Das Todesurteil der Motivation?

Was genau ist eigentlich Genügsamkeit? Eine Tugend? Oder doch eher das Todesurteil jeglicher Motivation? Ich habe Träume und ich habe Ziele. Manche davon mögen auf Außenstehende etwas surreal wirken, aber das ist unwichtig. Für mich sind sie ein Ansporn, mein Leben zu einem besseren zu machen. Versteht mich nicht falsch, es gibt eine Menge, wofür ich dankbar bin – und obendrein nehme ich diese Dankbarkeit von Tag zu Tag intensiver wahr – nur gibt es da draußen noch so viel mehr zu holen, dass ich unmöglich behaupten kann, bereits genug zu haben.

Bislang habe ich immer gerne gejammert und mich selbst bemitleidet. Ich habe die Verantwortung am liebsten abgegeben und mich als Opfer höherer Gewalt betrachtet. Klar waren die Menschen um mich herum zufriedener, sie wurden vom Schicksal ja auch stets reich beschenkt. Dass sie selbst für das, was sie erreicht hatten, verantwortlich sein könnten, lag nämlich außerhalb meiner Vorstellungskraft. Ich war viel zu sehr mit meiner Missgunst beschäftigt. Was ich nicht haben konnte, sollte auch sonst niemand haben.

Respekt und Zuversicht

Mittlerweile gönne ich anderen Menschen jeden Erfolg. Und nicht nur das, ich respektiere sie dafür, weil ich weiß, dass es in den meisten Fällen harte Arbeit war, so weit zu kommen. Immerhin ist schon der erste Schritt auf dem Weg zur Erfüllung der eigenen Träume ein gewaltiger. Das ist nämlich der Schritt von Selbstmitleid zu Dankbarkeit und Zuversicht. Ein absoluter Perspektivwechsel.
Ich denke, besonders wichtig ist es, nicht zu viel zu fordern. Ich habe zwar eingangs erwähnt, dass manches dessen, was ich anstrebe, auf andere surreal wirken könnte, doch bin ich davon überzeugt, dass auch das eine Frage der Perspektive ist.

Die wenigsten sind tatsächlich genügsam, viel mehr sind sie verängstigt und unsicher. Kaum jemand traut sich, seine Komfortzone zu verlassen und die Dinge in Angriff zu nehmen – aus Angst zu scheitern. Gott, was ist mir das vertraut. „Ich? Nein, das ist nichts für mich. Das schreit geradezu nach Enttäuschung.“
Und genau das ist der Punkt: Meine Ziele dürfen hoch gesteckt sein, meine Erwartungen halte ich hingegen niedrig. Und ich übe mich in Geduld.

Die Zeit der Ernte

Meine Ziele sind Richtungsweiser. Ich rechne nicht mit einem Haus am See und zwei Kindern mit meiner 34-jährigen, skandinavischen Angetrauten, aber ich halte es durchaus für möglich. Genauso gut könnten sich die Dinge allerdings völlig anders entwickeln. Ich glaube nicht, dass es jemals von Erfolg gekrönt sein wird, nur zu geben, um am Ende nehmen zu können. Ich glaube auch nicht, dass irgendwann der Tag gekommen ist, an dem man sich zurücklehnen und die Hand aufhalten kann. Es liegt nicht in unserer Macht zu bestimmen, wann die Zeit der Ernte angebrochen ist und es ist auch nicht an uns zu entscheiden, wie diese Ernte auszusehen hat.

Insofern ist Genügsamkeit sehr wohl eine Tugend, nur wird sie oft mit Resignation verwechselt – und dann wird es gefährlich. Ich habe keine Lust mehr, unzufrieden am Boden herumzukriechen und mir einzureden, ein erfülltes Leben zu führen. Genauso wenig habe ich jedoch Lust darauf, ob meines unfassbar beschissenen Lebens herumzuheulen. Ich gehe die Sache inzwischen viel pragmatischer an.
Es gibt Aspekte meines Lebens, die wundervoll sind und es gibt Aspekte, die ich ganz furchtbar finde. Und dann gibt es da noch den Willen, all die furchtbaren Aspekte nach und nach auszumerzen. Nicht alle auf einmal, nein, nach und nach. Solange ich diesen Weg verfolge, ist jeder weitere Schritt ist ein Triumph. Und das Allerbeste daran? Jedem Schritt folgt ein nächster.

Das Todesurteil der Motivation?
                                                            

Kevin Schmidt

Ich wandle zwischen Nostalgie und Zuversicht – das beschreibt mich ganz gut, glaube ich.

