Geschichten, die die Leser schreiben – Teil 3

Aller guten Dinge sind drei – damit wären wir also beim vorerst letzten gemeinsamen Werk.
Wer von diesem Projekt bislang nichts mitbekommen hat oder sich nochmal über die genauen Rahmenbedingungen informieren will, findet hier den Initialbeitrag.

An der heutigen Geschichte haben folgende Personen mitgewirkt:

Elisabeth Demerath (Gerels blog) – Anfang
Anna (Kreativ Leben) – Mittelteil
Nati (Natis Gartentraum) – Schluss

Vielen Dank an euch drei!

(Wenn ich bei irgendwelchen Angaben einen Fehler gemacht habe oder sie aus anderen Gründen anpassen oder ergänzen soll, zögert bitte nicht, mir das mitzuteilen.)

Ich habe die Texte größtenteils so belassen, wie ich sie bekommen habe; nur was die äußere Form angeht habe ich ein paar Angleichungen vorgenommen. Mir war sehr daran gelegen, dass der Lesefluss nicht gestört wird. Aus demselben Grund habe ich auch die von mir vorgegebenen Übergangssätze nicht allzu sehr hervorgehoben, sondern lediglich fett markiert. Es sollte dennoch ersichtlich sein, wo ein Teil aufhört und der nächste beginnt.

Mein persönliches Fazit bekommt ihr am Ende des Beitrags – jetzt wünsche ich erstmal viel Spaß!

Wenn eine Tür sich schließt

Selten war etwas für die schöne Maja so komisch gewesen wie die letzte Woche. Erst hatte ihr Freund Mark mit ihr Schluss gemacht, dann tauchte sein Bruder Michael mit der Behauptung auf, dass Mark sie nur auf die Probe stellen wolle und dann regnete es täglich Ansichtskarten mit Liebesgrüßen ohne Absender in ihren Briefkasten!
Schließlich lernte sie im Bus auf dem Weg zur Arbeit einen Menschen näher kennen, der schon so lange sie denken konnte mit dem gleichen Bus fuhr wie sie. Niemals zuvor hatten sie ein Wort miteinander gewechselt, doch nun stürzte sie dieser freundliche Herr in tiefste Verlegenheit mit seinen Komplimenten. Auch er hatte sie immer bemerkt und gesehen, dass sich bei ihr etwas geändert haben musste. Er stellte sich nicht vor, aber seine Fragen waren so einfühlsam und vorsichtig, als wäre sie ein rohes Ei. So lief ihr rasch das Wasser aus den Augen und sie schämte sich sehr, als sie verweint aus dem Bus stieg.

„Was ist denn mit Ihnen los?“, wurde sie von ihrer Chefin begrüßt. Aber das war kein Mitgefühl, es leitete sofort eine Schimpfkanonade ein, über ‚gravierende Fehler‘, die sich  Maja angeblich am Vortag geleistet hätte. Doch das konnte sie verkraften, das war typisch für ihre Chefin. Viel schlimmer war das schlechte Gewissen, dass es dieses Mal tatsächlich Fehler gegeben haben könnte, weil sie wegen Mark und Michael so aus dem Takt gekommen war. Und nun ging ihr der Herr aus dem Bus durch den Sinn und sie konnte sich wieder nicht konzentrieren.
Plötzlich kündete das Signal eine Handynachricht an. Rasch schlich sie zur Toilette, um zu lesen. Es war ihre beste Freundin Bianca, die sie am Abend dringend im Park auf ihrer Bank treffen wollte. Eigentlich hatte sie keine Lust auf diesen Treff, aber sie stimmte schnell zu. Sie wollte Bianca diese verrückten Karten zeigen und von Michaels Behauptung über Mark erzählen.

Nach Feierabend eilte Maja zum Bus und nach Hause, zog eine neue Karte aus dem Briefkasten und huschte unter die Dusche. Sie kleidete sich rasch an, schnappte sich die Karten alle und einen Regenschirm, denn es sah ziemlich trüb aus auf einmal und ein Wind fuhr um die Hausecken. Es würde doch nicht etwa ein Gewitter geben?

Bianca war nicht wie verabredet am gewohnten Platz im Park, sondern kam später mit einem riesigen Hund an der Leine angeschlendert.
„Bist du so blöd oder machst du dich über mich lustig?“, fragte sie statt einer Begrüßung.
Maja starrte die Freundin verblüfft an. „Ich freue mich auch, dich zu sehen“, sagte sie dann friedfertig. „Was ist denn so dringend?“
„Du betrügst mich mit meinem Freund und stellst auch noch dämliche Fragen! Was geht nur in deinem Puppenschädel vor, bist du dir sicher, dass wir noch immer Freundinnen sind? Pah!!!“ Und damit war das Gespräch für Bianca beendet, weshalb sie Maja, welche die rätselhaften Grußkarten noch immer in der Hand hielt, völlig verdutzt auf der Parkbank zurückließ.

