Genau so, wie ich bin

Ein wunderbarer Aspekt meines derzeitigen Lebens ist das Wissen, dass es äußerst unwahrscheinlich ist, in diesen Wäldern jemandem über den Weg zu laufen. Als ich letzten November hier ankam, habe ich aus diesem Grund bald damit begonnen, draußen zu tun, wonach mir der Sinn steht. Ich singe, ich meditiere, ich fange spontan an zu joggen, telefoniere über Lautsprecher und, nun ja, ich spreche mit mir selbst – und gestern hatte ich mir einiges zu sagen.

Wie zum Teufel komme ich dazu, mich am laufenden Band zu bemitleiden? „Ich bin alleine, ich fühle mich einsam, niemand interessiert sich für mich, ich habe keine Talente, ich bin eigenartig, …“ – wie lange ich noch jammern möchte, habe ich mich schließlich gefragt. Ich habe sowas von keine Lust mehr darauf. Ich trage eine unermessliche Traurigkeit in mir, begreife jedoch allmählich, dass sich in Wirklichkeit nur ein kleiner Teil davon rational begründen lässt.

Wenn ich Redebedarf habe, fällt mir mindestens eine Person ein, die, wann immer es ihr möglich ist, für mich da ist. Es gibt noch mehr Personen, mit denen ich jederzeit sprechen kann, aber bei dieser einen weiß ich zudem, dass sie Verständnis zeigt, egal wie abstrus meine Probleme sein mögen. Obendrein schafft sie es auf irgendeine Art und Weise jedes Mal, meine Stimmung zu heben.
Ich habe eine Familie, die mich bedingungslos liebt. Ich kann jederzeit nach drüben zu meinen Eltern gehen, wenn ich das Bedürfnis danach verspüre. Ich habe eine Schwester, der mein Wohlergehen am Herzen liegt und einen Neffen, der zu mir aufschaut. Ich habe Großeltern, für die ich das vielleicht Wichtigste auf der Welt bin und ich habe Freunde, die allen Widrigkeiten zum Trotz stets zu mir stehen, selbst wenn wir teilweise monatelang keinen Kontakt haben. Einer dieser Freunde freut sich wie ein kleines Kind darauf, mich im Juni endlich wiederzutreffen. Apropos, im selben Monat erwartet mich eine zehntägige Deutschlandreise mit einer Freundin. Was um alles in der Welt bringt mich also dazu zu behaupten, alleine zu sein? Was für einen Grund habe ich, mich einsam zu fühlen? Wie komme ich zu der Annahme, es würde sich niemand für mich interessieren?

Ich bin kein Virtuose, aber ich beherrsche ein paar Grundlagen der Musiktheorie und weiß, wie man eine Gitarre hält. Ich weiß, wie man Instrumente arrangiert, wenn man die Musik machen möchte, die mir besonders am Herzen liegt. Ich verstehe etwas von Komposition und ich habe in meinem Leben schon eine Unzahl an Stücken geschrieben. Ich habe vieles nicht aufgenommen und manches nie fertiggestellt, meinetwegen, aber deshalb von mangelnder Begabung zu sprechen scheint mir dennoch etwas weit hergeholt.

Sicher habe ich meine Eigenarten, doch egal wohin mein Weg mich geführt hat, ich wurde in der Regel mit offenen Armen empfangen. Ich selbst bin es häufig gewesen, der die anderen von sich weggestoßen hat. Die Leute mochten mich, so wie ich bin oder so wie ich war. Nicht jeder, selbstverständlich, aber das ist auch gar nicht erstrebenswert.
Sogar in den letzten Jahren habe ich Beziehungen zu anderen Menschen aufbauen können. Es waren vielleicht nicht viele und es sind auch einige verblasst, doch ein paar derer, die hinzugekommen sind, reichen dafür tief.
Seit geraumer Zeit arbeite ich intensiv an mir. Ich übe mich in Aufrichtigkeit und versuche, etwas weniger ichbezogen zu leben. Weshalb sollte es also ein Problem sein, wie ich bin?
Manchmal, wenn meine Selbstzweifel überhandnehmen, fange ich an, mich zu verstellen. Ich fange an zu versuchen, den Leuten zu gefallen; und wahrscheinlich liegt hier das eigentliche Problem. Gut möglich, dass ich in solchen Augenblicken tatsächlich verschroben wirke und die Menschen verschrecke – also Schluss damit. Ich kann mir Heilsameres für das eigene Selbstwertgefühl vorstellen

