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Vom Urteilen und Bessersein

Sei ehrlich: Über wie viele Menschen hast du heute schon geurteilt? Und aus welchen Gründen? Ich selbst habe das früher ständig getan. Ich habe über Menschen geurteilt, die der deutschen Sprache nicht mächtig waren (wobei mir dafür schon ein fehlender Bindestrich genügt hat), Menschen abgewertet, die Ironie nicht verstanden oder schlichtweg über einfache Witze gelacht haben, Menschen als oberflächlich angesehen, die nicht mit der kompletten Diskografie ihrer sogenannten Lieblingskünstler vertraut waren oder sich im schlimmsten Fall sogar mit den immer gleichen Radio-Playlists zufrieden gaben, und die Augen verdreht, wenn jemand sich selbst als „Gamer“ (allein schon das Wort …) bezeichnet hat, weil er eine Handvoll AAA-PS4-Titel gespielt hat.

Sich, aus welchen Gründen auch immer, über andere zu stellen, ist ein simpler und effektiver Weg, die eigene Unzufriedenheit zu kompensieren. Stattdessen offen aufeinander zuzugehen, erweist sich in der Praxis häufig als schwieriger, als es anfangs klingen mag. Schwarzweißdenken ist verführerisch; genau deswegen scheint es mir ein sinnvoller erster Schritt zu sein, sich davon zu verabschieden.

Zwischen den Polen verbergen sich eine Menge Grautöne; ein vollkommen relatives Weltbild malt man sich aber nicht mal schnell in der Mittagspause. Dennoch, Menschen sind in erster Linie weder besser noch schlechter als der Rest, sie sind schlicht unterschiedlich. Mit dem gemeinen Call-of-Duty-Spieler werde ich wohl niemals ein leidenschaftliches Gespräch über die unermessliche Kreativität hinter Celeste führen, aber womöglich muss ich das auch gar nicht. Vielleicht haben wir andere Gemeinsamkeiten. Und selbst wenn wir nicht das kleinste Fünkchen Interesse an irgendetwas teilen, ist das in Ordnung. Deshalb hat niemand etwas falsch gemacht. Falsch ist es nur, wenn der Mangel einer gemeinsamen Basis von mindestens einer Partei zum Anlass genommen wird, dem Gegenüber seinen Wert abzuerkennen.
In den meisten Fällen kann man ganz wunderbar nebeneinander oder sogar miteinander existieren. Reichert man die eigene Toleranz zudem mit etwas Verständnis an, besteht oftmals eine realistische Chance, etwas von Personen zu lernen, auf die man eben noch verächtlich hinabgeblickt hat.

Was ich damit übrigens nicht sagen möchte, ist dass Toleranz keine Grenzen haben sollte. Es gibt viel zu viele egoistische und ignorante Arschlöcher da draußen, als dass man jedes Verhalten stillschweigend akzeptieren könnte. Das mag zwar ziemlich wertend klingen, allerdings hört meine Toleranz da auf, wo Menschen beginnen, anderen Lebewesen wissentlich und/oder willentlich zu schaden. Wenn wir jedoch einen Schritt weitergehen und versuchen, sogar für jene „Arschlöcher“ Verständnis aufzubringen, erschließen sich noch einmal ganz andere Perspektiven. Streichen wir zuerst dieses ach so starke Wort und schauen, warum die Menschen sind, wie sie sind. Ich wette, dass sich mithilfe einer gewissen Beobachtungsgabe und Erfahrung in den meisten Fällen plausible Ursachen für rücksichtsloses Verhalten ausmachen lassen. Natürlich ist das erneut eine Gratwanderung, denn ganz schnell hat man auch hier jemanden in eine falsche Schublade gesteckt, doch bleibt Verständnis eine Grundvoraussetzung für fundierte Dialoge – und aus solchen entsteht wiederum Verständnis.

