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Das Treiben am Strand

Ich sehe glückliche Menschen, zufriedene Menschen, schöne und begehrte Menschen, ich sehe erfolgreiche und wohlhabende Menschen – und die Eindrücke drohen mich zu überwältigen. Ich habe bereits so manchen Ausflug in ihre Realität unternommen, aber mittlerweile beobachte ich sie nur noch aus der Ferne.

Das Sein scheint dort leichter zu sein. Unbeschwerter und freier. Die Hoffnung zu jedem Zeitpunkt greifbar. Es ist ein heller und warmer Ort, erfüllt von Gelächter und fröhlichen Gesängen. Frisch Verliebte, die Hand in Hand am Meer entlangspazieren und ihre Spuren im weißen Sand hinterlassen, Kinder die sich hinter Palmen verstecken und junge Väter, die deren Namen rufen, während sie so tun, als würden sie sie nicht finden. Es ist ein Ort, an dem nachts Lagerfeuer brennen und Geschichten erzählt werden, an dem hübsche Frauen die Köpfe auf die Schultern ihrer Freunde legen und in den wolkenlosen Sternenhimmel blicken. Ein Ort, an dem Zeit keine Rolle spielt, weil das Glück immerwährend ist.

Ich erinnere mich an das letzte Mal, da ich jenen Ort tatsächlich besucht habe. Mir hat der Winter gefehlt. Die kurzen Tage, an denen die Sonne bereits nachmittags weiterzieht. Mir haben der wolkenverhangene Himmel und die sternlose Nacht gefehlt. Ich habe die Stille vermisst, die Stunden der Einkehr und der Unabhängigkeit. Ich habe befürchtet, mich in der Leichtigkeit zu verlieren und die Schwere herbeigewünscht. Also habe ich mir die Schwere zurückgeholt … und mit der Schwere das Gefühl, nirgendwo zu Hause zu sein.

Ich habe kein Interesse daran, ihr Leben zu leben, aber ich beneide sie darum. Ich will nicht Teil ihrer Realität sein, doch in der meinen fühle ich mich allein. Es mag sein, dass es dort draußen Menschen gibt, die dieses Empfinden teilen, ich kann jedoch sagen, dass ich zumeist enttäuscht wurde, wenn ich mich auf einen solchen Anschein verlassen habe. Ich sollte die Sache vermutlich mit weniger Erwartungen angehen, aber, ich möchte ehrlich sein, ich sehne mich nach Verständnis. Nach tiefgreifendem, aufrichtigem Verständnis – nicht nach Kategorisierungsversuchen anhand schlauer Bücher oder anderweitig vorgefertigter Schablonen.

Ich werde müde und das Leben stumpft mich ab. Es ist, als würde ich durch Träume geistern. Mitnehmen, was man mitnehmen kann, ein bisschen hier- und etwas davon, Erfahrungen und Erinnerungen sammeln und konservieren und irgendwie weitermachen. Motivation um der Motivation willen. Weil man das eben so macht. Mir fehlt etwas Großes, etwas wofür es sich lohnt aufzustehen. Die kleinen Freuden begeistern mich nicht und, es tut mir leid, ich kann das Gerede von Dankbarkeit nicht mehr hören. Man erzählt einem Verdurstenden auch nicht, er solle sich glücklich schätzen, genug zu essen zu haben.

Ich tue mich schwer damit, zu akzeptieren, dass Gegensätze sich bedingen. Kein Licht ohne Schatten und so weiter. Binsenweisheiten. Da dem allerdings so ist, stellt sich ganz nüchtern die Frage, was das Leben denn lebenswert macht. Haben wir es im Gesamten nicht bloß mit einem unbeeindruckenden Gemisch mehr oder weniger aussagekräftiger Höhen und Tiefen zu tun? Ich weiß es nicht. So etwas fragt man ohnehin nur, um es im nächsten Höhenrausch wieder zu vergessen. Ich bin gespannt, ob noch ein solcher Rausch auf mich wartet. Mäßig gespannt. Ich erwarte nicht allzu viel. Ein paar verhaltene Überraschungen womöglich, aber richtige Begeisterung? Nein, eigentlich nicht.

Vielleicht war in der letzten Zeit alles zu viel, vielleicht habe ich es ein wenig übertrieben. Vielleicht fehlt mir die Natur, vielleicht einfach nur ein Ventil. Was auch immer der Grund ist, ich ertappe mich dabei, wieder öfter zwischen den Büschen zu kauern und das Treiben am Strand zu beobachten. Ich nehme den Neid wahr, der an meinem Selbstwert nagt, und ich spüre eine Abneigung aufkeimen, die sich gegen mich selbst richten kann, wenn ich nicht aufpasse. Ich versuche also, einigermaßen vorsichtig zu sein … am Ende verpasse ich sonst auch noch den nächsten Winter.


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Von Kevin Schmidt

Ich wandle zwischen Nostalgie und Zuversicht – das beschreibt mich ganz gut, glaube ich.

