Wenn der Regen fällt

Wenn früher der Regen fiel, habe ich mich frei gefühlt. Wenn das Firmament erblasste und jener unvergleichliche Duft in der Luft lag, zog es mich hinaus. Mit einem Mal schien die Welt zur Ruhe gekommen zu sein und es gab nur noch mich und den Augenblick. Ich war allein und fühlte mich gleichwohl geborgen.

Ich rede nicht von Gewittern, unerbittlicher Kälte oder von mit Stürmen einhergehenden Wolkenbrüchen – obschon all das seinen Reiz haben mag. Ich rede von einem sanften Regen, einer dezenten, atmosphärischen Tristesse unter verhangenem Himmel. Von dieser einzigartigen Stimmung, die sich auf das nervöse Treiben des Alltags legt.

Das leise, meditative Trommeln der auf das Blätterdach fallenden Tropfen brachte eine Behaglichkeit über mich, die andere bei strahlendem Sonnenschein verspüren mussten … so zumindest stellte ich mir das vor. Dem strahlenden Sonnenschein konnte ich ebenfalls etwas abgewinnen, doch wirklich ich selbst war ich im Regen; im Frühlingsregen, im Sommerregen und im Regen des jungen Herbstes.

Seit ich Deutschland verlassen habe, ist mir die Unrast der Außenwelt fremd geworden. Ich bin auf keinen Regen mehr angewiesen, der die Ruhe bringt, denn nun umgibt mich eine immerwährende Ruhe. Und doch, eine gewisse Geborgenheit finde ich noch heute nur im Regen. Im Regen fühle ich mich wohl. Ich bewundere jede Facette der Natur, aber keine andere ist mir so lieb. Dieses vermeintlich melancholische Grau übt eine beispiellose Faszination auf mich aus – und wird das auch für immer tun.

Wenn der Regen fällt
                                        

Kevin Jell

Ich wandle zwischen Nostalgie und Zuversicht – das beschreibt mich ganz gut, glaube ich.

10 Kommentare zu „Wenn der Regen fällt

  • 12. Mai 2021 um 08:33
    Permalink

    Genau dieser Regen liegt hier grade in der Luft und fällt langsam auf den Boden.
    „Manche Menschen können den Regen spüren, andere werden nur nass.“ – Bob Marley

    Antworten
  • 12. Mai 2021 um 08:36
    Permalink

    Wir hatten vor einigen Jahren eine Teezeremonie-Vorführung, die wegen Regen aus dem japanischen Garten im Stadtgarten Karlsruhe auf die Seebühne verlegt werden musste – Tatami-Matten auf einer großen Terrasse im See, ein hohes Regendach drüber, sanfter Regen auf der Seeoberfläche. Geräusche durch den Regen auf dem Wasser waren natürlich da, aber die Stille war intensiv, wie ich das selten sonst erlebt habe!

    Antworten
  • 12. Mai 2021 um 14:52
    Permalink

    Lieber Kevin, ich wollte heute einen Text schreiben, mit genau dem gleichem Titel. Sehr schön geschrieben – kann ich mich gut hineinfühlen. Liebe Grüße, Susanne

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

%d Bloggern gefällt das: