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Wer hat Angst vor Dunkelheit?

„Aus dem Schatten ins Licht“ lautet der Titel des 2015 veröffentlichten Durchbruchsalbums des rappenden Kalendersprücheklopfers Kontra K, und ich gebe zu, so manches, was der gute Mann im Laufe seiner bisherigen Karriere fabriziert hat, gar nicht allzu schlecht zu finden. Um ganz ehrlich zu sein, ich habe sogar eines seiner Alben käuflich erworben. Das war zwar vor besagtem Durchbruchsalbum, aber ich gönne ihm jeden Erfolg. Ja, ich gönne ihm, dass er es „aus dem Schatten ins Licht“ geschafft hat.

Um Kontra K soll es hier aber eigentlich gar nicht gehen. Stattdessen möchte ich einmal meinen Unmut äußern. Leichten Unmut. Und mit Augenzwinkern, okay. Aber dennoch:
Ständig hört man, man müsse die Sonne in sein Leben lassen, finstere Täler durchqueren und sich zurück ans Licht kämpfen, am Ende des Tunnels würde alles besser und, überhaupt, die Erleuchtung kommt mit dem Morgengrauen. Was, wenn ich mich im Dunkel aber absolut wohl fühle? Was, wenn die Nacht mir Kraft sowie Vertrauen in mich selbst schenkt? Was, wenn mich das Licht sogar eher blendet und die Wärme lähmt?

Auch ich bin in dieser Hinsicht nicht frei von Schuld, denn in so manchem meiner Texte habe ich dieselben Metaphern bemüht – sie sind eben doch sehr naheliegend –, aber nichtsdestoweniger möchte ich heute einmal eine Lanze für die Dunkelheit brechen.

„Permeate me, oh night, as with the forest you did“, heißt es in Dissections Überwerk „Night’s Blood“ … und diese Zeile trifft mich mal um mal dermaßen intensiv, dass ich es im ganzen Körper spüre. Das Dunkle wird oft mit dem Negativen assoziiert, aber ganz so simpel ist es meiner Meinung nach nicht.
Positiv und negativ, Liebe und Hass, hell und dunkel – ich erhebe Einspruch! Wir leben in einer relativen Welt, es gibt keine allgemeingültige Definition von Gut und Böse. Alles, was es gibt, sind Worte, die man nutzen kann, um sich zu verständigen. Selbstredend fällt die Kommunikation leichter, wenn man eine Perspektive teilt, aber nur weil der Großteil der Menschheit sich im gleißenden Schein der Mittagssonne am wohlsten fühlt, heißt das nicht, dass wir es hier mit einer universellen Tatsache zu tun hätten.

Ich fühle mich tagsüber häufig überfordert, gestresst oder bedrängt, vor allem in den Sommermonaten. Tag bedeutet für mich Trubel, Hektik und Lärm. Und Hitze. Und ich verabscheue Hitze. Ich genieße die laue Wärme eines jungen Frühlings, aber irgendwann ist ein Punkt erreicht, an dem ich mich am liebsten in der tiefsten und – natürlich – dunkelsten Höhle verkriechen würde, die sich finden lässt; bis der Sommer schließlich von dannen zieht und die Nächte wieder länger sind.

Die Nacht birgt Ruhe und Geborgenheit. Die Nacht birgt auch Mystik und Gefahr, sicher, doch gerade das macht sie so interessant. Manche Kreaturen der Nacht mögen furchteinflößend sein, aber das hat das Unbekannte eben an sich. Die Nacht ist zu gleichen Teilen behaglich wie spannend.
Ein Waldspaziergang zu später Stunde bietet ein unvergleichliches Erlebnis, ganz egal ob das fahle Mondlicht durch die Baumkronen dringt oder ob man in totaler Finsternis wandelt. Zugegeben, in letzterem Fall kann sich eine kleine Taschenlampe als durchaus hilfreich erweisen, doch würde ich jedem in einer solchen Situation ans Herz legen, sie von Zeit zu Zeit auszuknipsen, und sich der einmaligen und überwältigenden Stimmung eines derartigen Augenblicks hinzugeben.

Ja, ich war schon immer ein Kind der Nacht. Ich bin auch ein Kind des Morgens, genauso wie ich sowohl ein Kind des Herbstes als auch ein Kind des Frühlings bin … denn nichts davon möchte ich missen. Trotzdem, wenn ich mich entscheiden müsste, würde ich den Herbst dem Frühling vorziehen – und die Nacht zweifellos dem Tag.

Von Kevin Schmidt

Ich wandle zwischen Melancholie, Nostalgie und Zuversicht – ich glaube, das beschreibt mich ganz gut.

17 Antworten auf „Wer hat Angst vor Dunkelheit?“

Für mich hat Dunkelheit vor allem einen Effekt: Sie lässt mich tiefer in mein Selbst abtauchen.

Machen wir uns nichts vor. Ohne uns dessen bewusst zu sein, sind wir alle nahezu permanent „überreizt“, was nicht zuletzt unserer modernen Gesellschaft geschuldet ist. Das muss ich gar nicht näher erläutern.
Es gibt kaum noch Momente, wo nicht grelle, regelrecht schreiende Eindrücke auf uns einprasseln, was nicht nur unsere Sensorik belastet, sondern auch unseren internen Filtern Höchstleistung abfordert. Unser Hirn ist viel mehr mit der Abwehr sinnloser Informationsfluten befasst, als sich Schöngestigem widmen zu können.
Leider führt das dazu, dass wir leise Töne – auch die der inneren Stimmen – und zarte Nuancen kaum noch wahrnehmen.
Jede noch so kleine Reduktion der äußeren Reize kann uns da Entlastung bringen und uns ein winziges Stück näher zu uns selbst führen. Dunkelheit und Stille wirken da besonders gut.
Versucht es mal mit einer Reiz-Diat. Ihr werdet überrascht sein.

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Dieser Ansicht kann ich mich voll und ganz anschließen. Ich liebe die Dunkelheit der Nacht und habe das unfassbare Glück, an einem Ort zu wohnen, an dem des nachts auch absolute Stille herrscht. Seit ich hier lebe, geht es mir sehr viel besser als während der Zeiten, als ich im Stadtrandgebiet von Köln lebte.

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Endlich bricht jemand – und das so lyrisch anmutend – die Lanze für die schönste Zeit des Tages, die atmosphärische Nacht und für die Jahreszeit, die mit leisen Tönen begeistert – und wie ich sehe, mehr Fans hat, als man glauben möchte, bei dem andauernden Sommer/Sonne/Lichtgedöns! Fand ich schon immer überbewertet, im Herbst lebe ich so richtig auf.

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Kein Schatten ohne Licht und umgekehrt. Es braucht beides, wie du ja selber schreibst. Der Zauber der Nacht oder des frühen Morgens beruht für mich vor allem in der Unschuld des Tages. Noch kein Geschwätz, kein Geschrei, keine falschen Gedanken, einfach Ruhe. Enjoy the Silence!

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Ein interessanter und anregender Beitrag!
Meine Jahreszeit ist und bleibt der Herbst mit seinen warmen Farben und weichem Licht.
Mich fasziniert auch das Zwielicht. Nicht hell, nicht dunkel, keine klaren Konturen, Ungewissheit- diesen schwebenden Zustand mag ich sehr.

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