Entspannen Sie sich.

Erzählen Sie mir von Ihren Überzeugungen – und dann erzählen Sie mir bitte, wovon Sie wirklich überzeugt sind. Mit wie viel Mitgefühl würzen Sie die Floskeln, die Sie tagtäglich von sich geben und wie viel dieses Mitgefühls nehmen Sie am Abend mit ins Bett? Wie oft schweigen Sie, während Ihr Kopf insgeheim Einwände sortiert?

Wir sind alle gute Menschen, keine Frage … aber manche von uns sind besser. Dumm nur, wenn die anderen das nicht sehen. Glücklicherweise gibt es Möglichkeiten, diese Problematik zu umgehen. So kann man sich seine hehren Taten beispielsweise an die Brust pinnen oder sie ab und zu spazieren führen. Doch Obacht bei Letzterem, es passiert nämlich schnell, dass man dabei jemandem auf den Schlips tritt – und Kollateralschäden in Form empörter Menschen machen sich überhaupt nicht gut im Lebenslauf.

Die Dinge laufen aus dem Ruder

Ein unbeschwertes Miteinander sollte in unser aller Interesse liegen. Ich bin deshalb dafür, dass wir uns ein wenig entspannen; Menschen zu diktieren, was sie denken, tun und lassen sollen, scheint mir weit davon entfernt, die nachhaltigste Form der Veränderung zu sein. Dabei brauchen wir Veränderung, denn die Dinge laufen aus dem Ruder. Genau genommen laufen die Dinge seit ihren ersten, zögerlichen Schritten aus dem Ruder.

Umso verwunderlicher also, dass wir so weit gekommen sind. Und übrigens, ich hätte damals nicht mitgemacht. Sie etwa? Hätten Sie den kleinen Mann gegrüßt? Wohl kaum. Ich für meinen Teil hätte auch niemals im Kolosseum Platz genommen. Boykottiert hätte ich jedes blutige Spektakel, das man dem niederen Volk dort präsentiert hat. Selbstverständlich, ich bin ein guter Mensch. Würde ich sonst auf tierische Produkte verzichten und Frauenrechte befürworten? Und Frauen nicht mehr hinterherschauen? Und keine Mohrenköpfe mehr kaufen? Also unabhängig von der Sache mit den tierischen Produkten … aber gleichzeitig gerade deswegen? Jetzt bin ich verwirrt.

Kinder sich ändernder Zeiten

Zeiten ändern sich. Vor einem Jahr hat man davon geredet, sich unter keinen Umständen impfen zu lassen, heute redet man vom Wiedererlangen der Freiheit. Und irgendwo zwischen all dem Gerede verliert sich die Tatsache, dass wir Kinder jener sich ändernden Zeiten sind. Wir fressen nicht die Weisheit mit Löffeln, wir fressen, was uns vorgesetzt wird. Und die Köche sitzen mit uns am Tisch.

Ich möchte niemanden dazu ermutigen, sich der Resignation hinzugeben. Ich möchte uns auch nicht von jeder Schuld freisprechen, um Gottes Willen, nein. Genauso wenig möchte ich jedoch zu hemmungslosem Gruppenkuscheln und anschließenden Orgien auf freiwilliger Basis mit Verhütung von Seiten der Männer aufrufen. Also, jeder wie er möchte, aber wenn, dann bleiben Sie dabei bitte entspannt. Und wenn Sie keine Lust darauf haben, dürfen Sie ebenfalls entspannt bleiben. Das ist das Wunderbare an der heutigen Zeit. Hoffen wir, dass wir unser Recht auf Entspannung nicht allzu schnell verwirken.

Entspannen Sie sich.
                                                                

Kevin Schmidt

Ich wandle zwischen Nostalgie und Zuversicht – das beschreibt mich ganz gut, glaube ich.

22 Kommentare zu „Entspannen Sie sich.

  • 8. Juli 2021 um 09:17
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    Weil uns nur diktiert wurde, hatten wir 1989 die Nase voll davon und haben uns befreit. Aber, es wird schon wieder diktiert und damit meine ich nicht die Coronamaßnahmen!

