Einkehr  und Aufbruch V – Wenn ich gewusst hätte …

Ich erinnere mich nicht mehr daran, wann und wie ich die Beziehung mit M. ein für alle Mal beendet habe, doch ich weiß, dass ich erst etwas später mit S. zusammengekommen bin. Deuten wir das als einen Hauch von Anstand.

S. ist ein wundervoller Mensch. Ich rechne es ihr hoch an, dass sie in einer ziemlich turbulenten Zeit zu mir gehalten hat.
Während wir ein Paar waren, habe ich meine Tage hauptsächlich damit verbracht, dem Unterricht fernzubleiben und stattdessen durch die Stadt zu ziehen, mich zu betrinken und in meinem Nihilismus zu versinken – bis ich die Schule ein Jahr vor dem Abitur schließlich abgebrochen habe. Es ist mir schleierhaft, wie sie all das aushalten konnte. Zweifelsohne hat sie mich geliebt. Nur wusste ich das damals nicht zu würdigen; und das ist der erste Punkt, für welchen ich mich entschuldigen möchte.

Ich habe sie auch geliebt, aber ich habe ihr das viel zu selten gezeigt. Ich vermute, sie hat es hin und wieder infrage gestellt, denn sie hat mehrfach den Wunsch nach mehr Zuneigung geäußert. Meine Entgegnung war immer dieselbe: „Ich habe einmal Musik für dich geschrieben.“
Da ihr das verständlicherweise nicht genug war, war ich verstimmt. Ich war gekränkt, weil sie nicht gebührend anerkannte, dass ich ihr irgendwann einmal einen Song und eine einzelne Zeile in einem anderen Stück gewidmet hatte.
Eines Tages kam sie mich unangekündigt besuchen, um mich zu überraschen. Ich war gerade draußen auf der Terrasse, als ich sie erblickte, und ich mag mir gar nicht vorstellen, wie mies sie sich angesichts meiner Reaktion gefühlt haben muss. Gefreut habe ich mich nämlich nicht. Ich hatte schließlich andere Pläne für den Nachmittag. Was sie hier mache, habe ich sie also gefragt. Gott, ich hasse mich dafür.

Unsere Beziehung war ein großes Geben ihrerseits und ein noch größeres Nehmen meinerseits. Inzwischen weiß ich alles, was sie getan hat, zu schätzen, und würde noch so viel mehr zurückgeben. Aber dafür ist es zu spät. Trotz alledem sind wir noch längst nicht am Ende der Geschichte. Zu den wahren Abgründen kommen wir jetzt.

Die Beziehung lief unauffällig weiter. Einfach so vor sich hin. Ab einem gewissen Punkt wäre es aufrichtiger gewesen, sie zu beenden. Zumindest glaube ich das heute. Damals war an so etwas natürlich nicht zu denken, denn dann wäre ich ja ohne Freundin dagestanden, und eine solche Blöße konnte und wollte ich mir nicht geben. Schlauer war es abzuwarten, bis sich etwas vermeintlich Besseres findet. Widerlich. Selbstredend kam es letztlich zu einem äußerst unschönen Ende; wie genau das jedoch vonstattenging, werde ich im kommenden Beiträge beleuchten, denn – o Wunder – auch mit meiner nächsten Partnerin bin ich nicht immer allzu ehrenhaft umgegangen. Die Beziehung mit S. war auf jeden Fall irgendwann Geschichte. Und dabei hätte ich es belassen können. Habe ich aber nicht.

Was jetzt folgt, ist eine der abscheulichsten zwischenmenschlichen Aktionen, die ich mir vorstellen kann. Daran gibt es nichts schönzureden und ich gebe zu, dass selbst mein mitunter so zynischer Humor hier an seine Grenzen stößt. Was ich abgezogen habe, war schlicht und ergreifend verachtenswert.

Wir alle waren damals auf Kwick angemeldet. Heutzutage eine eher dubiose Seite, vor Facebook allerdings, zumindest im Süden Deutschlands, die mit Abstand größte soziale Onlineplattform.
Jeder, der dort ein Profil hatte, hatte auch einen Blog, und ich habe den meinen ausgiebig genutzt. In vollem Bewusstsein darüber, dass S. es lesen würde, habe ich eines Tages nachstehenden Satz veröffentlicht: „Hätte ich gewusst, dass Sex so gut sein kann, wäre ich schon viel früher fremdgegangen.“

Was in dem Moment, als sie das gelesen hat, in ihr passiert sein muss, kann ich vermutlich selbst jetzt noch nicht ganz fassen. Sie hat mich zu diesem Zeitpunkt noch geliebt, dessen bin ich mir ziemlich sicher. Ich finde keine angemessenen Worte für dafür. Das ist durch nichts zu rechtfertigen und in keiner Weise nachvollziehbar. Ich habe mir in der Arschlochrolle gefallen, das ist alles. Es tut mir unendlich leid. Unendlich.

