Von Natur aus Pessimist?

Immer wieder falle ich in alte Muster zurück. Oder sehe ich das falsch? Womöglich erweckt es auch nur den Anschein, weil ich mich schon wieder übermäßig kritisch selbst betrachte. Das hingegen entspräche einem alten Muster. Also falle ich doch zurück. „Ich bin eben von Natur aus Pessimist“ – fast schon bewundernswert, wie einfach man es sich machen kann.

Die Fähigkeit, sich zu verändern

Ich bin von Natur aus fähig, mich zu ändern – und davon sogar irgendwie überzeugt. Wie optimistisch. Wie ungewöhnlich und schauderhaft für einen überzeugten Pessimisten wie mich. Wie bizarr: Weil ich es mir in der Rolle des zurückgezogenen Pessimisten bequem gemacht habe, bereitet es mir manchmal Unbehagen, den Weg in eine angenehmere Zukunft zu beschreiten. Auf diesem Weg könnte ich ja mich selbst verlieren. Ich könnte mein unglückliches und hoffnungsloses Selbst verlieren. Ein untragbarer Verlust.

Vielleicht liegt die Schwierigkeit darin, zu erfassen, was Teil des Innersten und was Konditionierung ist. Ich kenne Geschichten aus meiner Kindheit und weiß deshalb, dass der Wunsch nach Ruhe und Zeit für mich ganz tief in mir verwurzelt ist. Schon im Kindergartenalter habe ich mich bei Besuch gerne in meinem Zimmer eingeschlossen. Es ist nicht so, dass meine Mutter nicht versucht hätte, mir das abzugewöhnen, aber erfolgreich war sie damit nicht – und ich bezweifle stark, dass sie sich nicht bemüht hat. Dafür erkenne ich so langsam, dass ich mich selbst selten bemüht habe. Schutzmechanismen wohin ich blicke.

Ich war von jeher gerne allein, aber ich habe das schließlich so weit getrieben, dass ich mich irgendwann einsam fühlte. Ich habe mir oftmals eingeredet, allein sein zu wollen, dabei in Wahrheit allerdings nur versucht, die Tatsache zu rechtfertigen, dass ich mein Wochenende lieber mit zwei Flaschen Wodka als mit meinen Freunden verbrachte. Aber, hey, alles gut. Ich habe es dort nämlich herausgeschafft – und das, obwohl mein Verhalten doch angeblich meinem Naturell entsprach.

Die Freude, auf dem Weg zu sein

Anstatt mich zu freuen, auf dem Weg zu sein, beklage ich mich viel zu häufig darüber, dass noch nicht alles ist, wie ich es gerne hätte. Das ist zweifelsohne ein altes Muster. Ich verliere dabei das Ziel aus den Augen und lasse außer Acht, dass dieses stetig näher rückt. Ich bin heute weiter als gestern und ich werde morgen weiter sein als heute, egal wie oft ich das Gefühl habe, auf der Stelle zu treten oder sogar einen Schritt zurück zu machen. Absolut gesehen ist alles nur eine Frage der Zeit. Zumindest dann, wenn man wirklich davon überzeugt ist, letzten Endes anzukommen.

Ich vermute, diese Überzeugung werde ich irgendwo auf dem vor mir liegenden Weg finden. Es ist wahrscheinlich ganz normal, seinen Fortschritt ab und an infrage zu stellen, vor allem, wenn es unter anderem darum geht, die Ungeduld abzulegen.
Deswegen versuche ich, entspannt zu bleiben und hin und wieder ganz unvoreingenommen zu betrachten, wie weit ich schon gekommen bin. Immer nach demselben Schema: Ich gehe ein paar Schritte, beginne zu zweifeln, überzeuge (und versichere) mich, bereits ein gutes Stück vorangekommen zu sein, schöpfe Kraft und gehe anschließend wieder ein paar Schritte. Gewissermaßen bekämpfe ich also alte Muster mit neuen. Ich glaube, im Lauf der Geschichte haben schon weniger ausgereifte Taktiken zum Erfolg geführt.

Von Natur aus Pessimist?
                                            

Kevin Schmidt

Ich wandle zwischen Nostalgie und Zuversicht – das beschreibt mich ganz gut, glaube ich.

25 Kommentare zu „Von Natur aus Pessimist?

  • 16. Mai 2021 um 09:51
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    Alles ein Prozess, mit vielen Stationen. Mal geht es hoch, dann wieder tief. So ganz verändert man sich auch nie, muss man auch nicht. Es reicht, die Schönheit des Lebens anzuerkennen. 😊

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  • 16. Mai 2021 um 12:11
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    Leider hat sich das zu versteckt. 😂😂 Aber du wusstest es ja, wie ich es meine.

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  • 16. Mai 2021 um 13:02
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    Mir kommt gerade folgender Gedanke bzw. Frage. Ist es wirklich notwendig, sich zu verändern? Oder anders: Macht es vielleicht mehr Sinn, sich erstmal anzunehmen, quasi den „Feind in sich“ zu umarmen, Frieden zu schließen und dann zu schauen, was man gemeinsam auf die Beine stellt?
    Nur sone Idee.

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    • 16. Mai 2021 um 13:57
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      Hmm … Alles eine Frage der Perspektive, denke ich.
      Wenn man sich bislang nicht angenommen hat und das dann irgendwann tut, kann man das vermutlich auch als Veränderung betrachten.
      Ich glaube, der erste Schritt ist, sich selbst zu akzeptieren. Der nächste ist, mit diesem Wissen und sich selbst an der Hand das anzugehen, was man angehen möchte, oder?

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  • 16. Mai 2021 um 14:09
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    Ich möchte mich hier in diesem Rahmen nicht zu weit aus dem Fenster lehnen und respektvolle Distanz wahren.
    Für mich ist das Schreiben im Blog vorrangig ein kreativer Kanal, den ich nutze, um kreativ zu modellieren und den Menschen, die dafür offen sind, auf möglichst humorvolle u unterhaltsame Weise gute Laune zu machen; das ist mein bescheidener Beitrag.
    Nur zur Erklärung dafür, dass der folgende Tip keinesfalls übergriffig oder lehrerhaft gedacht ist,
    „Das Kind in dir muss Heimat finden“, von Stefanie Stahl; auch als Arbeitsbuch erhältlich u mE ausgesprochen hilfreich.
    Ich kenne mich beruflich „etwas“ mit der Materie aus, deshalb mache ich das mit gutem Gewissen.
    Beste Grüße

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    • 16. Mai 2021 um 14:28
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      Alles gut, ich bin für derartige Denkanstöße und Empfehlungen dankbar. Zudem gibt es das Buch als Hörbuch, das macht es noch attraktiver. Ich werde mich damit also definitiv einmal auseinandersetzen.

      Was machst du denn beruflich?

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  • 16. Mai 2021 um 16:05
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    Das Buch kann ich auch empfehlen, hab das als Arbeitsbuch. Das lag mir mehr als das gesamte Buch. Kannst du ja mal reinsehen, hilft auf jeden Fall. Allerdings ist es auch echt harter Stoff, ich kann zb manche Dinge einfach nicht oder besser gesagt noch nicht bearbeiten. Da merkt man dann plötzlich, was noch alles so in einem schlummert 🙂

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    • 16. Mai 2021 um 16:09
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      Tatsächlich habe ich es schon heruntergeladen, also das Hörbuch. Ich werde nachher direkt damit beginnen. Ich bin sehr gespannt.

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        • 16. Mai 2021 um 20:53
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          Nachdem ich die ersten Stunden nun hinter mir habe, gebe ich mein erstes Zwischenfazit ab. Wohlgemerkt ist das nur ein erster Eindruck.

          Das Interessanteste sind die Zusammenhänge. Ich habe die Dinge bisher meist isoliert betrachtet, obwohl es vermutlich nicht überraschend sein sollte, dass alles irgendwie miteinander zu tun zu haben scheint. Ich bleibe auf jeden Fall dran und bin weiterhin gespannt. Mein Ersteindruck ist durchaus ein positiver und ich glaube, da steckt großes Potenzial drin.

