Einkehr und Aufbruch VII – Für immer.

Obwohl ich den letzten Beitrag als schwierigsten Teil des ganzen Projekts bezeichnet habe, wird es nicht wesentlich einfacher, diesen hier zu verfassen – allerdings aus ganz anderen Gründen. Während ich in den sonstigen Fällen nämlich größtenteils mich selbst als Verantwortlichen für die unschönen Umstände betrachte, stehe ich der Geschichte um P. und mich zwiegespalten gegenüber.

Natürlich soll es im Grunde um meine Fehler gehen, und zu denen möchte ich auch diesmal stehen, aber ich weigere mich, alles zu akzeptieren, was P. mir direkt oder auch indirekt zur Last gelegt hat. Zudem habe ich einiges an seinem Verhalten gegen Ende unserer Freundschaft zu kritisieren. Ich habe nicht vor, aus einem geplanten Schuldbekenntnis eine Aneinanderreihung von Anschuldigungen zu machen, aber ich möchte die Gelegenheit nutzen, um ein paar Dinge klarzustellen.
Selbstverständlich kann und werde ich auch hier wieder nur aus meiner eigenen Perspektive berichten, weshalb ich mir nicht anmaße zu behaupten, durchgehend die objektive Realität wiederzugeben, aber dennoch versuche ich diesbezüglich mein Bestes.

P. und ich waren einmal gute Freunde. Wir haben uns übers Internet kennengelernt, als ich noch ein halbes Kind war. Ich meine, er wäre zwei Jahre älter als ich, bin mir dessen aber nicht sicher. Unsere gemeinsame Basis war definitiv die Musik. Wir haben an ähnlichen Punkten begonnen und uns in dieselbe Richtung entwickelt.
Wir waren damals vergleichbare und doch sehr verschiedene Charaktere; wir hatten beide mit massiven Selbstzweifeln zu kämpfen, sind damit aber ganz unterschiedlich umgegangen. Während er eher fähig war, sich seine Schwäche und Verletzlichkeit einzugestehen, habe ich mich in die maßlose Arroganz geflüchtet.

Diese unterschiedlichen Verhaltensweisen haben auch das Verhältnis zwischen uns beiden geprägt. Ich weiß, dass er sich nach außen hin gern als Führungsperson darstellte, wenn wir jedoch zusammen kamen, ergab sich ein anderes Bild. Das ist in keiner Weise wertend gemeint, sondern eine schlichte Beobachtung. Außerhalb unseres Freundeskreises war zum Beispiel auch ich nicht mehr annähernd so groß und dominant, wie ich die Leute gerne glauben machte.
Im Herzen war er schon immer ein bedachter und rücksichtsvoller Mensch. Unbestreitbar bedachter und rücksichtsvoller als ich.

Unsere Freundschaft hat mir eine Menge bedeutet, aber ich habe ihn oft nicht gut behandelt. Ich habe ihn häufig nicht ernstgenommen und Witze über ihn gerissen. Ich habe ihn bloßgestellt und niedergemacht. Natürlich scherzhaft, aber doch sehr gezielt. Das ging über einige Jahre so, und obschon unsere Freundschaft auch durch zahlreiche andere Aspekte definiert wurde, ist es verständlich, wenn einem das irgendwann zu viel wird. Was dieses Thema angeht, möchte ich nichts schönreden. Das war nicht in Ordnung und das tut mir leid.

