Es hätte schon lange dämmern müssen

Es hätte schon lange dämmern müssen, dachte er, während er nach Stunden noch immer demselben, scheinbar endlosen Pfad folgte.
Es war eine laue Sommernacht und die Stille begann, ihm Unbehagen zu bereiten. Eigentlich war er immer gern allein gewesen – er hatte keine Gelegenheit ausgelassen, das zu betonen – und für eine Weile hatte er es auch diesmal genossen, allmählich jedoch fing er an, sich einsam zu fühlen. Diese verdammte Stille.

Das Knirschen des Schotters unter seinen Füßen zermürbte ihn; die Gleichmäßigkeit seiner Atemzüge machte ihn nervös. Wieso atmete er noch immer so ruhig? Es hätte schon lange dämmern müssen. Er konnte die Büsche am Wegesrand nur erahnen, denn es war keine klare Nacht.
Morgen würde alles besser, hatten sie ihm gesagt. Und er hatte ihnen geglaubt. Er war losgezogen, weil sie ihn überzeugt hatten, doch konnte er ihnen deshalb Vorwürfe machen? Sie hatten sein Bestes im Sinn gehabt.

Der Weg führte immerfort geradeaus, vorbei an Büschen und an Bäumen, die ihm normalerweise Schatten spendeten, wenn der Tag ihn blendete. Jetzt aber sehnte er sich nach Sonnenlicht. Er sehnte sich nach jener angenehmen Wärme, die er sonst mied. Irgendwo jenseits der fernen Gipfel, irgendwo hinterm Horizont musste die Sonne darauf warten emporzusteigen. Es musste so sein. Bisher war sie noch immer wiedergekehrt. Sie war wiedergekehrt. Jedes Mal. Er hielt inne.

Er blickte auf den Pfad zurück, der hinter ihm lag. Viel konnte er nicht erkennen, aber das war auch gar nicht nötig. Er erinnerte sich an jeden einzelnen Schritt. An jeden einzelnen, knirschenden Schritt. Er holte tief Luft und hielt den Atem an. Es hatte keinen Zweck weiterzugehen.

Sie ließ sich auf den Rücken fallen. Sie war glücklich. Er lächelte ihr zu und schloss die Tür hinter sich. Wie gerne würde sie ihren Tag mit ihm verbringen, aber sie verstand, dass er Schlaf brauchte. Natürlich verstand sie das. Außerdem hatten sie noch so viele gemeinsame Tage vor sich, dass allein der Gedanke daran ein wohliges Kribbeln über sie brachte.

Sie stand auf, ging die Treppe hinab und setzte sich auf die Terrasse. Sie lauschte den Gesängen der Vögel, als die Sonne sich immer weiter über die Wipfel der den Garten säumenden Bäume erhob. Sie war glücklich. Es schien ein heller, freundlicher Tag zu werden. Ein Tag wie all die Tage zuvor. Sie wusste das zu schätzen, denn sie konnte sich an andere Zeiten erinnern. Es waren nunmehr zwar nur noch blasse Erinnerungen, aber so lange es ihr möglich war, wollte sie diese im Gedächtnis behalten.

Am Abend desselben Tages vernahm sie seine Schritte, als er die Treppe hinabstieg. Als sie seine Hand an ihrem Rücken spürte, war es wieder da, dieses wohlige Kribbeln. Sie drehte sich um und die beiden sahen sich in die Augen. Eine tiefe Dankbarkeit erfüllte sie. Nie hatte sie auch nur zu träumen gewagt, einmal ein solches Leben führen zu dürfen.
Während ihrer Umarmung schien die Zeit stillzustehen. Sie war glücklich. Und doch, plötzlich war da noch etwas anderes. Aus dem Kribbeln wurde ein Brennen, begleitet von einer diffusen Angst, die ihr die Kehle zuzuschnüren drohte. Ihr Blick war nun starr auf die Uhr neben der Wohnzimmertür gerichtet. Es hätte schon lange dämmern müssen.

(Zur Fortsetzung „Immerfort geradeaus“)

Es hätte schon lange dämmern müssen
                                                

Kevin Schmidt

Ich wandle zwischen Nostalgie und Zuversicht – das beschreibt mich ganz gut, glaube ich.

10 Kommentare zu „Es hätte schon lange dämmern müssen

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