9 Kommentare zu „Das Todesurteil der Motivation?

  • 31. Mai 2021 um 12:55
    Permalink

    Der Weg ist das Ziel. Wer weiß wie sich die Dinge entwickeln. Es ist wichtiger das zu tun was man im Moment für richtig hält und einen Begeistert. Wenn man dann zurückblickt sieht man erst was man geschafft hat. Neid und Missgunst bringen uns im Leben nicht weiter. Was bringt es dir etwas zu beneiden das nicht du bist. Daher ist es schon richtig eher Anzuerkennen und jemanden seinen Erfolg zu gönnen. Jeder muss seinen Weg im Leben finden.

    Antworten
    • 1. Juni 2021 um 09:43
      Permalink

      Ich würde mich nicht zu sehr auf dieses „Der Weg ist das Ziel“-Denken stützen, obwohl ich es im Grunde genau so sehe. Der Weg zum Ziel ist das Ziel. Ich glaube, das verdeutlicht meine Sichtweise noch ein bisschen besser, auch wenn man behaupten könnte, dass ich es damit etwas zu genau nehme. 😉 Beim Rest stimme ich dir absolut zu.

      Antworten
  • 31. Mai 2021 um 20:48
    Permalink

    Pragmatisch, das gefällt mir am besten an Deinem Blick nach vorn. Du löst Dich aus der Erstarrung, Du wirst handlungsfähig, Du machst Schritte.
    Woher Du solche Kraft nimmst, weiß ich nicht: es ist großartig!
    LG Michael

    Antworten
  • 2. Juni 2021 um 05:45
    Permalink

    Deine unausgesprochene Frage hinter allen Zweifeln könnte vielleicht das Buch „Haben oder Sein – die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft“ von Erich Fromm beantworten.

    Für mich als „Künstler“ oder als den ich mich verstanden wissen möchte, ist das „Sein“ eigentlich der höchste Wert, der höchste Besitz. Das Leben besteht aus Zeit: Die Zeit ist unser höchstes Gut.

    Was wollen wir Menschen alles erreichen, alles besitzen, alles uns einverleiben, dabei tragen wir doch alles in uns selbst, was wir wirklich benötigen. Der Weg weg vom Materiellen, ist kein bescheidener Weg, sondern führt zur Erlangung des höchst Erreichbaren: Das Leben im Einklang mit sich selbst, der Welt und der Natur. Das hat mich Bescheidenheit nichts zu tun: Das ist ein Weg zu einem Ziel, das sich wirklich lohnt. Mehr kannst du nicht erreichen im Leben.

    Leute kenn ich, die alles haben und doch nicht glücklich sind. Jeder erfüllte materielle Wunsch zieht einen neuen nach sich. Man gibt sein Leben hin für unnötigen Tand, um dem Nachbar zu imponieren und zahlt dafür mit Lebenszeit, verkauft sein Leben Stunde für Stunde.

    Nein, ich bin kein Esoteriker, auch kein Linker. Ich hab nur erkannt, worauf es mir ankommt und was wichtig ist im Leben. So arbeite ich zum Beispiel nur halbtags, um Zeit zu haben zum Denken und Leben, zum Lesen und Schreiben. Das entwerfen von meinen (bescheidenen) Texten ist eben meine Passion. Ich möchte Dichter werden, da muss man Abstriche machen.

    Wer natürlich keinen Lebensplan hat, der sucht sich mit anderen „Dingen“ aufzuwerten. Doch selbst ein Ferrari wertet dich nicht auf, höchstens deinen Fuhrpark. Eine Villa am See wertet dich nicht auf, höchstens dein Konto „Immobilien“ in deiner Bilanz.

    Auf deine Persönlichkeit kommt es an. Du bleibst immer, der du bist und kannst nicht mehr als ein Schnitzel am Tag essen (das mit dem Schnitzel, da zitiere ich einen Millionär). Wenn du unzufrieden bist, wirst du es auch mit dem größten Besitz immer sein oder mit der großartigsten Karriere.

    Finde deine Mitte, finde dich selbst, finde das, was dich wirklich ausmacht, wer du im Innersten bist. Seelische Krisen haben wir alle, wo wir denken, das Leben rennt an uns vorbei, ignoriert uns. In so Momenten denk ich an die vielen Menschen, die nicht mal ein Zuhause haben, hungers leiden, geknechtet werden usw.

    Uns geht es doch gut. Und zum Trost bleiben uns die großen Dichter, die großen Komponisten, Ob das nun Goethe, Poe oder Kafka ist, ob das nun Mozart, Schumann oder Ozzy ist ..

    Ich sende dir Mut, Kraft und Zuversicht <3

    PS: Bin gerade für vier Wochen im Urlaub und bleib zu Hause, nutz die Zeit zum Überarbeiten meiner Texte usw., trink mal nen Schoppen Äppler (das Getränk der Hessen) und meld mich nur zu mir wichtigen Beiträgen.

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

%d Bloggern gefällt das: