Die Energiebilanz der Schwarzmalerei

Gestern war ich das erste Mal seit Wochen wieder in der Zivilisation. Dabei sind mir zwei Dinge aufgefallen: Erstens trägt inzwischen bestimmt schon jeder dritte Schwede beim Einkaufen eine Maske, zweitens kann es äußerst aufschluss- und lehrreich sein, auf andere Menschen zu achten.

Ich habe mich unter (fremden) Menschen immer ziemlich unwohl gefühlt. Die meiste Zeit bin ich deswegen jeder vermeidbaren Interaktion aus dem Weg gegangen. Kein Blickkontakt, kein Smalltalk an der Kasse und Distanz, schon lange bevor Distanz in Mode kam. Zusätzlich habe ich mich bemüht, möglichst angewidert dreinzublicken, damit auch ja jeder erfuhr, dass ich kein Interesse an ihm hatte. Überhaupt war mir sehr wichtig, dass andere wussten, dass mir egal war, was sie dachten.

Keine lebensbedrohliche Situation

Obwohl ich durchaus bemerkte, dass ich offener wurde, wenn ich mich gut und (selbst-)sicher fühlte, kam ich nicht auf die Idee, bei mir selbst nach der Lösung zu suchen. Ich kam überhaupt nicht auf die Idee, nach einer Lösung zu suchen. So war das eben. So war ich und so ging ich damit um. Dass diese Verhaltensweise ungewohnte Situationen unerträglich machte, war ein bedauerlicher, aber eben nicht zu umgehender Nebeneffekt.

Ich habe das Gefühl, mein Betragen nach und nach verstehen zu lernen und den ihm zugrunde liegenden Ursachen auf die Schliche zu kommen. Ganz gemächlich, Stück für Stück – dadurch allerdings nicht minder fasziniert. Ich hole weit aus. Eigentlich möchte ich nur darauf hinaus, dass ich mir gestern bewusst gemacht habe, dass ein Einkauf keine lebensbedrohliche Situation und der Rest der Menschheit nicht mein Feind ist.

Unglaublich, aber andere Kunden sind nicht darauf aus, mir zu schaden. In Wahrheit bin ich den meisten ziemlich egal. Also dieses echte „egal“, nicht jenes ehemals von mir propagierte. Mitunter hat man zwar die Möglichkeit, die Begegnung für alle Beteiligten ein wenig angenehmer zu gestalten, sollte es doch einmal zu Berührungspunkten kommen, aber damit hat es sich in den meisten Fällen auch schon wieder. Zu befürchten hat man in der Regel jedenfalls nichts. Deshalb bin ich leichtfüßig (jede Gazelle wäre neidisch gewesen) über meinen Schatten gesprungen und habe mich einmal umgesehen.

Die passierten Tomaten

Der mit Abstand freundlichste Mensch, dem ich in dieser ungewohnten Welt begegnet bin, war ein Bettler. Bestimmt ist jemandem wie ihm ganz schnell eine heuchlerische Freundlichkeit unterstellt, seine Art hatte jedoch etwas derart Herzliches, dass ich meine Hand dafür ins Feuer legen würde, dass die von ihm ausgestrahlte Güte eine aufrichtige war.
Ansonsten fällt auf, dass die Menschen in Schweden schlichtweg gelassener durchs Leben gehen als jene in Deutschland. Das wird vor allem dann deutlich, wenn die Person, mit der man unterwegs ist, das Paradebeispiel eines gestressten Deutschen verkörpert.

Ich meine das gar nicht wertend, so dreist will ich nicht sein, es war nur äußerst interessant zu beobachten. Es schien mir unfassbar, wie viel Energie man aufwenden kann, um sich in Dinge hineinzusteigern, die man nicht in der Hand hat und welche hinzukommend noch nicht einmal einen Bruchteil der Kraft, die es benötigt, sich über sie aufzuregen, wert sind. Dann findet man die passierten Tomaten seit dem letzten Umbau eben nicht mehr dort, wo man sie zuvor gefunden hat – und jetzt?

Ich möchte gar nicht wissen, wie meine persönliche Energiebilanz der letzten 15 Jahre aussieht. Um Gottes Willen, nein. Aber in Zukunft werde ich sparsam sein. Genauso wenig möchte ich nämlich wie die vereinzelt umherstreifenden Gestalten werden, deren Unzufriedenheit einem schon unvermittelt entgegenschlägt, wenn man sie nur aus dem Augenwinkel wahrnimmt. Erneut meine ich das nicht wertend, denn ich kenne ihre Geschichte nicht, ich habe einfach nur den Entschluss gefasst, alles in meiner Macht stehende zu tun, es nicht so weit kommen zu lassen … und aus der dritten Person betrachtet habe ich momentan eigentlich ganz gute Karten.

Manches braucht seine Zeit

Was sollte mich daran hindern, zufrieden zu werden? Was hält mich davon ab, mein Leben anders zu gestalten? Einfach machen. Ich habe nichts, rein gar nichts zu verlieren.
Irgendwann bin ich tot. Ende. Unvermeidlich. Mir kommen so viele Floskeln in den Kopf, aber ich zügle mich. Bis dahin habe ich zwei Möglichkeiten: Entweder ich fokussiere mich auf das Positive meiner Gegenwart und Zukunft oder auf die Dinge, die ich bedauere und vermisse. Sie werden dadurch zwar nicht verschwinden, aber ich nehme ihnen an Relevanz. Manches ist, wie es ist, manches wird für immer bleiben, wie es ist. Manches kann ich nicht erzwingen, ganz gleich, wie oft ich mit dem Fuß aufstampfe. Manches braucht einfach seine Zeit und manches entwickelt sich vielleicht niemals so, wie ich es mir wünsche.
Was hätte es für einen Sinn, mein Leben am Ende irgendeiner vergeblichen Sehnsucht gewidmet zu haben? Wünsche und Träume sind wichtig – und ich habe eine Menge davon – ab sofort will ich mich aber lieber darüber freuen, wenn sie wahr werden, anstatt mich laufend zu beklagen, dass sie sich bislang noch nicht erfüllt haben.