Wie um alles in der Welt sich einige Zeit später eine Freundschaft zwischen S. und mir entwickeln konnte, wird mir niemand jemals erklären können. Und doch war es so. Ich habe sie später als unglaublich gute Freundin geschätzt. Wirklich geschätzt. Ich erinnere mich daran, dass ich einmal geäußert habe, dass wir uns mittlerweile sogar noch besser verstehen würden als zur Zeit unserer Beziehung – nur hat sie mir da nicht ganz zugestimmt. S. hatte mich einmal wahnsinnig geliebt, mitsamt meiner abscheulichen Seiten. Auch mit den guten, natürlich, aber eben auch mit so viel dessen, was ich mittlerweile an meinem früheren Ich verachte.

Es gibt eine weitere Sache, die sich in meinem Kopf festgesetzt hat. Mein früheres Ich hatte nicht einmal Skrupel, „unser Lied“ für seine nächste Partnerin zu recyceln. Nicht jenes, welches ich für sie geschrieben hatte, sondern „You Are the One“ von Sentenced. Ich weiß, dass auch das sie verletzt hat, und der Gedanke daran treibt mir die Tränen in die Augen. Ich liebe „The Cold White Light“, aber ich kann es mittlerweile nicht mehr am Stück durchhören. Zu viele Vorwürfe und Erinnerungen hängen an besagtem Titel. Ich muss jedes einzelne Mal an S. denken und es fühlt sich an, als hätte ich gerade eben erst alles niedergerissen. Immerhin ist es heute also wieder unser Lied – und das wird es auch für immer bleiben.

Was genau der Grund gewesen ist, dass unser Kontakt irgendwann endgültig abbrach, darüber lässt sich nur spekulieren. Gut möglich, dass es eine Kombination aus Reifungsprozessen auf ihrer Seite und immer weiter hinabführender Irrwege auf meiner Seite war. Vielleicht war es unser letztes Treffen, bei welchem ich doch sehr aufdringlich war, das das Fass zum Überlaufen gebracht hatte. Vielleicht hat es eine Rolle gespielt, dass sie damals jemanden kennengelernt hatte, vielleicht nicht. Ich weiß es nicht.

Wenn es möglich wäre, würde ich ihr gerne sagen, dass ich inzwischen verstehe, wie sehr ich sie mit meinem Verhalten verletzt habe. Dass es mir aufrichtig leidtut und dass ich wünschte, ich hätte sie besser behandelt. Dass ich hoffe, dass es ihr gut geht und dass ich letztlich erkannt habe, was ich einmal in ihr hatte.

Mach es gut, S.

Einkehr und Aufbruch V – Wenn ich gewusst hätte …
                        

Kevin Schmidt

Ich wandle zwischen Nostalgie und Zuversicht – das beschreibt mich ganz gut, glaube ich.

4 Kommentare zu „Einkehr und Aufbruch V – Wenn ich gewusst hätte …

  • 8. Mai 2021 um 00:11
    Permalink

    Ein moderner Augustinus Du bist.
    Noch viel Du zu lernen hast junger Kevin…
    Lies die Bekenntnisse von Augustinus, ich vermute, Du wirst Dich darin wiederfinden.
    LG Michael

    Antworten
    • 8. Mai 2021 um 17:15
      Permalink

      Was ich bislang über Augustinus weiß, beschränkt sich auf das, was ich heute Morgen beim Überfliegen des Wikipedia-Artikels erfahren habe. Ich werde mich noch näher mit ihm auseinandersetzen.

      Und, auch wenn ich mich an der Art deiner Formulierung etwas störe, ich habe nie bestritten, dass ich noch viel zu lernen habe. In gewisser Weise steckt das ja sogar im Titel dieser Reihe. Vielleicht helfen genannte Bekenntnisse ja tatsächlich weiter.

      Ich danke dir für deinen Kommentar, Michael.

      Antworten

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