Geschichten, die die Leser schreiben – Teil 2

Zeit für das zweite Ergebnis!
Wer von dem Projekt bislang nichts mitbekommen hat oder sich nochmal über die genauen Rahmenbedingungen informieren will, findet hier den Initialbeitrag.

An der heutigen Geschichte haben folgende Personen mitgewirkt:

Ingo S. Anders (Ingo S. Anders) – Anfang
Pinselchen (Pinselei) – Mittelteil
Eberhard Leucht (One of these days) – Schluss

Vielen Dank an euch drei!

(Wenn ich bei irgendwelchen Angaben einen Fehler gemacht habe oder sie aus anderen Gründen anpassen oder ergänzen soll, zögert bitte nicht, mir das mitzuteilen.)

Ich habe die Texte größtenteils so belassen, wie ich sie bekommen habe; nur was die äußere Form angeht habe ich ein paar Angleichungen vorgenommen. Mir war sehr daran gelegen, dass der Lesefluss nicht gestört wird. Aus demselben Grund habe ich auch die von mir vorgegebenen Übergangssätze nicht allzu sehr hervorgehoben, sondern lediglich fett markiert. Es sollte dennoch ersichtlich sein, wo ein Teil aufhört und der nächste beginnt.

Mein persönliches Fazit bekommt ihr am Ende des Beitrags – jetzt wünsche ich erstmal viel Spaß!

Wenn eine Tür sich schließt

Sie besah sich die Grußkarten, die sie auf dem Weg nach draußen aus dem Briefkasten gefischt hatte. Auf den Umschlägen stand nur ihr Name: Maja. Das Bild auf der Vorderseite zeigte jeweils eine einzelne Rose. Auf der Innenseite stand auf einer der beiden handschriftlich der angefangene Satz: ‚Wenn eine Tür sich schließt …‘ und auf der anderen offenbar die Fortsetzung: ‚… öffnet sich eine andere.‘. Beide trugen keinen Absender. Von wem waren sie wohl? Sie konnte sich nicht vorstellen, dass jemand von ihren Freunden sich einen solchen Scherz mit ihr erlaubte. Sie wussten doch, dass sie damals von Stefan monatelang gestalkt worden war. Zumindest ihre engeren Freunde wussten davon.
Struppi bellte und erinnerte sie an ihr eigentliches Vorhaben. Die Karten steckte Maja in ihre Bauchtasche und machte sich mit ihrem Mischling auf den Weg in den Park. Bald hatte sie die seltsame Post vergessen.

Angekommen an der Hundewiese ließ Maja Struppi frei laufen. Auf einer Bank ließ sie sich nieder. Sie sah ihm zu, wie er herumlief und tobte, sich voller Lebensfreude auf dem Gras wälzte. Als er zu ihr getrottet kam, warf sie seinen Ball, den er ihr begeistert brachte und vor ihren Füßen ablegte, damit sie ihn erneut warf.
Es dauerte nicht lange, bis auch Bianca mit ihrem Border Collie eintraf. Sie tauschten Alltäglichkeiten aus, bis das Gespräch auf das vergangene Wochenende kam, das Bianca an der Ostsee verbracht hatte, und sie erwähnte, dass sie Ansichtskarten verschickt habe.
Maja kramte in ihrer Tasche. „Sag mal, hast du zufällig auch mir Karten geschickt?“
„Nein, tut mir leid. Ich kenne doch nicht mal deine Adresse.“
„Ich habe aber welche bekommen und keine Ahnung von wem.“ Sie zeigte sie vor. „Mir ist das ziemlich unheimlich.“
„Wie kommst du denn auf die Idee, dass ausgerechnet ich dir so etwas schicken sollte?“
„Fiel mir nur gerade ein. Ich habe sie eben erst aus dem Briefkasten geholt und du bist seitdem die erste Person, die mir über den Weg läuft.“
„Ach, du tickst doch nicht ganz sauber! Ständig denkst du, jemand will dir was.“ Und damit war das Gespräch für Bianca beendet, weshalb sie Maja, welche die rätselhaften Grußkarten noch immer in der Hand hielt, völlig verdutzt auf der Parkbank zurückließ.