          Mit einer Sache habe ich allerdings Probleme. Und zwar erinnere ich mich an wenige belastende Ereignisse, die in meinen ersten Lebensjahren stattgefunden haben. Wenn ich an belastende Situationen denke, sind es immer welche aus den späteren Jahren meiner Kindheit, die mir in den Sinn kommen. Das erschwert es etwas, mit dem Buch zu arbeiten. Ich weiß nicht genau, woran das liegt. Ob ich es verdrängt oder schlichtweg vergessen habe oder ob die prägendsten Dinge wirklich erst später passiert sind. Das würde allerdings schon wieder der Grundaussage widersprechen, oder?

          Ohne dich bedrängen zu wollen, ist das bei dir anders? Fällt es dir leicht, dich an deine frühen Jahre zu erinnern?

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          • 17. Mai 2021 um 19:08
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            Hi, ich hab eine neue Seite erstellt. Ehm… es gibt Dinge, die weiß ich ganz genau. Ich habe aber nur noch bestimmte Erinnerungen, den Großteil habe ich vergessen. Manchmal gibt es so Ereignisse, wo ich Ähnlichkeiten fühle vllt zu meiner Kindheit aber kann es nicht genau zuordnen.

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            • 17. Mai 2021 um 23:11
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              Okay, verstehe. Ich glaube, das ist so ähnlich wie bei mir. Womöglich werden die Bilder auch noch klarer, wenn ich mich länger damit beschäftigt habe.

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              • 18. Mai 2021 um 08:02
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                Ja das kann sein. Manchmal erinnert man sich auch plötzlich an etwas, was man “vergessen” hat. Ich glaub die Strategie von unserem Gehirn, nicht alles im Bewusstsein zu haben bzw präsent zu haben und einiges unterbewusst zu lassen oder zu vergessen, ist gar nicht so schlecht sondern ziemlich sinnvoll, um sich aus welchen Gründen auch immer zu schützen oder nicht weiter zu überfordern ….
                glaub sowas kann man nicht erzwingen, sondern geschieht mit der Zeit. Je mehr man sich damit beschäftigt also mit Vergangenem, alten Wunden etc desto eher wird man sich wahrscheinlich irgendwann richtig damit auseinandersetzen können, weil es präsenter wird. Und für manches ist man vllt sogar froh sich nicht erinnern zu können. Auch wenn ich mich grad frage woher man das dann weiß, wenn man nicht weiß, worum es geht… aber ich denke vllt einfach so vom Instinkt oder unserer Natur her, kann man darauf vertrauen, dass es manchmal vllt auch einfach gut so ist

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                • 18. Mai 2021 um 17:48
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                  Sich nach und nach annähern ist vermutlich das Zielführendste, ja. Sich nicht zu überfordern und lernen, sich irgendwie auch zu vertrauen.

                  Eine andere Sache noch: Kann es sein, dass mit deinen Kommentareinstellungen irgendwas nicht stimmt? Oder ist das vielleicht so gewollt? Jedenfalls sehe ich, dass du mir geantwortet hast, sehe den Kommentar in der Vorschau auch, aber er ist nicht da, wenn ich auf deinen Beitrag klicke. 🤔

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  • 16. Mai 2021 um 18:06
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    „Auf diesem Weg könnte ich ja mich selbst verlieren.“ Das ist vielleicht der entscheidende Satz. Bevor Du etwas änderst, prüfe, wozu es einst gebraucht wurde und wozu es heute gut sein könnte. Wenn Du dieses Gute anstrebst, dann bist Du Dir im Neuen treu geblieben. Vielleicht erleichtert das die Veränderung.
    LG Michael

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  • 16. Mai 2021 um 18:58
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    Allein, dass du dir darüber Gedanken machst, es sogar schriftlich formulierst, allein dies ist doch schon total positiv. Du kannst es sogar schon als neuen Weg werten!
    Schneller geht solch ein Weg mit Freunden, die einen aus der Einsamkeit reißen, mitreißen in Abenteuer, in denen man gar nicht pessimistisch sein kann.
    Jeder Versuch ist gut, ein Optimist zu werden!
    Herzlichst, Edith

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  • 21. September 2021 um 11:21
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    Deine Waldfotos sind atemberaubend schön. Die Texte sowieso. Danke!

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    • 21. September 2021 um 12:00
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      Ich habe zu danken! 🙂

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