Atme

Ist gut jetzt, Zeit aufzustehen.
Das habe ich alles schon durch. Mir war entfallen, dass ich beschlossen hatte, nicht mehr in Selbstmitleid zu versinken. Seht es mir nach, Deutschland hat mich ziemlich aus der Bahn geworfen. Mittlerweile sind es allerdings nicht mal mehr vier Wochen und es geht zurück nach Schweden. Das werde ich schon noch irgendwie schaffen.

Ich werde meine Schlüsse daraus ziehen. Das Leben in der Stadt wird für mich keine Option mehr sein. Ich brauche Ruhe, mehr als mir bislang bewusst war. So langsam zeichnet sich ein Bild ab, das im Rahmen meiner letzten zehn Jahre durchaus Sinn ergibt. Was für eine Absurdität, die sich hier subtil in meinen Kopf zu fressen versucht hat. Diesmal nicht.

In vier Wochen gibt es keine Verkehrsgeräusche mehr, keinen Sportplatz und keine Mehrfamilienhäuser. In vier Wochen gibt es richtigen Wald anstelle eines verbreiterten Grünstreifens am Stadtrand und Seen statt schmaler Kanäle seitlich der Hauptverkehrswege. In vier Wochen gibt es keine willkürlichen Anordnungen und keine Panikmache mehr, keine Hektik und keine tonangebende Oberflächlichkeit. In vier Wochen werde ich mich nicht mehr eingeengt fühlen.
Um nicht überfordert zu sein, wenn es schließlich soweit ist, bereite ich mich schon jetzt darauf vor: In meine Gedanken kehrt allmählich Stille ein – und in der Stille höre ich mich atmen.

Atme
                                                

Kevin Schmidt

Ich wandle zwischen Nostalgie und Zuversicht – das beschreibt mich ganz gut, glaube ich.

15 Kommentare zu „Atme

  • 17. Juli 2021 um 21:10
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    Halte durch, Grüße aus der Normandie … ehemaliges Gehöft … Stille … Fernstraße in der Ferne … sonst nix.

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  • 17. Juli 2021 um 22:17
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    Nur für die nächsten 7 Tage … aber wer weiß, hier könnte ich es aushalten 😉

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  • 21. Juli 2021 um 17:16
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    Das klingt auf jeden Fall verführerisch. In Deutschland gibt es ja kaum mehr die Chance auf ein naturnahes Leben. Und überall wo man doch etwas Grün hat, kann man sicher sein, dass der nächste Bau schon noch folgt oder sich zumindest Touristenmassen hin verirren.

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    • 22. Juli 2021 um 01:02
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      Es gibt schon ein paar nette Gegenden, aber insgesamt hast du recht. Ich weiß nicht, warum es immer so dargestellt wird, vielleicht ist es das Bedürfnis nach Heimatverbundenheit, aber Deutschland ist kein schönes Land. Nicht, wenn man auf der Suche nach wahrhaftiger Natur und Ruhe ist. Ich wollte das früher auch nicht wahrhaben, musste es mir aber irgendwann doch eingestehen. 🤔

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  • 9. August 2021 um 10:28
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    Schön geschrieben. In der Stille höre ich mich atmen- der Satz gefällt mir am besten!

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