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      • 8. Juli 2021 um 10:08
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        Die geschlechtergerechte Sprache z.B. Von einer Minderheit gefordert, der Mehrheit aufgedrückt. Das Politbüro war auch eine Minderheit.

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        • 8. Juli 2021 um 10:20
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          Ich muss und werde mich nicht am „gendern“ beteiligen. Gerne nehme ich dabei in Kauf, von wem auch immer mal schräg angeschaut zu werden.

          Niemand diktiert hier irgend etwas, meiner Meinung nach, oder „drückt mir etwas auf“ Das ist immer ein persönliches Empfinden, nicht mehr. Wie gesagt, niemand muss sich daran beteiligen und irgendwann wird auch dieses Thema wieder in der Versenkung verschwinden.

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        • 8. Juli 2021 um 15:02
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          Und das Ver-Rückte daran ist, dass dieser Wunsch nicht mal von Frauen kam.. ..ich kenne zumindest nicht eine Einzige, die dahinter steht 🙁

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  • 8. Juli 2021 um 10:47
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    „ch muss und werde mich nicht am „gendern“ beteiligen. Gerne nehme ich dabei in Kauf, von wem auch immer mal schräg angeschaut zu werden.

    Niemand diktiert hier irgend etwas, meiner Meinung nach, oder „drückt mir etwas auf“ Das ist immer ein persönliches Empfinden, nicht mehr. Wie gesagt, niemand muss sich daran beteiligen und irgendwann wird auch dieses Thema wieder in der Versenkung verschwinden.“
    Aber in der Zwischenzeit ist es erwähnt, zusammengefasst und ansprechend ausgedrückt. … Was hab ich nochmal gleich gelesen? Ach ja, nicht überall mitmachen.

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  • 8. Juli 2021 um 12:02
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    Wunderbar schräge Betrachtungen sind das, vom Hundertsten ins Tausendste. Lese ich gerne !

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      • 8. Juli 2021 um 12:35
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        Nun ja, deine Gedankengänge kommen mir wie Spiralen vor: eine weite Schleife vom ursprünglichen Punkt weg und dann zurück zu einem Punkt knapp daneben und so weiter. Ich lese das gerne, weil es nicht nur einen Gedanken zeigt sondern auch viel rundherum.
        Bullet-point- Berichte gibt es eh genug 🙂

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        • 8. Juli 2021 um 12:58
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          Ach, dann war das ein Kompliment … ich schätze, dann bedanke ich mich mal ganz nett dafür. 😉
          Freut mich jedenfalls, wenn du Gefallen an meinen Denkspiralen findest. 🙂

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  • 8. Juli 2021 um 12:53
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    Ein bisschen mehr Entspannung täte uns allen gut.
    Das heißt jetzt nicht, dass es nicht ernsthafte Probleme gäbe, die angegangen gehören… Aber ich habe oft das Gefühl, wir sind alle so unfassbar überspannt, dass wir bei der kleinsten Kleinigkeit reißen und uns gegenseitig die Köpfe einschlagen – sei es jetzt gegenderte Sprache, alternative Lebensstile oder die Haltung zur Corona-Pandemie. Woran liegt das? Da bin ich mir gar nicht so sicher. Ich habe allerdings die mediale Reizüberflutung im Verdacht, nicht unbedingt hilfreich zu sein.
    Also: ein bisschen öfter durchatmen und mit mehr Ruhe und weniger Wut an die Sache herangehen. Hilft bestimmt. Ist nur nicht immer so einfach, wie es sich anhört.

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  • 8. Juli 2021 um 20:05
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    Ich finde auch, dass du es wunderbar auf den Punkt gebracht hast. Eine sehr fantasievoll beschriebene Kritik, an dem täglichen Wahnsinn, dem man sich kaum noch entziehen kann. Für mich ist Corona eher ein gesellschaftliches, denn ein gesundheitliches Problem. Und was ich ich sonst noch davon halte, lasse ich hier mal lieber weg. Will ja keine Diskussion anstoßen.

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