Und anonsten? Nun, ich lebe mitten in der Natur, ohne sonderlich viele Verpflichtungen. Ich muss keiner regulären Arbeit nachgehen und kann meine Tage größtenteils völlig flexibel gestalten. Ich lebe mit zwei wundervollen Menschen und zwei wundervollen Hunden zusammen, kann mich allerdings trotzdem stets zurückziehen, wenn ich Zeit für mich brauche. Ich bin jung (also … immerhin noch halbwegs) und ich bin gesund. Ich bin nicht perfekt, aber ich bin in Ordnung. Genau so, wie ich bin.

Gewiss sind diese Erkenntnisse keine unmittelbare Lösung, aber sie sind Teil der Lösung. Jedes Mal aufs Neue. Ich will mich nicht mehr bemitleiden, ich möchte mein Leben angehen. Ich möchte mir diese Dinge immer wieder sagen, bis es nicht mehr nötig ist, weil ich sie verinnerlicht habe.

Genau so, wie ich bin
                                                

Kevin Schmidt

Ich wandle zwischen Nostalgie und Zuversicht – das beschreibt mich ganz gut, glaube ich.

17 Kommentare zu „Genau so, wie ich bin

  • 7. Mai 2021 um 19:22
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    Du sprichst mir aus der Seele. Das könnte fast ich sein, die da im Wald selbst Gespräche mit sich geführt hat. Ich glaube nicht, dass Selbstzweifel und Selbstmitleid grundsätzlich schlecht sind. Sie zeigen dir zumindest, wonach du dich sehnst, was du brauchst, und zeigen dir daher den Weg in Richtung Ziel. Obwohl ich in den letzten zweieinhalb Jahren unglaublich viel erkannt habe, habe ich noch solche Tage. Dann gehe ich meine abstrusen Theorien durch, was ich denn noch brauchen könnte, und stelle fest, dass es zum Beispiel Sonne ist, Wärme, und ein Partner, der mit mir reist. Da es keinen Sinn macht, dann weiter zu trauern, dass ich das nicht habe, versuche ich mich danach wieder darauf zu konzentrieren, was ich denn schon habe. Ich fröne der Traurigkeit ein bisschen mit tragischen Filmen und starte den nächsten Tag mit hoffentlich mehr Zuversicht. Die wünsche ich dir auch, und einen wunderschönen Abend.

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    • 7. Mai 2021 um 23:09
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      Ja, ich denke, das ist eine gesunde Herangehensweise.
      Danke dir für deinen Kommentar und natürlich auch für deine Wünsche.

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  • 8. Mai 2021 um 00:54
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    Auf die Frage: „Sind Sie glücklich?“ antworten viele Menschen mit „Ich habe dies und jenes, bin dies und das, also muss ich wohl glücklich sein.“
    Das ist eine Ressourcen-Fixierung…
    Die einzige Antwort ist „Ja“ oder „Nein“.
    LG Michael

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    • 8. Mai 2021 um 07:48
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      Und solange meine Antwort „Nein“ ist, versuche ich zu ergründen, weshalb sie „Nein“ ist.
      Ich danke dir allerdings für diesen Denkanstoß. Ich werde versuchen, das künftig zu berücksichtigen.

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      • 8. Mai 2021 um 20:08
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        Genau so habe ich es gemeint. Die klare Antwort ist Anlass zum Ergründen, so wird ein „Ja“ irgendwann möglich.

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    • 8. Mai 2021 um 12:31
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      Auch wieder so ein Irrtum, von einem, der denkt, er hätte die Weisheit gepachtet. Ich würd meine Borniertheit nicht öffentlich zur Schau stellen 🙂

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        • 9. Mai 2021 um 07:45
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          Dass es nur „ja“ oder „nein“ gibt, weil das impliziert, dass es nur total glücklich oder total unglücklich gibt.

