Ein bisschen weniger Angst

Was ist das Schlimmste, was passieren kann?

Das frage ich mich viel zu selten, in der Regel wäre die Antwort nämlich eine ziemlich ernüchternde. In der Regel würde ich dann nämlich einfach nur mit der Tatsache konfrontiert, unsicher und ängstlich zu sein. Und davor fürchte ich mich.

Das Leben ist ein seltsames Geflecht aus Hell und Dunkel. Von uns wird angeblich verlangt, nicht länger ängstlich zu sein, um schließlich unsere Ängste zu überwinden, jeden Zweifel zu begraben, um den Zweifeln endlich entgegentreten zu können und sich selbst zu lieben, um Liebe verstehen zu lernen. Das alles jedoch ohne Garantie, einfach auf gut Glück.

Einigkeit herrscht, den Umständen entsprechend, kaum. Mein einziger Antrieb ist folglich allein das Bewusstsein darüber, dass mein bisheriger Weg der falsche war. Nicht in einem absoluten Sinne, sondern gemessen daran, wo er mich hinführen sollte. Und das ist auch in Ordnung, denn dieses Bewusstsein ist viel wert.
Ich beginne zu akzeptieren, dass ich noch Zeit brauche. Vielleicht geht alles schneller als gedacht (das ist so eine ganz leise Hoffnung, ein Gedanke, der mich lächeln lässt), aber womöglich dauert es auch Monate oder sogar Jahre.

Mein bisheriges Leben war geprägt von Hast, Ungeduld und Stress. Einer immerwährenden Furcht vor Vergänglichkeit und dem Irrglauben, sein zu müssen, ohne genügend Zeit zu haben, werden zu können. Ich habe mich dabei auf so einiges versteift und ironischerweise Unmengen an Tagen verschenkt.

Ich habe verzweifelt nach Anerkennung gestrebt, seit Kindestagen. Erst waren es schulische Leistungen, dann, nun ja, das haben wir bereits ausführlich behandelt, und zuletzt war es wieder meine Kunst.
Ich habe mir eingeredet, ich würde es für mich machen. Ich würde mich für meine eigene Zufriedenheit über mehrere Tage an einzelnen Textpassagen festbeißen und mich damit systematisch selbst zerstören, psychisch wie körperlich. Ich würde für mich selbst nach unbestreitbarer Perfektion streben. Das war vollkommener Wahnsinn und ich bin froh, das überstanden zu haben. Ich bin damit durch. Ich muss niemandem etwas beweisen und vor allem muss ich keinen Wert beweisen, um vor mir selbst rechtfertigen zu können, auf dieser Welt zu sein. Diese Erkenntnis allein ist kostbarer als alles, was ich in meinem bisherigen Leben geschaffen und geleistet habe.

Ich fühle mich frei. Nicht immer, aber mitunter fühle ich mich völlig frei. Und das bedeutet, dass ich selbst meine Richtung wählen darf. Und dass es an mir ist, die Reisegeschwindigkeit zu wählen. Fürs Erste möchte ich es langsam angehen und vielleicht ein bisschen weniger Angst haben – denn es kann nichts Schlimmes passieren.

Ein bisschen weniger Angst
                                                

Kevin Schmidt

Ich wandle zwischen Nostalgie und Zuversicht – das beschreibt mich ganz gut, glaube ich.

13 Kommentare zu „Ein bisschen weniger Angst

  • 3. Mai 2021 um 14:19
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    Ich hänge in den letzten Wochen voll durch. Habe seit längerer Zeit wieder eine depressive Phase und kämpfe jeden Tag aufs Neue mit mir. Dein Text schenkt mir ein wenig Energie und Hoffnung. Vielleicht, weil ich mich darin selbst entdecke, vielleicht weil du mir gerade klar machst, dass es auch langsam gehen darf. Egal was es ist, ich danke dir dafür.

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    • 3. Mai 2021 um 17:33
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      Es tut mir persönlich wieder sehr gut, das zu lesen. Nicht dass es dir so mies geht, natürlich, sondern dass ich irgendwie helfen kann, und wenn es nur ein bisschen ist. Noch dazu ist es eine Sache, zu ahnen, dass man nicht alleine oftmals so empfindet, aber nochmal eine ganz andere, wenn man das mit Sicherheit sagen kann, weil sich jemand direkt auf die eigenen Worte bezieht.

      Vielen Dank und alles Gute, Ben.

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  • 3. Mai 2021 um 14:59
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    Was für schöne Worte. Ich habe lange durchgehalten, meine Stimmung kippte nie so ganz. Seit ein paar Wochen falle ich allerdings mitunter ins gefühlsleere Nichts. Danke für deinen Text.❤️

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    • 3. Mai 2021 um 17:28
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      Hey Sunny, das tut mir leid für dich. Aber es freut mich, wenn ich in irgendeiner Form (wieder) andere Perspektiven aufzeigen kann. Danke für die lieben Worte. 🙂

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    • 3. Mai 2021 um 17:29
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      Wenn jemand zum ersten Mal kommentiert, muss ich diesen Kommentar erst genehmigen, das ist so voreingestellt und ich habe das bislang nicht geändert. Das war der Grund, dass du nicht mehr sehen konntest, was du geschrieben hast. Aber für deinen zweifachen Dank bekommst du somit auch ein ein zweifaches Danke zurück. 🙂

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      • 3. Mai 2021 um 18:59
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        Ahhh, ja. Manchmal passiert es mir auch, dass ich die Kommentare auch vergesse abzuschicken. Danke für dein Feedback.

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  • 8. Mai 2021 um 00:41
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    Die sogenannte „Katastrophenfrage“: Was kann im schlimmsten Fall passieren?
    Ehrlich gesagt: nichts.
    Also: nur Mut!
    LG Michael

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  • 22. Mai 2021 um 10:22
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    Das hast du sehr gut beschrieben. Sehr, sehr gut. Denn so ist es wirklich, für die meisten Menschen, wenn nicht für alle. Darf ich mal fragen… hast du mal geschaut, ob gewisse Menschen in deinem Umfeld, ganz besonders was Kindheit und Schultage betrifft, eventuell eine narzisstische Persönlichkeitsstörung hatten? Das ist nämlich das Traurige: Es ist das Umfeld von solchen narfzisstischen Psychoten, welche die Menschen, die ihnen nahestehen und die unter ihnen leiden mussten/müssen, dazu bringen, an sich selbst zweifeln oder unerklärliche Ängste zu haben oder depressiv zu sein, obgleich in Wirklichkeit bei ihnen selbst nicht der Fehler liegt, sondern bei denen, die ihnen das Leben versauert haben und sie unter dem Drücker hielten

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    • 22. Mai 2021 um 14:48
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      Ja, da bin ich mir mittlerweile recht sicher. Ich bin mir auch recht sicher, dass eine Menge meiner „Eigenheiten“ davon herrührt.
      Ich glaube nicht, dass es der einzige Grund war, aber einen großen Anteil wird es daran vermutlich haben.

      Danke dir für den Kommentar. Ein wundervolles Wochenende wünsche ich dir noch! 🙂

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