Bloß ein Traum

Vor einiger Zeit habe ich bereits einmal mein schlechtes Gewissen erwähnt. Dieses schlechte Gewissen begleitet mich nun schon so lange, dass ich mich kaum daran erinnern kann, wie es war, ohne es zu leben.
Es zeigt sich in Situationen, in welchen andere Freude empfinden und potenziert jede negative Stimmung. Kurzum: Es trübt so gut wie jeden Augenblick meiner Zeit auf Erden.

Immerhin glaube ich, seiner Ursache mittlerweile etwas näher gekommen zu sein, denn jüngst hat mich eine Freundin darauf gebracht, dass seine Omnipräsenz damit zusammenhängen könnte, dass ich ständig das Gefühl habe, irgendwelchen Erwartungen nicht gerecht zu werden. Und das ergäbe Sinn, denn ich empfinde ein schlechtes Gewissen, wenn es mir nicht gut geht, obwohl die Menschen um mich herum ihr Bestes geben, mich aufzubauen, und ich empfinde ein schlechtes Gewissen, wenn ich mit meiner eigenen Leistung unzufrieden bin.

Meine Mutter hat mich heute Morgen mit einer sonderlichen Geschichte begrüßt. Sie hat mir von einem Traum erzählt, der sie letzte Nacht heimgesucht hat.

Jener Traum drehte sich um sie und mich, und darum, dass es mir so schlecht ging, dass meine Niedergeschlagenheit auf sie übergriff. Infolgedessen beschlossen wir, unserem Leben gemeinsam ein Ende zu setzen. Ich sollte Tabletten besorgen und tat das auch.
Als wir jene Tabletten geschluckt hatten, saßen wir auf einer Parkbank und meine Mutter wurde zunehmend schläfriger. Kurz darauf wurde eine Passantin auf uns aufmerksam und erkundigte sich, was geschehen sei. Während meine Mutter der Dame die Umstände schilderte, wurde ihr bewusst, was wir eigentlich getan hatten und dass sie das gar nicht wollte. Sie begab sich hinter einen Baum und versuchte, die Tabletten, die sie geschluckt hatte, wieder loszuwerden. Als sie, noch immer benommen, zurückkehrte und mich zusammengesackt und dem Tode nah auf der Bank sitzen sah, realisierte sie, dass es für mich zu spät war. Sie setzte sich neben mich, damit ich während meiner letzten Atemzüge wenigstens den Kopf auf ihre Schulter legen konnte – und erwachte.

Die Geschichte hat mir die Tränen in die Augen getrieben. Doch so sehr sie mich auch jetzt noch berührt, einen Aspekt an der ganzen Situation halte ich für besonders bemerkenswert: Ich hatte kein schlechtes Gewissen.
Auch wenn ich nach wie vor dunkle Momente durchlebe, habe ich das Gefühl, die Umstände inzwischen aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Ich habe das Gefühl, mehr Dankbarkeit zu empfinden und deutlich hoffnungsvoller und motivierter in die Zukunft zu blicken. Zumindest einmal hatte ich nun schon das Gefühl, dass es nichts gibt, wofür ich ein schlechtes Gewissen empfinden müsste. Denn es war bloß ein Traum. Ein Traum fern der Realität.

Bloß ein Traum
                                        

Kevin Schmidt

Ich wandle zwischen Nostalgie und Zuversicht – das beschreibt mich ganz gut, glaube ich.

2 Kommentare zu „Bloß ein Traum

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