Einkehr und Aufbruch VI – Vielleicht in zehn Jahren

In diesem Beitrag soll es um L. gehen. Nicht um den L., von dem ich bereits erzählt habe, sondern um L., meine einstige Freundin. In gewisser Weise wird dies der schwierigste Teil des ganzen Projekts, denn auch wenn ich eine Menge rücksichtsloser Dinge getan habe, fürchte ich, dass mich nichts in ein derart schlechtes Licht rückt wie das, was jetzt folgt. Zudem glaube ich, keinem anderen Menschen so nachhaltig geschadet zu haben wie L. Aber beginnen wir am Anfang.

Ich habe L. kennengelernt, als ich noch mit S. zusammen war. Auch L. steckte damals noch in einer Beziehung. Zwischen uns hatte es allerdings mächtig gefunkt, weshalb rasch klar wurde, wie die Dinge sich entwickeln würden.
So weit, so wenig verwerflich. Dass ich jedoch eine Woche lang quasi zwei Beziehungen führen musste, ist schon etwas schwieriger zu rechtfertigen. Ich bezweifle, dass Sicherheit in einem solchen Fall eine legitime Begründung darstellt, für mich war das zu jenem Zeitpunkt aber ein mehr als überzeugendes Argument. Offiziell waren L. und ich schließlich ab dem 29.11. ein Paar.

Ich kann nicht über L. reden, ohne zumindest kurz ihre Mutter zu erwähnen, welche ich sehr geschätzt habe. Obwohl es unwahrscheinlich ist, dass sie jemals auf diese Worte stoßen wird, würde ich ihr an dieser Stelle gerne dafür danken, dass sie immer für mich da war – sogar nachdem L. und ich uns schon lange getrennt hatten. Außerdem möchte ich sie um Verzeihung für all die schlaflosen Nächte bitten, die ich ihr bereitet habe. Ich habe mir vor zirka zwei Jahren nochmal ihre alten Briefe durchgelesen und war geschockt. Es ist unfassbar, wie verzerrt meine Wahrnehmung einmal gewesen sein muss, dass ich selbst anhand jener Zeilen nicht in Erwägung gezogen habe, mein Verhalten zu überdenken … Kommen wir aber zurück zu L. und mir.

Wir hatten von Anfang an Probleme. Verblüffend, wenn ein gemeinsamer Weg in beidseitiger Untreue beginnt. Die erste Sache, die ich bereue, ist dass ich sie bereits an Silvester hintergangen habe. Aus unerfindlichen Gründen haben wir nicht am selben Ort gefeiert, und nur Minuten, bevor wir zum Jahreswechsel telefonierten, hatte ich eine andere Frau geküsst. Ich meine, L. das nie gestanden zu haben. Ich hatte es ehrlich gesagt selbst beinahe vergessen; erst als ich gestern über diesen anstehenden Beitrag nachdachte, ist die Erinnerung zurückgekehrt. Dafür aber schlagartig.
Aus diversen Gründen blieb es letztlich zwar bei diesen Küssen, doch mein Gewissen war ganz sicher keiner davon. Das schlechte Gewissen kam erst im Nachhinein. Wirklich schwer wog es allerdings nicht, denn ich glaube, ich habe selten an diesen Abend zurückgedacht.

Ein abgrundtief schlechtes Gewissen hatte ich dafür, nachdem ich L. „richtig“ betrogen hatte. Ich meine, das wäre im Februar gewesen, bin mir jedoch nicht sicher. Das als einmaligen Ausrutscher zu verdrängen, hat mich einiges an Aufwand gekostet … und trotzdem ist es mir irgendwie gelungen. Gut gefühlt habe ich mich dabei zwar nicht, aber die Furcht davor, L. zu verlieren, war schlichtweg um ein Vielfaches größer.