          Selbst das Glück oder das Unglück kann verschiedene Stärken und Abstufungen zeigen. Das Leben ist nicht schwarz-weiß, das Leben ist bunt.

          Und es gibt sogar Tage, da ist man weder glücklich noch unglücklich. Hermann Hesse nannte diese lauen Tage: Halbundhalbtage. Mal das Traktat vom Steppenwolf lesen. Hesse schreibt hauptsächlich aus der Erfahrung.

          Wahre Literatur hat mir immer über die schweren Tage geholfen. Besonders der Satz von Hesse: „Den Schmerz nicht verdrängen, sondern zulassen, denn irgendwann wird der Schmerz seinen tiefsten Punkt erreicht haben und kann nur nachlassen ..“.

          Dennoch würde ich bei anhaltender Melancholie, die fast an der Grenze zur Depression steht, einen Arzt aufsuchen. Es gibt da inzwischen pflanzliche Mittel, die ohne Nebenwirkungen den Dopaminabbau im Hirn verlangsamen.

          Drogen wie Alk oder Schokolade helfen nur kurzfristig, weil das Hirn sich an sie gewöhnt und immer eine Steigerung der Dosis verlangt. Etwas Hanf aus der Apotheke könnte eventuell hilfreich sein.

          Meine Worte sind immer ohne Gewähr. Ich bin nur ein Mensch und kann mich immer irren.

          Schönen Sonntag allerseits

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          • 9. Mai 2021 um 19:01
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            Du hast völlig recht, wenn Du darauf bestehst, dass es außer „ja“ und „nein“ alle Zwischentöne gibt.
            Ich habe schlecht formuliert. Ich wollte sagen, dass die direkte einfache Antwort genügt. Fragt man mich: „Bist Du glücklich?“ antworte ich darauf mit dem, was ich fühle. Die Begründung „weil ich dies habe, oder jenes bin“ ist riskant.
            Das Glück ist halt unverfügbar, es hört nicht auf Gründe.
            Gäbe es gute Gründe, um glücklich zu sein, dann könnte man sagen: „Du hast doch alles, was es braucht zum Glück, warum bist Du dann nicht glücklich?“
            Lasst das Glück Glück sein, pfeift auf die Gründe, fühlt das Glück, solange es währt.
            Man kann es weder halten, noch begründen, noch mit Haben oder Sein befördern. Es ist und bleibt: ein Geschenk.
            LG Michael

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            • 9. Mai 2021 um 20:34
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              Ich könnt ja wieder was entgegen setzen, aber ich denke, du bist eigentlich ein super Typ und ich hab dich in mein Herz gechlossen. Deine Sichtweise üerzeugt mich und du hast auf deine Art Recht. Entweder ist man glücklich oder eben nicht. Ich danke dir für deine Antwort, LG Sven

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        • 9. Mai 2021 um 14:16
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          Das mit der „Borniertheit“ nehme ich zurück, denn jeder hat seine eigene Wahrheit und ich lass mich gern belehren. Manchmal gehen die Gäule mit mir durch und ich verlasse die Ebene des fairen Disputs, aber ich meine es nicht so, sage was ich denke und das ist meine Borniertheit. Ob ich jemals aus meiner Haut kann, weiß ich nicht, aber ich arbeite an mir. Ja, ich kann Kotzbrocken sein .. 😉

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    • 9. Mai 2021 um 18:57
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      Du liebst mich, du begehrst mich, du willst mich als deinen Freund. Dann muss ich dich bei mir freischalten ..

