Der Kläger in der Opferrolle

Ich würde ein anderes Leben führen, wäre ich nicht bei meinem Vater aufgewachsen. Vielleicht hätte ich weniger Menschen vergrault, vielleicht sogar mein Abitur durchgezogen. Vielleicht hätte ich niemals angefangen zu trinken. Ziemlich sicher wäre mir jedenfalls eine Unzahl niederschmetternder Erfahrungen erspart geblieben – und trotzdem hege ich keinen Groll gegen ihn.

Häufig hat er erwähnt, er habe sich bereits in jungen Jahren geschworen, einmal ein besserer Vater zu werden, als es der seine gewesen sei – heute sprechen wir nicht mehr miteinander. Das ist jedoch in Ordnung. Ich wünsche ihm das Beste und mache ihm keinerlei Vorwürfe. Im Gegenteil, ich bin ihm dankbar. Dankbar für die Möglichkeiten, die er mir geboten hat, dankbar für die wahnwitzig kreativen Aktionen, die so manch besonderen Anlass erst unvergesslich gemacht haben, und dankbar für unzählige gemeinsame Augenblicke, an welche ich für alle Zeit mit einem Lächeln auf den Lippen zurückdenken werde. Ich möchte hier keine schmutzige Wäsche waschen, denn es geht mir nicht darum, ihn zu beschuldigen … womit wir beim eigentlichen Punkt dieses Beitrags wären:

Es ist egal, wer die Schuld trägt

Wer oder was die Schuld trägt, ist irrelevant – nicht nur in diesem Fall. Sicher, zu sondieren, weshalb sich die Dinge in eine gewisse Richtung entwickelt haben, kann von Vorteil sein, allerdings sehe ich keinen Sinn darin, jemanden an den Pranger zu stellen. Schuldzuweisungen enden in Resignation. Es mögen Verantwortliche gefunden werden, aber Einsicht lässt sich unmöglich erzwingen. Sofern wir es also nicht mit gesetzeswidrigen Vergehen zu tun haben, werden die angeblichen Täter weiterhin unbehelligt ihrer Wege ziehen – und die Kläger in der Opferrolle verweilen. Dabei ist die Frage doch, was man aus den Trümmern macht, die einem gegeben sind.

Ich bin keineswegs frei von Neid und Missgunst. Dennoch versuche ich, mich nicht darin zu verlieren. Ich lebe nämlich nicht das Leben einer anderen Person, ich lebe mein Leben – mit meiner Vergangenheit, meiner Gegenwart und vor allem mit meiner Zukunft – folglich konzentriere ich mich auch darauf.

Akzeptanz ist der Schlüssel

Inwiefern profitiere ich davon, mich in Anbetracht fremden Wohlstands dem Selbstmitleid hinzugeben? Und inwiefern bringt es mich voran, den halben Planeten zu überzeugen, dass dieser oder jener mich gebrochen hat? Womöglich wähne ich mich dadurch im Recht, schmeichle indirekt meinem Ego und baue mich mithilfe der Bestätigung und des erzwungenen Mitgefühls Außenstehender auf eine konfuse Art und Weise wieder auf … aber dann baue ich ohne Fundament.

Zu hören, dass es jemandem leidtut, kann unfassbar erleichternd sein, ja. Trotzdem finde ich nicht, dass Eingeständnisse oder Entschuldigungen die Basis für das persönliche Wohlergehen bilden sollten. Sie können jene Basis stärken und dabei helfen, etwaigen Widrigkeiten gefestigter entgegenzutreten, aber worauf es wirklich ankommt, ist Akzeptanz. Die Fähigkeit, sich von der Schuld anderer loszusagen, verheißt immense Freiheit – und letzten Endes ist mir meine Freiheit wichtiger, als es jede Anklage, jeder Groll und jede Genugtuung je sein könnten.

Der Kläger in der Opferrolle
                                                                    

Kevin Schmidt

Ich wandle zwischen Nostalgie und Zuversicht – das beschreibt mich ganz gut, glaube ich.

11 Kommentare zu „Der Kläger in der Opferrolle

  • 24. Juli 2021 um 08:39
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    Den eigenen Frieden finden, mit dem was war, ist der bessere Weg.
    Ändern kann man die Vergangenheit und die Menschen, die es verursacht haben, eh nicht.