War das gerade wirklich passiert? Hatte sie sich gerade mit ihrer besten Freundin zerstritten? Maja versuchte das Gespräch zu analysieren. Warum konnte Bianca nicht verstehen, dass ihr das so wichtig war? Maja konnte sich einfach nicht vorstellen, dass Bianca tatsächlich so eifersüchtig war. Sicher, bei ihr lief gerade einiges schief und sie hatte schon glücklichere Tage gesehen. Aber Maja hatte ihr immer zur Seite gestanden und sie unterstützt. Warum konnte Bianca jetzt nicht auch für sie da sein?

Nachdenklich und traurig ging Maja nach Hause. Es war inzwischen dunkel geworden. Ihr graute davor, in die leere Wohnung zurück zu kehren. Wenn der Alltag zur Ruhe kam, alle Aufgaben erledigt waren, vermisste sie ihn besonders. Der Abend war immer ihre gemeinsame Zeit gewesen. Sie aßen zusammen, erzählten sich ihren Tag und lachten über besonders komische Erlebnisse. Er hatte sie verstanden wie sonst niemand. Außer vielleicht Bianca, aber auf die konnte sie gerade nicht zählen. Sie schloss die Haustür auf. Vor dem Briefkasten überlegte sie kurz, ob sie ihn wirklich öffnen sollte. Halb erwartete sie eine weitere Karte, halb befürchtete sie sie. Aber die Neugier war viel größer. Und wirklich … es lag eine weitere Karte im Briefkasten. Sie wartete, bis sie oben war, nahm sich ein Glas Wein und kuschelte sich auf dem Sofa ein. Erst dann begann sie zu lesen: „Manchmal ist das Leben echt gemein. Und manchmal verstehen wir auch nicht, warum die Dinge so passieren, wie sie passieren. Manchmal gibt es eben keine Antworten. Aber es gibt immer einen Weg. Man muss ihn nur finden und bereit sein zu gehen. Also … warum machst du dich nicht auf die Suche? Jeder Mensch hat seinen Ort. Der Platz, an dem er zur Ruhe kommt. An dem Gedanken frei fließen können und sich der Nebel im Kopf lichtet. Wo ist deiner und wann warst du das letzte Mal dort?“
Da musste sie nicht lange nachdenken. Ja, es war schon eine Weile her. Seit er nicht mehr da war, hatte sie sich nicht mehr getraut dort hinzufahren. Sie hatte Angst, dass die Erinnerung sie erschlagen würde.

In dieser Nacht schlief Maja sehr unruhig. Am Morgen wachte sie wie gerädert auf. Sie spürte, dass sie etwas unternehmen musste. Jetzt! Sie packte ein paar Sachen und suchte nach einer Verbindung. Normalerweise erzählte sie ihrer besten Freundin immer, wenn sie wegfuhr. Dieses Mal nicht. Maja hatte beschlossen, dass Bianca es nicht wert war, und sie viel lieber herausfinden würde, wer hinter diesen Grußkarten steckte – also stieg sie, von einer Mischung aus Nervosität und Neugier getrieben, in den Zug.

Die Landschaft jenseits der Abteilfenster flog an Maja vorüber, doch dafür hatte sie keine Augen, viel zu sehr war sie mit sich selbst beschäftigt. Nicht einmal der Typ auf dem Sitz ihr gegenüber, der ab und zu von seinem Smartphone aufblickte und sie mit einem Lächeln auf den Lippen ansah, konnte ihr Interesse wecken. Je näher ihr Ziel kam, desto mehr wuchs ihre Unsicherheit. Maja ahnte, ja, sie wusste, dass sie etwas erwartete, das ihr Leben auf den Kopf stellen würde. Aber nicht im positiven Sinn. Vielleicht verbarg sich hinter diesen Weltuntergangsgedanken ja auch nur dieses Fünkchen Hoffnung, dass sie sich irrte. Dass es am Ende nicht so schlimm kommen würde. Wenn sie jetzt, in genau diesem Augenblick, in dem der Zug mit hundertfünfzig über die Gleise jagte, in ihr Inneres blickte, erkannte sie nichts als Leere.