Als wir etwas älter wurden, wurde unser Verhältnis durch einen weiteren und immerwährenden Streitpunkt ergänzt: Frauen. Und zu diesem Thema möchte ich doch ein paar Dinge anmerken.
Ich habe meine Partnerinnen und weiblichen Bekanntschaften oftmals sehr mies behandelt, keine Frage. Außerdem kann ich P.s Reaktion von einem emotionalen Standpunkt aus betrachtet absolut nachvollziehen. Dennoch gehe ich nicht mit der Sichtweise konform, dass ich ihm Frauen „weggenommen“ hätte. Ja, häufig war er es, der in (freundschaftlicher) Begleitung erschien und häufig war ich es, der dafür in Begleitung nach Hause fuhr, aber in diesem Kontext irgendeine subtile Form von Besitzanspruch geltend machen zu wollen, halte ich für äußerst fragwürdig. Alles, was je geschehen ist, geschah auf freiwilliger Basis. Den Neid, die Eifersucht oder die Missgunst kann ich nachvollziehen, diese jedoch in Form von Schuldzuweisungen auf eine andere Person zu projizieren, finde ich nicht richtig.
Ich gebe zu, dieses Verhalten womöglich geschürt zu haben, indem ich mir mitunter nicht zu schade war, ihn damit aufzuziehen, aber gerade später, als die Freundschaft ihr unrühmliches Ende fand und wir bereits älter waren, hätte man darüber sprechen können – und damit meine ich keine Aufforderungen im Sinne von „Kevin, halte dich von ihr fern!“.

Das letzte Mal, dass wir Kontakt hatten, war, als ich Besuch von einer gemeinsamen Bekannten hatte, in die P. seit je unsterblich verliebt war. Das war kein Geheimnis, jeder in unserem Freundeskreis wusste das – auch sie selbst. Was allerdings ebenfalls jeder wusste, war, dass sie ihrerseits ausschließlich freundschaftliche Gefühle für ihn hegte.
Ich erzählte ihr an jenem Abend eine Geschichte, deren Details ich nicht mehr alle zusammenbekam, weshalb ich P. anrief, um mir auf die Sprünge zu helfen. Er fragte mich, was besagte Bekannte bei mir machen würde, und ich meinte, dass eine Party steige. Natürlich wusste er, was Sache war, und wollte wissen, wer denn sonst noch anwesend wäre. Dass sie mein einziger Gast war, gestand ich mit einem leisen „Bislang nur sie“.
Aufrichtig war das nicht, das sehe ich ein. Und doch war sie bei mir, weil sie bei mir sein wollte.

Dass er ja auch besorgt gewesen sein könnte, dass ich ihr wehtun würde, habe ich Freunde vermuten hören – und darüber habe ich nachgedacht. Das Ding ist, dass sie eine erwachsene Frau war, die mich kannte. Die mich und auch die Geschichten, welche um mich kursierten, kannte. Ich wage folglich zu behaupten, dass sie sich dessen, auf was sie sich da möglicherweise einließ, bewusst war. Noch dazu habe ich ihr zu keinem Zeitpunkt falsche Hoffnungen in irgendeiner Form gemacht. Egal wie man es dreht und wendet, es bleibt dabei, dass P. sich gekränkt gefühlt hat, weil die Person, in die er unglücklich verliebt war, mehr romantisches Interesse an mir als an ihm zeigte.

Als wahrer Freund hätte man auf seine Gefühle vielleicht mehr Rücksicht nehmen können; wie verwerflich der ganze „Vorfall“ letztendlich jedoch objektiv betrachtet war, wird niemals beurteilt werden können. Und es ist müßig, darüber zu diskutieren. Ich würde es heute nicht wieder tun. Zumindest auf gar keinen Fall genau so. Nicht, bevor ich mit ihm darüber gesprochen hätte – da wir seit jenem Telefonat allerdings kein einziges Wort mehr gewechselt haben, hat sich das Thema ohnehin erledigt.