20 Antworten auf „Das Treiben am Strand“

Was soll man hierzu kommentieren? Aus eigener Erfahrung: Als ich mich in meiner Lebenskrise befand, habe ich vielleicht auch glückliche Menschen und ihr Treiben gesehen. Aber ich konnte es nicht einordnen. Ich hatte weder Interesse daran, noch empfand ich Neid. Ich war nicht in der Lage auch nur irgendetwas zu empfinden. Ich habe nur funktioniert für meine Kinder, die noch klein und auf ihre Mutter angewiesen waren. Sie waren meine Brücke zurück ins Dasein mit Empfindungen. Ich habe alles Empfinden nicht mehr gehabt und ganz schlimm, nicht einmal vermisst. Teilnahmslos wusste ich nur, dass das nicht so weiter gehen kann. Ich habe ausgehalten, 5 Jahre lang, mit Hilfe von Gesprächstherapien und meiner Korsettstangen. Damit meine ich meine Kinder. Bis ich ins Leben zurückgekehrt bin. Eine schlimme Zeit, von der man nur sprechen kann, wenn man sie selbst durchlebt hat.
„Wenn ich mir was wünschen dürfte,
möchte ich etwas glücklich sein,
denn wenn ich gar zu glücklich wär‘
hätt‘ ich Heimweh nach dem Traurigsein“
Marlene Dietrich

Danke dir fürs Teilen deiner Geschichte. Es freut mich, dass diese Zeit hinter dir liegt.
Ich glaube zudem, die von dir zitierten Zeilen treffen es ganz gut, ja. Ich für meinen Teil finde mich darin zumindest wieder.

Nein, einfach bestimmt nicht. Aber irgendwann bröckelt die Fassade, wenn es jemandem wirklich schlecht geht, davon bin ich schon überzeugt. Es kann sicher dauern und viel Aufmerksamkeit erfordern, aber früher oder später wird es sichtbar.
Allerdings wollte ich darauf ursprünglich gar nicht hinaus. Der eigentliche Beitrag war ja doch eher metaphorischer Natur. 🙂

Metaphorisch? hmmmm. Für mich hat sich das so angehört, als würdest du tatsächlich hinter einem Busch sitzen und die potenziell glücklichen Leute am Strand beobachten 😉

Die Frage ist: Was will ich? Und wenn ich grade nicht weiß, was ich will, warte ich, bis ich es weiß. Niemand schreibt mir vor, so zu sein, wie andere es wollen. Aber doch möchte ich manchmal, wie andere sein, um dann ernüchternd festzustellen, dass ich so nicht wirklich leben will, wie sie.
Und dann fang ich an, nach meinem Leben zu suchen. Nach einem Leben mit Sinn. Aber macht es Sinn? Der Verstand freut sich, wenn er im Labyrinth verschwunden ist und der Ausgang ungewiss. Das bringt Enge und Zuverlässigkeit. Aber will ich wirklich diese Enge, die mir die Luft nimmt? Oder möchte ich frei sein? Was bedeutet frei sein? Was wäre, wenn frei sein unbequem und anstrengend ist? Ist das der Grund, warum Enge für Wohlgefühl sorgt, wenigstens für einen Moment?

Wenn ich in dieser Stimmung bin und sie teile, sagt meine bessere Hälfte mir: „Der alte Mann wünscht sich ans Meer und ist er dort, wünscht er sich wieder her.“
Was soll ich sagen? Ich bin nahe des Meeres und habe zuweilen Heimweh. Ich weiß aber, dass ich nicht bereuen werde, ans Meer gegangen zu sein.

Ich glaube, ich habe mich etwas kryptisch ausgedrückt.
Mir ging es nicht um Gegensätze wie gute und schlechte Tage, sondern um die Möglichkeit, Situationen, in denen man sich unwohl fühlt (Beispiel: das metaphorische Hocken im Gebüsch), verändern zu können. Um dann festzustellen, dass man wieder an einen Punkt kommen kann, an dem man sich unwohl fühlt. Was aber die vorherige Entscheidung nicht schlechter oder gar falsch macht.
Vielleicht habe ich auch etws viel hineingelesen. 😉

Nein, so habe ich es schon verstanden. Man sehnt sich nach dem Meer, weil man meint, dort das allumfassende Glück zu finden. Das existiert aber nicht, es erweckt im Voraus nur einen solchen Anschein. Licht und Schatten. Dennoch oder gerade deswegen war es keine falsche Entscheidung.
Andere verweilen an einem Ort, du nicht. Das meinte ich mit „deine Art“. 🙂

Ein Teil deiner Schwere wird dir zu Lebzeiten erhalten bleiben. Das birgt auch Potential, so zum Beispiel das streben nach Fortkommen und Wachstum. Leid (an sich selbst) ist der Motor für echten Wandel. Ich kann dir versichern, es verändert sich, mit den Jahren. Es wird anders, mitunter auch besser 😉 Besser in dem Sinne, dass sich der Humor auch von Schwere nicht vertreiben lässt.

Gegensätze ziehen sich nicht an. Sie machen allenfalls für eine Weile neugierig auf das Gegenüber, um sich dann abzuwenden. Gleiches dagegen sucht und findet Gleiches. Wobei Gleiches durchaus verschiedene Gewänder trägt.

Liebe Grüße, Reiner

Wenn du tiefer schaust, findest du auch den letzten Absatz bestätigt. Oft trügt der Schein. Bedürftigkeit zum Beispiel hat 1000 Gesichter.

Ja, das ist mir bewusst. Das ist ein Teil von mir, seit Kindestagen. Ich lerne, mich damit zu arrangieren, aber das braucht Zeit.
Oh, und meinen Humor verliere ich selten. Dafür ist er viel zu schwarz.

Dein letzter Absatz hat was. Ich schätze, da ist was dran. Ich mag nicht gänzlich überzeugt sein, dass Gleiches auch Gleiches findet, aber der Grundgedanke sagt mir zu.

Danke dir, Reiner!

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