Ich für meinen Teil habe es oft als Angriff auf meine Individualität wahrgenommen, überhaupt in eine Schublade gesteckt zu werden. Mein Respekt gilt deshalb all jenen, die es schaffen, darüberzustehen. In erster Linie kommt es, wie eingangs angedeutet, ohnehin darauf an, mit sich selbst im Reinen zu sein; der Rest ergibt sich von alleine.
Ich bin mir sicher, dass die Welt ein besserer Ort wäre, würden sich die Menschen – also wir – nicht ganz so oft mit den vermeintlichen Unzulänglichkeiten ihrer Artgenossen befassen. Dabei laufen sie nämlich Gefahr, die persönlichen (und somit die wirklichen) Möglichkeiten, Dinge nachhaltig zu verändern, aus den Augen zu verlieren – und einen triftigeren Grund, das eigene Verhalten zu überdenken, kann es gar nicht geben, oder?

Von Kevin Schmidt

Ich wandle zwischen Melancholie, Nostalgie und Zuversicht – ich glaube, das beschreibt mich ganz gut.

11 Antworten auf „Vom Urteilen und Bessersein“

Zu diesem Eintrag kann ich Dir nur gratulieren. Großartig!!!
Ich habe das für mich zu einer einfachen Regel zusammengefasst, die m.E. allgemeingültig ist:
Versetze dich immer zuerst in den Kontext des anderen und versuche, ihn zu verstehen, bevor du über ihn urteilst.
Und ich stimme Dir völlig zu. Mit Vorurteilen verbauen wir uns jede Menge Chancen auf Zugewinn jeglicher Art.
Noch schlimmer als arrogantes Verhalten ist arrogantes Denken.
Jeder Mensch hat Schwachstellen, Defizite und Makel – also auch jeder von uns. Und dies anzuerkennen, auch in der Innensicht, macht das Miteinander um vieles gelassener und entspannter.
Dein Blog gefällt mir. Hatte ich das schon gesagt? 😉
Liebe Grüße
Z.

Gefällt 6 Personen

Ganz lieben Dank und, ja, ich sehe es genau so wie du.
Arrogantes Denken ist tückisch. Das ist nämlich eine sehr persönliche Sache, die sich nach außen hin leicht verbergen lässt, aber von innen heraus das komplette Weltbild beeinflusst.

Danke dir auch für die netten Worte bezüglich meines Blogs allgemein. So etwas freut mich sehr!

Ein schönes Wochenende wünsche ich dir. 🙂

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Ich liebe ja solche Schubladen, zumindest auf meinem Blog kann ich darüber wunderbare Dinge beschreiben. Aber wir sollten immer mal wieder in fremde Schubladen reinschauen, da findet sich dann doch immer mal wieder was interessantes-

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Gerade aus humoristischer Sicht hat das Spiel mit Schubladen natürlich was, da will ich gar nicht widersprechen. Noch dazu sammelt man im Laufe seines Lebens natürlich Erfahrung und lernt, manches Verhalten einzuschätzen. Man sollte sich nur dessen bewusst sein, dass man dennoch niemals unfehlbar sein wird. 😉

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Sehr guter Beitrag!
Wenn mir jemand schräg kommt, verbuche ich das meistens unter: unzufrieden mit seinem Leben 😉
Und ich denke auch, dass wenn wir alle etwas offener und toleranter anderen aber auch uns selbst gegenüber wären, dann wäre die Welt allgemein viel entspannter und vermutlich auch ein Bessere.

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Was für ein guter und ehrlicher Text! Ich glaube ja, dass Vorurteile und Schubladendenken sehr viel mit mangelnder Orientierung zu tun hat. Vorurteile helfen einem rasch den Durchblick zu haben, und die Welt um einen herum zu sortieren in (Deppen, Ignoranten, einigermassen Erträgliche, voll Coole… ) und sich selber so zu orientieren, wo man hingehören könnte. Ich bin schon zweimal in ein anderes Land umgezogen und beide Male war ich die ersten Jahre voller Vorurteile. Das verging erst, als ich die ländlichen Gepflogenheiten einordnen konnte und wusste, weshalb die Leute so oder so handeln…

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