Ich habe weiter oben erwähnt, dass es bei uns von Anfang an Probleme gab, allerdings war das nur selten etwas Gravierendes – abgesehen von dem, was ich getan habe, natürlich. So widersprüchlich sich das angesichts meines Verhaltens nämlich auch anhören mag, wir standen uns wirklich nah. Sie hat mich geliebt, und auch ich habe L. von ganzem Herzen geliebt. Jede einzelne Sekunde unserer gemeinsamen Zeit … und darüber hinaus.
Gleichwohl folgte eines Tages der nächste Fehltritt – und war sonderbarerweise sogar einfacher zu verdrängen als der vorige. Erst der dritte hat mich komplett aus der Bahn geworfen.
Den folgenden Tag, den Tag, an dem ich L. alles gestanden habe, werde ich nie vergessen. Ich erinnere mich an absolut unwichtige Details. Ich weiß, was wir getrunken haben, welche Plätze im Zug wir besetzt hatten, wo wir ausgestiegen sind … ich weiß das, als wäre es gestern gewesen.

Wir waren zu dritt unterwegs. Die Person, mit der ich L. betrogen hatte, A. und ich. Gestanden habe ich ihr all das per Telefon, und für lange Zeit war dieses Gespräch meine unverzügliche Antwort auf die Frage, was denn das Schlimmste sei, was ich je erlebt habe.
Ich habe sie angerufen und ihr gesagt, dass ich fremdgegangen wäre – und sie hat gelacht. Ich habe es wiederholt – und sie hat erneut gelacht. Sie hatte ein solches Vertrauen zu mir, dass das in ihrer Realität ein Ding der Unmöglichkeit war. Dass es keine andere Erklärung für meine Worte geben konnte, als dass ich einen seltsamen Witz machte. Erst als ich es erneut wiederholte, wurde ihr bewusst, dass ihre Realität gerade zerbrochen war. Stille. Mehr weiß ich nicht mehr. So klar meine Erinnerung bis zu diesem Moment ist, so diffus scheint der restliche Tag.

Wir haben uns dennoch nicht getrennt. Aus den vormals selten gravierenden Problemen war nunmehr jedoch ein monumentaler Trümmerhaufen geworden – und wir Zwei versuchten verzweifelt, ihm keine Beachtung zu schenken. Ich habe sie kein weiteres Mal betrogen, aber ich hatte sie schon verloren.

Ich möchte nicht im Detail auf alles eingehen, was infolgedessen passiert ist, doch es ging mitunter so weit, dass sie einmal kurz davor war, die Polizei zu rufen. Nicht, weil ich gewalttätig geworden wäre, sondern weil sie meine Gegenwart nicht länger ertragen konnte. Von bizarrer Angst gelähmt, war ich meinerseits aber unfähig, ihre Wohnung zu verlassen. Ich konnte sie nicht alleine lassen. Wir gehörten zusammen.
An einem anderen Abend ist mir sehr wohl die Hand ausgerutscht. Eine Ohrfeige, die ich schon damals bereut habe. Ich kann nicht beschwören, dass es nur dieses eine Mal war – ich weiß es schlicht und ergreifend nicht mehr –, aber dieses eine Mal habe ich noch deutlich vor Augen. Ich bin mir auch unsicher, ob sie mir gegenüber jemals handgreiflich geworden ist, ich weiß nur, dass das am Bild der Gesamtsituation nichts ändern würde. Noch monatelang haben wir versucht, dieses Etwas von Beziehung am Leben zu halten, obwohl es zwangsläufig zum Scheitern verurteilt war.

Da wäre noch ein letztes Ereignis, das nicht unerwähnt bleiben soll. Ich habe lange überlegt, ob ich es überhaupt ansprechen möchte, mich schließlich aber dafür entschieden. Die folgende Sache hat sich irgendwann im Laufe unserer Beziehung zugetragen; ob das vor oder nach meinem Geständnis war, weiß ich beim besten Willen nicht mehr. Auch eine Menge der Details habe ich nicht mehr parat, aber dennoch fühle ich mich deshalb schuldig.
Es geht darum, dass einmal eine meiner Bekannten bei einer anderen übernachtet hat. Ich habe im Nachbardorf gewohnt und wir haben an diesem Abend geschrieben. Ich kann nicht mehr sagen, ob wir direkt wurden oder ob ich den Gedanken nur im Dialog mit einem Freund weitergesponnen habe, aber ich habe definitiv in Erwägung gezogen, die beiden zu besuchen, und das nicht ohne explizite Absichten. Ich habe es letztlich nicht getan, doch in Anbetracht der Umstände scheint mir das trotzdem mehr als eine Lappalie zu sein.