Meine Zukunft hält bestimmt noch eine ganze Menge wundervoller Dinge für mich bereit, denn meine Vergangenheit tat das auch. Ich bin gerade ziemlich gespannt darauf. Und selbst wenn ich mit dieser Vermutung danebenliege, muss mich das jetzt noch nicht kümmern. Wenn ich keine 70 werde, dann werde ich eben keine 70. Wenn aber doch, dann will ich mit einem Lächeln auf den Lippen durch die Gänge der Supermärkte streifen. Vorausgesetzt, die Gesellschaft existiert dann noch in dieser oder ähnlicher Form und ich bin noch kein Selbstversorger in Kanada. Aber das sind zwei ganz andere Themen.

Die Energiebilanz der Schwarzmalerei

Kevin Schmidt

Ich wandle zwischen Nostalgie und Zuversicht – das beschreibt mich ganz gut, glaube ich.

29 Kommentare zu „Die Energiebilanz der Schwarzmalerei

  • 18. Mai 2021 um 11:08
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    Wünsche werden wahr, wenn wir keine Zweifel daran haben. Wenn wir so tun, als wäre die Fülle in unserem Leben schon da und wir uns jeden Tag sagen z.B. : „Ich lebe in der Fülle auf allen Ebenen meines Seins.“

    Alles, was wir sein wollen, brauchen wir nur regelmäßig denken.
    Dann geschieht es, rein weil wir NUR fest daran glauben.

    Was tun wir dagegen oft?
    Wir zweifeln es an.
    Wir denken vielleicht auch an das, was wir nicht wollen.
    Was passiert?
    Es passiert das, was wir nicht wollen, weil wir daran denken.

    Ich will 5 Minuten nicht an einen Affen denken. Was passiert? Ich denke an einen Affen.

    Eigentlich brauchen wir nur Werbung nutzen in unserem Leben.
    Sie wiederholen die Werbung so oft wie möglich, damit ihr Produkt gekauft wird.
    Also wiederhole so oft wie möglich, was du wirklich in deinem Leben willst und es passiert.
    Die Werbeleute haben es erkannt. Sie wiederholen und wiederholen. Sie kleben die Wände damit voll und füllen die Werbepausen damit: „kauf mich, kauf mich!“
    Und die Leute kaufen.

    Aber willst du wirklich dieses kaufen?

    Unsere Energien fließen immer dorthin, wo wir die meiste Zeit unseren Fokus drauf setzen.
    Halten wir unseren Fokus also einfach dorthin, wo wir auch wirklich hin wollen.

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    • 18. Mai 2021 um 17:51
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      Irgendwie habe ich auch schon immer so gesehen, habe es aber lange ignoriert. Das höchste der Gefühle war, die negativen Dinge zu verdrängen.

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  • 18. Mai 2021 um 17:06
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    Wieder ein sehr zum Nachdenken anregender Beitrag, der meinen Geschmack voll trifft.
    Und auch wenn das nur Wünsche sind, die du geschildert hast, wünsche ich dir, dass du sie irgendwann als Ziele für dich erreichst. Für den inneren Seelenfrieden… 🙂

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  • 18. Mai 2021 um 18:43
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    Ich schreibe dir heute mal nur einen Satz: Das Leben ist schön.

    Liebe Grüße, Edith

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      • 18. Mai 2021 um 20:30
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        Der Satz ist positiv gemeint, vielleicht sogar als Halt, optimistisch weiter zu gehen. Aber ich weiß, du hast ihn verstanden.
        Herzlichst, Edith

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  • 18. Mai 2021 um 21:33
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    Lieber Kevin, ein ganz wunderbarer Beitrag. Ich kann sehr gut nachvollziehen, was du schreibst. Wenn man wirklich mal Bilanz zieht, wie viel Energie man in negative Gedanken oder wie du schreibst, in Schwarzmalerei steckt, ist diese sicher oftmals erschreckend. Es ist bei vielen Menschen ein gewohntes Muster, die Dinge negativ zu betrachten und Gewohnheiten sind so tückisch, weil man sie kaum noch hinterfragt und weil ein Automatismus dahinter steckt. Bewusstheit und Bewusstsein für sich und sein Leben sind zwei meiner magischen Zauberworte.
    Ich wünsche dir alles Gute.
    Petra

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  • 19. Mai 2021 um 10:46
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    Das ist ja ein toller Text, mit vielerlei „guten“ Gedanken, also Einsichten in sich und die Gesellschaft.
    Sehr klar formuliert.

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  • 20. Mai 2021 um 00:28
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    Wünsche und Träume gehen, der Kampf ums Überleben bleibt. Ist es nicht einfach eine fast endlose Durchhalteübung, dieses Leben ? ☹️

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  • 24. Mai 2021 um 10:55
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    Du schaffst das, ganz bestimmt!
    Wünsche dir eine schöne Zeit und denk immer dran: du musst nichts, aber kannst alles!
    Viele Grüße, Joana

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