Sie sah sich nicht um, sondern hielt den Blick stur nach vorn gerichtet. Sollte Maja sich doch alleine den Kopf zerbrechen! Was brachte es, sich in Träumereien von der großen Liebe und geheimen Verehrern zu verlieren? So etwas geschah im echten Leben nicht. Damit verschwendete man nur seine Zeit.

Ein seltsames Gefühl begleitete ihren Abgang. Sie biss sich auf die Unterlippe und versuchte, es zu ignorieren. Ganz bestimmt war sie nicht neidisch. Weder auf Maja, noch auf deren blühende Fantasie, und schon gar nicht auf diese dämlichen Grußkarten!

Als ihr Handy klingelte und Majas Name auf dem Bildschirm angezeigt wurde, überlegte Bianca kurz, den Anruf einfach wegzudrücken. Aber dann ging sie doch ran. „Was denn?“
„Bibi.“ Majas Stimme klang jämmerlich dünn. „Bitte renn nicht einfach so weg. Es tut mir Leid, wenn ich dich wütend gemacht habe.“
Das war so typisch Maja – immer erstmal den Kopf einziehen. Bianca schnaubte abfällig. „Du hast mich nicht wütend gemacht“, log sie. „Ich habe nur keine Lust mehr, über solchen Unfug zu diskutieren.“
Kurze Pause am anderen Ende der Leitung. Sie hörte, wie Maja tief seufzte. „Aber … Kannst du nicht verstehen, dass es mir wichtig ist?“
„Nein, und ich will auch nichts mehr davon hören.“ Damit legte sie auf.

Maja starrte ihr Handy fassungslos an. Wie konnte die Frau, die sich ihre beste Freundin nannte, so mit ihr umgehen? Einfach aufzulegen! Es war ja okay, dass Bibi sich weigerte, Majas Träumereien mitzuträumen, aber musste sie deswegen gleich grob werden?

Nachdenklich steckte Maja das Handy in ihre Handtasche und senkte den Blick wieder auf die Grußkarten. So was passierte sonst nur in Büchern und Filmen. Und nun auch ihr! Aufregung kitzelte in ihrem Magen. Sie klappte die Karten eine nach der anderen auf. Die Texte kannte sie längst auswendig, und trotzdem huschten ihre Augen wieder und wieder über die Wörter, bis sie bei der letzten Karte angelangt war. Der Karte, wegen der sie sich gerade ganz furchtbar mit ihrer besten Freundin gestritten hatte.

Die Worte waren immer noch da, in dieser gestochen klaren Handschrift. Ein Bahngleis, eine Zugnummer, eine Uhrzeit. Mehr stand da nicht, doch die Botschaft war deutlich. Steig in diesen Zug und finde heraus, wer dir diese Karten schickt! Maja warf einen Blick auf die Uhr. Ihr blieben noch zwanzig Minuten. Wenn sie sich beeilte, schaffte sie es. So eine Gelegenheit durfte man doch nicht verstreichen lassen, oder? Da konnte Bianca noch so sehr protestieren. Und überhaupt, warum sollte Maja auf jemanden hören, der nicht mal in der Lage war, vernünftig mit ihr zu reden?

Sie stopfte die Karten in ihre Tasche und sprang auf. Maja hatte beschlossen, dass Bianca es nicht wert war, und sie viel lieber herausfinden würde, wer hinter diesen Grußkarten steckte – also stieg sie, von einer Mischung aus Nervosität und Neugier getrieben, in den Zug.

Fest umklammerte sie ihr Handgepäck und suchte ihren Fensterplatz. Es war warm im Abteil, sehr warm. 
Als der Zug sich langsam in Bewegung setzte, ließ sie die letzten Stunden Revue passieren. Bianca war für sie gestorben, definitiv. Wie konnte ihre beste Freundin sie nur so hintergehen. 

Die Landschaft flog, Kilometer für Kilometer, an ihr vorbei. Leise Hoffnung und Zuversicht lagen in der Luft. Es musste einfach gut ausgehen, nach diesem Desaster. Vielleicht hatte sie ja wirklich eine Schwester, Halbschwester besser gesagt, wie es auf diesen Karten stand. Vielleicht war Bianca wirklich entsetzlich eifersüchtig und wollte sie mit allen Mitteln davon abhalten nach Paris zu reisen. 

Bei den Gedanken an Bianca zog sich ihr Magen schmerzlich zusammen. Sie hätte niemals gedacht dass ihre beste Freundin so gemein sein konnte. Sie hatten sich immer alles anvertraut, alles miteinander schonungslos geteilt. Sie hatte ihr so vertraut wie keinen anderen Menschen auf dieser Welt. Warum konnte sich Bianca nicht einfach für sie freuen, freuen dass sie endlich jemanden hatte, der ihre Familie sein konnte? Bianca hatte eine Familie, eine recht große sogar. Sie selbst hatte nach dem Unfalltod ihrer Eltern keinen mehr, außer ihre beste Freundin. 