„Fuck you!“, stieß sie innerlich aus, wohl wissend, dass das nur ein Hilfeschrei war, der sie vor der Verzweiflung, die ihr die Luft zum Atmen nahm, bewahren sollte. Wem wollte sie, wem konnte sie dieses ‚Fuck you!‘ schon an den Kopf werfen?

Maja verließ den Zug und lief mit schnellen Schritten über den Bahnsteig. Sie bemerkte nicht die Blicke des jungen Mannes, der ihr gegenüber im Abteil gesessen hatte. „Was für eine ignorante Person!“, hätte sein Gesichtsausdruck hinter dem Abteilfenster ihr über sich verraten. Manchmal meinte es das Schicksal nicht gut mit den Menschen.

Diese bedrohliche Leere in ihrem Inneren konnten nur Antworten füllen, Antworten auf bisher unausgesprochene Fragen. Dabei fühlte sie vor allem Angst vor den Konsequenzen, die diese Antworten nach sich ziehen würden. Es war die Angst vor der Endgültigkeit einer bestimmten Entscheidung.
Eine Entscheidung war allerdings unausweichlich. Nichts war so schlimm wie diese Ungewissheit, die sie seit vielen Nächten nicht mehr schlafen ließ.

Wenn sich ihre Befürchtungen als wahr erwiesen, war es beschlossene Sache. Das bedeutete Schluss, aus, Ende … Eine Tür zuzuschlagen, beinhaltete doch auch, man könnte sie – an was für eine dünne Hoffnung man sich doch manchmal klammerte – irgendwann wieder öffnen. Und sei es nur einen Spaltbreit.
Am Ende dieses Tages musste Maja dann jedoch feststellen, dass es jemand anderes war, der die Tür zugeschlagen hatte. Und nicht nur das, derjenige hatte auch das Schloss ausgewechselt.

„Hallo. Kann ich Ihnen vielleicht helfen?“
Maja schreckte aus ihren Gedanken auf. Die Welt um sie herum, dieses Straßencafé eingeschlossen, war ohne Licht, alles versank in grauer Düsternis. Die Strahlen der Sonne, die auf ihre Haut trafen, ließen sie frösteln, das Lachen der Menschen an den Nachbartischen beleidigte sie. Und da war plötzlich dieses Lächeln eines Mannes, der sich gerade an ihrem Tisch niederließ, das die Dunkelheit durchbrach wie das sanfte Licht der aufgehenden Sonne. Er war ihr unbekannt, obwohl da das Echo einer vagen Erinnerung war. Sie ordnete ihn unter flüchtige Bekanntschaften ein.

„Kennen wir uns?“, fragte Maja. Sie wirkte verunsichert.
„Nicht wirklich“, wurde ihr geantwortet. „Ich saß gestern im Zug Ihnen gegenüber. Ich hielt Sie da für eine arrogante Zicke, die ihre Mitmenschen nicht einmal eines Blickes würdigt.“
„Oh! Das tut mir leid. Ich war in Gedanken und es ging mir nicht gut.“
„Das war nicht zu übersehen.“
„Ich kann mich nicht daran erinnern, dass Sie mit mir ausgestiegen sind.“
„Ich bin nur eine Station weiter gefahren. Dort befindet sich das Studentenwohnheim.“
„Ich verstehe. Und was hat Sie bewogen, heute Ihre Meinung über mich zu ändern?“
„Als ich Sie gerade eben hier gesehen habe, wurde mir klar, dass Sie in ernsthaften Problemen stecken.“
„Das ist allerdings wahr …“
„Wollen Sie darüber sprechen?“
Maja zuckte mit den Schultern. „Vielleicht. Irgendwann einmal. Oder auch nie.“
Die Welt um sie herum begann lichter zu werden. Irgendjemand hatte eine Tür geschlossen? Und irgendjemand war gerade dabei, eine andere zu öffnen.
„Darf ich Sie zu einem Kaffee einladen?“, wurde Maja gefragt.