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  • 24. Juli 2021 um 09:27
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    Hallo Kevin,

    dein Eintrag bewegt mich. Du bist mutmaßlich in dem Alter meines Sohnes, der bei seiner Mutter aufwuchs und alle 2 Wochen bei mir war. Der klassische Wochenendpapa. Möglicherweise bin ich im Alter deines Vater, der meine lebt übrigens auch noch, mit 87 Jahren. So bin ich Vater und Sohn, was interessante Perspektiven eröffnet.

    Würde, wäre, hätte – der Konjunktiv führt zu nichts außer Grübeleien und depressiven Stimmungen. Du hast diese deine Lebensgeschichte und hättest (!) du eine andere, wären (!) deine Lebensschwierigkeiten womöglich anders gelagert, aber dennoch vorhanden. Zu trinken hättest (schon wieder…) du so oder so begonnen, die Gier danach ist in einem Menschen angelegt, von Geburt an. Als trockener Alkoholiker weiß ich, wovon ich schreibe.

    Schuld ist ein Konstrukt, dass für mich heute allenfalls auf schwere Verfehlungen passt. Ein jeder macht sein Ding, so gut es geht, erst ein vergleichen schafft die Bewertung. Mit Ursache und Wirkung kann ich mehr anfangen. Mein Vater ist eine gewaltige Mischung aus einem egomanischen Arschloch und einem durchaus liebenswerten Menschen. Das hat er sich nicht so ausgesucht, Reflexion ist dieser Generation weitestgehend unbekannt, als Kriegskinder. Meine Therapie bestand aus 22 Jahren Alkohol- und Drogenmissbrauch, letztendlich erfolglos, da mich diese Art zu leben wenn auch nicht sofort umgebracht, so doch nah dran war, mir meinen Verstand sowie den letzten Rest Menschenwürde zu rauben.

    Und selbst? Ich hatte nie den Vorsatz, etwas besser zu machen. Anders, ja, ob es besser war, sieht man Jahre später. Ich habe mich dabei von meiner Intuition leiten lassen und das war gut so, rückblickend.

    Der Schlüssel liegt in der Vergebung, ausgehend von der Erkenntnis, dass ein jeder stets das ihm/ihr Beste gegeben hat, auf welchen Niveau auch immer. Mehr war da eben nicht, aber auch nicht weniger, bei genauerem hinschauen. Du nennst es Akzeptanz, das ist zunächst eine Vorstufe der Vergebung. Anerkennen, was war, was ist, nichts mehr in Frage stellen. Die Akzeptanz wohnt im Kopf, die Vergebung etwas tiefer, im Herzen oder im Bauch, je nachdem wo man den Sitz der Seele vermutet 😉

    Danke für deine Offenheit hier beim teilen und liebe Grüße!

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    • 24. Juli 2021 um 09:50
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      Muss/sollte man immer vergeben? Ich denke nicht. Den eigenen Frieden finden und damit abschließen ja.
      Liebe Grüße zu dir Reiner.

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      • 24. Juli 2021 um 13:18
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        Niemand muss oder sollte vergeben. Vergebung ist (für mich) auch kein Akt der Nächstenliebe, sondern dient meinem Frieden hauptsächlich mit mir selbst. Das kann Wirkung auf den Menschen haben, dem ich vergebe, muss es aber nicht, wenn kein Kontakt mehr besteht oder der/die Betreffende tot ist. Meiner Erfahrung nach finden wir keinen wirklichen Frieden ohne Vergebung.

        Liebe Grüße auch dir, Nati!

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        • 24. Juli 2021 um 13:24
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          Seit ich deinen Kommentar las, frage ich mich ob mein innerer Frieden die Vergebung beinhaltet oder nicht.
          Wenn ich bewusst an die Vergangenheit denke oder mir die Menschen dazu vorstelle, würde ich sofort laut NEIN sagen. Aber sicher bin ich mir nicht.
          Danke dir.

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    • 24. Juli 2021 um 21:48
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      Vielen, vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar. Ich gestehe, dass er wiederum mich berührt hat.