Paris kam immer näher, nur noch drei Stationen. Noch einmal nahm sie die letzte Grußkarte zur Hand. In Schönschrift stand dort geschrieben dass sie heute um 10 Uhr am Hauptbahnhof von Paris mit großer Freude erwartet würde. Unterschrieben waren die Karten stets mit: „In innigster Liebe, deine Steffi“.

‚Maja und Steffi, Steffi und Maja‘, das hörte sich wirklich gut an. Warum sollte es also nicht stimmen?

Der Zug wurde immer langsamer, Häuserreihen säumten jetzt die Zugstrecke. Im Abteil kam Bewegung auf, alle möglichen Mitreisenden zogen ihre Koffer von den Ablagen herunter. Mit weichen Knien stand Maja auf, als der Zug an Gleis 3 hielt. 
Als sie ausstieg, sah sie die junge blonde Frau mit der Sonnenblume in der Hand, wie es auf der letzten Karte beschrieben stand. Dahinter erkannte sie Bianca.


Kommen wir also zu meiner bescheidenen Meinung:
Ich bin verwirrt … und ich glaube, Bianca und Maja sind es auch. 😉
Das Leben orientiert sich zwar häufig nicht an logischen Mustern, aber hier sind schon ein paar äußerst bizarre Dinge vor sich gegangen …

Erneut halte ich die einzelnen Teile für sehr gelungen, doch beschleicht mich auch erneut der Verdacht, ein paar zusätzliche Eckpfeiler hätten dem Endergebnis zuträglich sein können.

Wir haben also drei Geschichten, derer eine ganz gut funktioniert hat. Sollten wir dieses Konzept eines Tages wieder aufgreifen, müssen wir demnach zwingend ein paar Aspekte überdenken. Teilt mir gerne mit, was ihr euch konkret wünschen würdet. Wie könnten weitere Orientierungspunkte aussehen? Welche Angaben wären hilfreich und was sollte unbedingt offenbleiben?
Mir kam bereits zu Ohren, dass die Zeit bis zur Abgabe etwas knapp bemessen war. Seht ihr das auch so? Ist eine Woche zu wenig oder passt das? Habt ihr sonst irgendwelche Anregungen? Sprecht euch aus! Die ganze Aktion war zu unterhaltsam, als dass ich sie hiermit zu den Akten legen könnte. 😀

Ich bedanke mich ein weiteres Mal bei allen Beteiligten und Interessierten und hoffe, wir sehen uns an anderer Stelle wieder. Lasst es euch gutgehen.

Kevin

(Zu den anderen Geschichten)

Geschichten, die die Leser schreiben – Teil 3
                                                                    

Kevin Schmidt

Ich wandle zwischen Nostalgie und Zuversicht – das beschreibt mich ganz gut, glaube ich.

7 Kommentare zu „Geschichten, die die Leser schreiben – Teil 3

  • 29. Juni 2021 um 08:53
    Permalink

    Und nochmal ganz andere Geschichten, Textteile. Allein daran kann man doch mal wieder sehen, wie unterschiedlich Menschen sind und wie verschieden sie denken. Toll!

    Antworten
  • 29. Juni 2021 um 09:39
    Permalink

    Wieder interessante Bausteine die sich mehr oder weniger zusammenfügen.
    Ich denke ein paar grobe Stichpunkte würden, neben den Verbindungssatz und der Überschrift, hilfreich sein.
    Vielen Dank für dieses Projekt Kevin.
    Habe gern daran teilgenommen.
    LG, Nati

    Antworten
    • 29. Juni 2021 um 09:43
      Permalink

      Ja, das denke ich auch. Vielleicht ein paar Wörter, die in den Teilen vorkommen sollten oder ein vorgegebenes Verhältnis zwischen den Personen. 🤔

      Danke dir, Nati! 🙂

      Antworten
  • 29. Juni 2021 um 16:43
    Permalink

    Diese Teile fand ich nicht ganz so harmonisch. Die einzelnen waren schon gut – aber sie haben sich nicht so richtig gefunden.

    Ich überlege: Ich hab mal bei einer Schreibaktion mitgemacht, die ich sehr gelungen fand. Da dir paar Eckpfeiler fehlen: Vielleicht findest du da noch bisschen Anregung um was zu basteln.
    https://offenschreiben.wordpress.com/schreib-mit-mir/
    Jette macht zwar nichts mehr im Moment, hat aber ihre Seite offen gelassen.

    Ach – interessant mal seine alten Geschichten zu lesen.

    Antworten
    • 30. Juni 2021 um 10:52
      Permalink

      Ja, sehe ich genauso.

      Habe mal einen Blick darauf geworfen, und, ja, sowas in der Art könnte ich mir gut vorstellen. Also was die Rahmenbedingungen angeht. Vielleicht nicht ganz so detailliert, aber das geht in die richtige Richtung. Danke dir dafür.

      Und ich finde es tatsächlich interessant, mal so etwas von dir zu lesen. 😀

      Antworten
      • 30. Juni 2021 um 17:50
        Permalink

        Danke …
        Ja ich finde diesen Rahmen ganz hilfreich. Man verliert sich nicht ganz so….

        Antworten

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