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  • 8. Mai 2021 um 09:12
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    „Hätte Gott gewollt, dass wir glücklich sind, dann hätte er uns nicht aus dem Paradies vertrieben.“
    Ein älterer Aphorismus von mir, doch es liegt mir fern, apodiktische Ratschläge zu geben, denn Rechthaber und Besserwisser gibt es schon genug. Die Frage, ob ich glücklich bin oder nicht, ist wirklich keine leichte und es kommt wohl darauf an, mit wem man sich vergleicht.
    Glück liegt ja teilweise auch im „Haben“ – was wär das Leben mir ohne meine Stereoanlage – doch das eigentliche Glück beschert nur das „Sein“, meiner Meinung nach. Vielleicht fehlt dir einfach ein Partner, vielleicht fehlt dir die wahre Liebe, die dem Leben einen Sinn schenkt.
    Doch was ich eigentlich bekunden wollte, ist meine Freude über deine Selbstreflexion. Deine offenen und ehrlichen Worte haben mich tief beeindruckt. Klar und verständlich geschrieben, einfach auf den Punkt gebracht.
    Wenn ich da die Möchtegern-Philosophen hier lese, die ihre Texte mit Fremdworten und tausend Fragezeichen ins Unverständliche transferieren, um Tiefsinn vorzugaukeln, kann ich nur den Kopf schütteln.
    Du bist auf einem guten Weg und ich sehe einen Bruder im Geiste, denn ich erkenne mich in dir. Auch ich bin ein Waldgänger, auch ich schotte mich ab, fühle mich einsam, obwohl ich nicht allein bin.
    Melancholie fördert die Kreativität. Ich hör manchmal beim Schreiben „Paradise Lost“, um in Stimmung zu kommen. Traurigkeit hat den Vorteil, dass man die guten Stunden, die Glücksstunden so richtig inhalieren und genießen kann, solange keine Depression daraus entsteht. Die größten Kunstwerke entstanden durch die Melancholie. Melancholie ist der Treibstoff der Poeten – ein Glas Wein gehört auch dazu 😉
    Schönes Wochenende wünscht der Sven 🙂

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    • 8. Mai 2021 um 18:40
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      Hallo Sven,

      deine ehrlichen und ausführlichen Gedanken ehren mich. Was es ist, das mir fehlt, das weiß ich noch nicht. Ich war mir oft sicher, es erkannt zu haben. Als ich es dann jedoch hatte, hat sich herausgestellt, dass ich falschlag. Darum bin ich mit meinen Vermutungen heute vorsichtig. Ich versuche, das nach und nach zu ergründen und der Lösung des Unglücks bedacht auf die Schliche zu kommen – und ich mache Fortschritte.

      Danke dir für dein Lob, auch wenn ich befürchte, dass dir manche meiner Texte vielleicht doch zu viel sein könnten … 😉 Nein, im Ernst, ich weiß, was du meinst, und ich weiß das zu schätzen.

      Die Sache mit der Melancholie ist wahr. Nur die Grenze zwischen Traurigkeit und Depression bereitet mir mitunter Schwierigkeiten. Früher war ich davon weit entfernt, heute würde ich mich als Grenzgänger bezeichnen. Aber ich möchte nicht jammern, es gibt schon wieder zu viele Gründe, es nicht zu tun. 🙂

      Ich habe früher gerne Musik beim Schreiben gehört, heutzutage lenkt mich das oft zu sehr ab. Ich habe das irgendwie verlernt. Das ist aber auch nicht weiter dramatisch, es gibt genügend andere Gelegenheiten, Paradise Lost zu hören.

      Ebenfalls noch ein schönes Wochenende, Sven.

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  • 17. Mai 2021 um 12:27
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    Mit fällt auf, dass die größten Talente meist der Ansicht sind, nicht so gut zu sein. Models meinen nicht hübsch genug zu sein und Schreiber denken, schlecht zu sein. Dabei sind sie die Besten. Im Gegenteil, die die oft denken, gut zu sein, bräuchten manchmal noch die eine oder andere Lektion, die das Universum sowieso für sie bereit hält. Du schreibst wirklich richtig gut. So ein Talent ist selten. Es kommt nicht auf die Worte anderer an. Manche erkennen dein Talent nicht. Was nicht bedeutet, dass es nicht existiert, nur weil die anderen es noch nicht sehen können und dir davon erzählen. Je mehr Abenteuer wir erleben, umso mehr Geschichten schreiben wir.

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  • 23. Mai 2021 um 16:04
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    Perfekt zusammengefasst, als hättest du es meinem Hirn entnommen. Da war ich auch, Selbstzweifel, Lösung: Rollen spielen, Verbiegen. Lösung: Authentizität. Kein immer einfacher Weg dahin, aber lohnt sich! Da passieren dann die kleinen Alltagswunder, von denen ich auch immer dachte, die passieren doch immer nur den anderen…

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