Das war doch schon mal ein Anfang.


Kommen wir also zu meiner bescheidenen Meinung:
Wundervoll! Hier hat das erstaunlich gut funktioniert. Natürlich gibt es die eine oder andere Ungereimtheit, aber die wird es immer geben, das ließe sich wahrscheinlich auch durch weitere Vorgaben nicht vermeiden.

Ich finde es super, dass jeder der drei Teile seine ganz eigene Art hat, die Geschichte im Ganzen aber dennoch sauber fließt und sich schon beinahe logisch entwickelt. Zumindest im Rahmen der schier unbegrenzten Möglichkeiten dieses Projekts.
An dieser Stelle sollte ich vielleicht noch anmerken, dass ich die einzelnen Teile nicht anhand ihrer Kompatibilität ausgewählt habe, sondern strikt chronologisch vorgegangen bin:
Der ersten Person, die sich bei mir gemeldet hat, habe ich den Anfang der ersten Geschichte zugeteilt, der zweiten den Mittelteil, der dritten den Schluss, der vierten den Anfang der zweiten Geschichte und so weiter … umso beachtlicher, was hierbei herausgekommen ist, oder?

Eine weiteres Werk steht noch aus, und ich hoffe, ihr seid nach wie vor gespannt. Mir hat es jedenfalls wieder richtig viel Spaß gemacht. 😀

(Zu den anderen Geschichten)

Geschichten, die die Leser schreiben – Teil 2
                                                                    

Kevin Schmidt

Ich wandle zwischen Nostalgie und Zuversicht – das beschreibt mich ganz gut, glaube ich.

15 Kommentare zu „Geschichten, die die Leser schreiben – Teil 2

  • 28. Juni 2021 um 10:52
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    Hach, hier hat ja wirklich alles zusammengepasst! Auf eine strange, etwas gruselige Weise, bedenkt man den Anfang mit dem Stalker… Aber ganz toll. Zufälle gibt’s… 😉

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  • 28. Juni 2021 um 11:53
    Permalink

    Ist ja überraschend homogen geworden, jedenfalls mehr, als man vielleicht erwarten konnte, wenn man den Ursprung, die Idee hinter diesem Konzept kennt. Es war ja wirklich nicht viel vorgegeben. Also Dank an Dich für dieses Experiment. Man kann es als gelungen bezeichnen und auf eine Fortsetzung – in welcher Art auch immer – hoffen.

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    • 28. Juni 2021 um 20:57
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      Ja, von diesem Exemplar bin ich auch sehr begeistert. Das hat super funktioniert!

      Danke dir für die netten Worte und natürlich fürs Mitmachen. Du wirst es erfahren, wenn eine neue Runde ansteht. 🙂

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  • 28. Juni 2021 um 18:24
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    Sehr schön! Vor allem das Ende hat mir sehr gut gefallen. 😊

    Liebe Grüße
    Sonja.

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  • 29. Juni 2021 um 08:16
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    Wow….ich hab tatsächlich gedacht, dass du die Geschichten so zusammensetzt, dass sie passen. Um so erstaunlicher das Ergebnis. Und ja, es liest sich flüssig und es macht Spaß seinen Teil darin wieder zu finden. Bin gespannt auf die letzte Geschichte und hab Lust auf die Fortsetzung.

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    • 29. Juni 2021 um 09:41
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      Ehrlich gesagt, weiß ich gar nicht, ob ich das besser hinbekommen hätte. 🤔
      Freut mich auf jeden Fall. Einen schönen Tag wünsche ich. 🙂

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  • 29. Juni 2021 um 08:47
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    Das ist ja irre, wie das zusammenpasst. Ich staune!! Und ich bleibe dabei: spannendes Projekt!! 😀

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  • 29. Juni 2021 um 15:28
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    Das hat ja wirklich gut gepasst, wenn man bedenkt, dass du sie der Reihe des Eingangs zusammen gepackt hast….faszinierend.

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