Ich rechnete mit Konsequenzen, aber nicht damit, dass er den Kontakt gänzlich abbrechen würde. Ich hasse das Wort „Ghosting“ (und noch dazu kannte ich es zu jener Zeit gar nicht), doch beschreibt es sein Verhalten ziemlich treffend. Er reagierte nicht mehr auf meine Nachrichten und telefonisch konnte ich ihn ebenfalls nicht mehr erreichen. Bis heute.
Ich habe ihm über die Jahre mehrmals geschrieben, E-Mails, SMS, Facebook-Messages. Ich habe mich zumindest im Ansatz entschuldigt und gefragt, ob wir uns denn nicht aussprechen wollen. Er hat alles ignoriert und ich habe inzwischen akzeptiert, dass er kein Bedürfnis nach einem klärenden Gespräch, geschweige denn einer Reanimation unserer Freundschaft verspürt. Das ist in Ordnung für mich. Dass er auf meine letzte E-Mail nicht geantwortet hat, kann ich hingegen nicht nachvollziehen.
Verfasst habe ich diese mindestens sechs Jahre nach jenem verhängnisvollen Telefonat, und es ging einzig und allein um die Frage, ob ich das einst von ihm entworfene Bandlogo noch immer verwenden dürfe. Ich habe in derselben Nachricht geschrieben, dass ich nicht wieder um eine Aussprache bitten und seine Entscheidung bezüglich unserer getrennten Wege akzeptieren würde. Vielleicht steht es mir nicht zu, darüber zu urteilen, aber dass er nach all der Zeit nicht einmal darauf reagiert hat, finde ich schwach von ihm.

Es bleiben also viele Fragen, viele Mutmaßungen und viel Unverständnis. Viel böses Blut und Enttäuschung. Ich war ein Arschloch, zweifelsohne. Besonders P. gegenüber. Aber nicht immer.
Sollte tatsächlich (wie in einem ominösen Blogeintrag von ihm dargestellt) der Fakt, dass wir uns auseinandergelebt hatten, der Hauptgrund für das Ende unserer Freundschaft gewesen sein, hätte man es spätestens dann zur Sprache bringen können, als ich mich um einen Dialog bemühte. Grundsätzlich wünschte ich, er wäre ab und zu an mich herangetreten und hätte klar formuliert, was das Problem ist, anstatt es in sich hineinzufressen. Es gab zwar ein paar Hinweise darauf, dass er zunehmend wütender wurde und außerdem liegt es mir fern zu behaupten, dass ich zu jeder Zeit zu einem Gespräch bereit und fähig gewesen wäre, aber dennoch hätten sich die Dinge durch ein paar deutliche Worte vielleicht anders entwickelt. Also, ja, ich stehe der Geschichte um P. und mich zwiegespalten gegenüber. Das trifft es ganz gut.

Nichtsdestoweniger entschuldige ich mich aufrichtig für den Mangel an Respekt, mit dem ich ihm begegnete, sowie für alles, was damit einherging. Es freut mich, dass er schon jetzt einige seiner Träume verwirklichen konnte (jedenfalls soweit ich das als mehr oder weniger Außenstehender beurteilen kann) und ich wünsche ihm weiterhin viel Erfolg bei allem, was er tut – denn ich weiß, er tut es mit Leidenschaft.

Einkehr und Aufbruch VII – Für immer.
                                    

Kevin Schmidt

Ich wandle zwischen Nostalgie und Zuversicht – das beschreibt mich ganz gut, glaube ich.

2 Kommentare zu „Einkehr und Aufbruch VII – Für immer.

  • 8. Mai 2021 um 00:22
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    Es hilft nicht weiter, diese Extreme helfen nicht weiter. Teufel und Engel, gibt es in Deiner Sicht auch Menschen?
    Du bist ein Mensch unter Menschen.
    Ich kann nur meinen letzten Rat wiederholen…
    LG Michael

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    • 8. Mai 2021 um 17:59
      Permalink

      Ich verstehe absolut, dass diese Beiträge eine solche Sichtweise vermuten lassen können, doch so sehe ich die Welt nicht. Zweifellos rutsche ich hin und wieder ungewollt in ein Schwarzweißdenken ab, aber ich bemühe mich um Grautöne.

      Gerade in diesem Beitrag kommt eine Menge zur Sprache, was sich über die Jahre hinweg ziemlich verhärtet hat, und natürlich spielen die Extreme in allen Beiträgen dieser Reihe eine zentrale Rolle – dennoch war damals sicher nicht alles extrem. Die Extreme sind nur die Eckpfeiler. In meinem Fall sind es zum Beispiel die Dinge, die mir am meisten leidtun, weshalb ich sie auch am ausführlichsten behandelt habe.

      Trotzdem, erneut, ich danke dir für deinen Kommentar.

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