Am ersten Tag des Herbstes

Es gibt Tage, da erscheint mir schon das bloße Atmen wie eine kaum zu meisternde Herausforderung. Als hätte sich die Außenwelt ganz langsam angepirscht, um mich schließlich zu packen und mir mit festem Griff nach und nach sämtliche Kraft zu entziehen. Eindrücke, Pflichten und erdachte sowie tatsächliche Erwartungen prasseln von allen Seiten auf mich ein und wecken entweder meinen Fluchtinstinkt oder sorgen dafür, dass ich am Limit der Reizbarkeit eine Schutzhaltung einnehme. Heute, da ich diese Zeilen schreibe, ist ein solcher Tag.

Ich bin mir nicht sicher, inwiefern sich die Dinge, die mich unter Druck setzen, und meine Grundstimmung gegenseitig bedingen, doch ich weiß, dass mich an solchen Tagen auch die Kleinigkeiten, mit welchen ich mich konfrontiert sehe, aus der Bahn werfen können. Ein paar unbeantwortete Nachrichten, eine unangenehme Aufgabe, die am Nachmittag ansteht, eine kreative Flaute und Stunden, die viel zu schnell verstreichen – der Berg, den es zu bezwingen gilt, ist mehr als die Summe seiner Teile.

Obendrein hallt da diese Stimme wider, die mir sagt, dass ich mich unbedingt um das Wohlergehen einer bestimmten Person erkundigen und eine weitere darüber in Kenntnis setzen müsste. Nun ist es nicht so, dass ich mich nur aus Pflichtbewusstsein für die Verfassung mir nahestehender Menschen interessiere, aber vorige Woche hat sich ein Abgrund aufgetan, mit dem ich nicht gerechnet habe. Plötzlich ist da dieses omnipräsente Unbehagen, das ich nicht habe kommen sehen. Die erschreckende Realität und der ungewisse Ausgang jener Situation lösen in mir eine seltsame Form von Angst aus; Angst vor tiefer, vor allem aber alles überschattender Traurigkeit. Ich schätze, deshalb versuche ich, das irgendwie von mir wegzuschieben.

Mein Mangel an Kreativität und Inspiration geht Hand in Hand mit der knapp bemessenen Zeit meiner Wahrnehmung. Ich bin Perfektionist und mitunter ungeheuer verbissen. Wenn das Gefühl in mir aufkeimt, ich müsste jetzt etwas zu Papier bringen, dann muss das auch geschehen – ohne Rücksicht auf Verluste. Wenn ich stattdessen vergeblich nach Worten suche, während der Sand durch die Sanduhr rinnt, steigt mein Puls ganz allmählich bis ins Unermessliche, um am Ende in Form von Vorwürfen und Selbstzweifeln auf den Augenblick niederzubrechen. Das war heute der Punkt, an dem ich hinaus in die Wälder geflohen bin.

Ja, und jetzt sitze ich hier, auf einem schmalen Steg am Ufer des nahegelegenen Sees und ordne meine Gedanken. Ich weiß zu jedem Zeitpunkt, dass die Natur eine immense Wirkung auf mich hat, aber dennoch unterschätze ich ebendiese andauernd. Paradox. Die Natur hilft mir, jegliche Umstände in einem anderen Licht zu sehen und wieder zur Ruhe zu kommen, wenn die grellen Schreie der vermeintlichen Wirklichkeit mich geblendet haben. Besonders heute, am vielleicht ersten richtigen Herbsttag des Jahres trägt der laue Wind einen Hauch von Freiheit mit sich. Ich beobachte die Wasserläufer und stelle regelmäßig fest, dass meine Reflexe nicht ausreichen, um einen Blick auf die ab und an in die Höhe springenden und mit einem lautem Platschen wieder in ihr Element tauchenden Fische zu erhaschen. Ist aber halb so schlimm, irgendwann wird es mir schon gelingen. Ich habe ja Zeit.


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grinsekatz
13. September 2021 09:33

Guten Morgen Kevin,

emotionale Flashbacks waren und sind immer noch auch ein Thema für mich. Es verändert sich, mit den Jahren, und der Sprung in die Gegenwart fällt leichter. Und – die Wälder sind auch Teil der Wirklichkeit 😉

Liebe Grüße, Reiner

Bettina Zarneckow
13. September 2021 11:31

Ja, der Druck durch zu erledigende Aufgaben und der Druck des Kümmerns um andere Menschen. Das kenne ich auch. Dinge, Pflichten erledige ich recht schnell, aber das Kümmern um andere gelingt mir nur unbeschwert bei bestimmten Menschen. Aber, ich lese, ich bin nicht allein mit diesem Druck. Deine Art zu schreiben finde ich wohltuend.
Bettina

Joe
Joe
16. September 2021 00:34

In den Wald, mache ich in so einer Situation auch. Und erzähle mein Leid den Bäumen. Die sind froh um Besuch, dort ist sonst nur selten jemand am laufen. Nicht immer geht’s mir danach besser, aber oft.