      Ja, ich glaube das mit dem Trinken auch, aber ich weiß es nicht. Ich bin mir dabei nicht so sicher. Wobei ich mir allerdings sicher bin, ist die Sache mit der Grübelei. Und auch das Prinzip von Ursache und Wirkung ziehe ich dem von Täter und Opfer vor.

      Bei der Vergebung wiederum bin ich hin- und hergerissen. Mir scheint Akzeptanz passender, da dem Begriff der Vergebung gefühlt doch mehr Schuldzuweisung anhaftet. Was soll ich denn vergeben, wenn ich gar keine Schuld mehr sehe? Oder habe ich dann bereits vergeben? Ich bleibe bei Akzeptanz, da bleibt der Fokus nämlich bei mir. 😉

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    • 26. Juli 2021 um 11:55
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      Lieber Reiner, ich bin absolut begeistert von deinem Kommentar und gebe dir vollkommen recht mit deiner These der Vergebung. Denn es ist, wie es ist: man kann die Welt nicht ändern. Lediglich die eigene Sicht darauf. Und dazu gehört auch die Vergebung. Sicherlich fällt das in Einzelfällen sehr schwer aus und kann nicht mit einem Knopfdruck passieren.
      Sich jedoch immer wieder darin zu üben hilft ungemein. Nicht nur dem eigenen Seelenfrieden, sondern mitunter auch dem, dem man vergibt. 🙂
      Liebe Grüße Bea

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  • 24. Juli 2021 um 13:42
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    Erst fing ich an zu schimpfen, weil ich in diese Familie geboren wurde.

    Dann zweifelte ich daran, dass ich zu dieser Familie gehörte.

    Dann war und bin ich dankbar, für all die harten Lektionen, die ich bekam, denn sie halfen mir meine Vergangenheit zu überleben.

    Heute verzeihe ich ihnen, für alles was war, denn sie spielten nur ihr Spiel mit den Möglichkeiten, die ihnen zur Verfügung stehen, so wie sie es heute noch manchmal spielen.

    Und ich habe ihnen vergeben, um mich von ihnen zu lösen, damit ich frei bin.

    Und heute verändert sich alles.

    Die Vergebung und Akzeptanz von allem was ist und was war, gab mir meine eigene Freiheit zurück.

    Denn wenn du nicht vergeben kannst, zieht es dich in dein eigenes tiefes Loch, was du dir selbst im Laufe der Zeit gegraben hast, weil du jemanden für schuldig sprichst, obwohl du kein Richter bist.

    Das Universum regelt alles selbst.

    Wenn du jemanden für etwas bestrafen willst, bestrafst du dich eigentlich nur selbst und tust dir selbst weh.

    Immer wenn mir heute noch eine für mich ‚ungerechte‘ Situation begegnet, sage ich mir:

    “ Das Universum wird für Ausgleich sorgen. Jederzeit. Ich brauche dort nichts tun. Ich brauche nur alles tun, um den Fokus auf mich zu halten und jede Sekunde zu gucken und zu überlegen, was macht mich glücklich?
    Was sollte ich jetzt tun, damit ich mich freue , ohne jemanden dazu zu benötigen?“

    Danach geht es mir wirklich gut, weil ich in dem Moment an mich denke und z.B. Musik mache und aufhöre den Fokus auf ANDERE zu setzen, die mein Leben sowieso nicht verändern können. Das kann nur ich selbst.
    Ich selbst kann mich nur glücklich machen, kein anderer, kein Freund, keine Familie, keine Regierung, kein Arzt.

    Nur ICH.

    Wenn ich glücklich bin, dann bin ich gesund.

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  • 25. Juli 2021 um 11:31
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    Meine Mutter hatte auch den Vorsatz eine bessere Mutter zu sein, als ihre eigene Mutter. Das hat sie auch geschafft, sie war eine bessere Mutter als meine Oma, aber trotzdem eine schreckliche Mutter für mich. Du hast recht das Klagen macht keinen Sinn, sie/er haben ihr Bestes versucht und sind doch gescheitert. Auch Eltern sind nur Menschen, die manchmal instinktiv handeln. Aber ich lebe, sie hat mir auch das Leben geschenkt und dafür kann man neben allen Groll dankbar sein.

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