich, so bewusst zu leben, wie es mir möglich ist. Ich denke nicht, dass ich damit die Welt rette, aber einen winzigen Teil von ihr. Und den rette ich mit bestem Gewissen. 😉

      Danke dir für den Kommentar und besonders für die lieben Worte – die ich an dieser Stelle zurückgeben möchte. 🙂

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  • 29. Oktober 2021 um 01:40
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    Lieber Kevin,
    ich denke, du kennst die weisen Worte von Ghandi: Sei du selbst die Veränderung, die du in der Welt sehen willst 😉
    Herzlicher Gruß,
    Kirsten von unverschlossen

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    • 29. Oktober 2021 um 16:13
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      Hallo Kirsten,

      sehr wohl kenne ich die. Und der Gedanke dahinter ist natürlich ein löblicher. Allerdings tilgen sie weder Mitgefühl noch Fassungslosigkeit – und falls doch, läuft meiner Meinung nach wiederum etwas verkehrt. 😉

      Liebe Grüße
      Kevin

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  • 30. Oktober 2021 um 08:34
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    Was für ein Text! Bang! Zynisch auf den Punkt gebracht, was „die Welt und ihr berühmtes Glänzen“ ist.

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    • 31. Oktober 2021 um 16:17
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      Ich bedanke mich ganz aufrichtig. Es freut mich ungemein, wenn ein Text genau so ankommt, wie er gedacht war. 🙏

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