Ich glaube, L. und ich sprachen zum Schluss von einer Pause. Diese Pause hält bis heute an. Einen wirklichen Endpunkt gab es jedenfalls nie, wenn ich mich recht entsinne. Nachdem wir uns ein paar Wochen oder sogar Monate nicht gesehen hatten, haben wir uns noch ein letztes Mal getroffen, und ich vermute, uns beiden war an diesem Tag nicht bewusst, dass wir uns danach nie wieder sehen würden. Es fühlt sich noch jetzt seltsam an, daran zu denken.

Einige Jahre später haben wir erst ein wenig geschrieben und schließlich sogar telefoniert. Sie bat mich um ein persönliches Gespräch, um die Sache hinter sich lassen zu können. Ich habe abgelehnt. Ich habe mir fadenscheinige Begründungen aus den Fingern gesaugt, weil ich dazu nicht in der Lage war. Das bereue ich heute. Ich hoffe, sie hat es inzwischen auf irgendeine Art und Weise geschafft, damit abzuschließen. Ich hoffe auch, dass sie ihren Weg gefunden hat, und ich möchte mich für jede Last, die ich ihr mitgegeben und für alles, was ich ihr genommen habe, entschuldigen.

Es tut mir leid, dass ich unfähig war, auf dich achtzugeben, Sommersprosse.

Einkehr und Aufbruch VI – Vielleicht in zehn Jahren
                                    

Kevin Schmidt

Ich wandle zwischen Nostalgie und Zuversicht – das beschreibt mich ganz gut, glaube ich.

6 Kommentare zu „Einkehr und Aufbruch VI – Vielleicht in zehn Jahren

  • 5. Mai 2021 um 19:50
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    Wie berührend. Ich war mal eine L., vor ganz ganz langer Zeit; nach fast 40 Jahren bekam ich die erlösende „Entschuldigung“, die Bitte, zu verzeihen, was passiert ist.
    Krass das Ganze und auch krass, deine Perspektive zu lesen. Danke für deine mutige Offenheit! Danke.

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    • 6. Mai 2021 um 12:58
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      Ich habe deine Kommentare gerade im Spam-Ordner gefunden, frag mich nicht, weshalb. 🤔

      Es ist seltsam, das von dir zu lesen. Die Tatsache, dass du dich dort so wiederfindest …
      Es tut mir auf jeden Fall leid für dich. „Erlösend“, sagst du? Hat dich das nach all der Zeit noch immer derart belastet? Das macht mir Angst.

      Danke für deinen Respekt.

      Antworten
  • 8. Mai 2021 um 00:16
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    Nachdem ich dies gelesen habe, kann ich nur noch eines empfehlen. Ich meine das keinesfalls despektierlich. Ich weiß nur, dass es mir geholfen hat.
    Begib Dich in Therapie.
    LG Michael

    Antworten
    • 8. Mai 2021 um 17:39
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      Das kann bestimmt eine hilfreiche Sache sein und es freut mich, dass dir das geholfen hat.
      Vielleicht ziehe ich es irgendwann noch einmal in Erwägung, derzeit sehe ich mich aber nicht an diesem Punkt.

      Ich danke dir trotzdem für deinen Rat.

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    • 26. Mai 2021 um 13:01
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      Hallo Miriam, vielen Dank dafür.

      Ja, es hat mir definitiv dabei geholfen, damit abzuschließen.

      Alles Gute wünsche ich auch dir!

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