Einkehr und Aufbruch IV – Unsere eigene Welt

Wir haben uns kennengelernt, als ich gerade zu meinem Vater gezogen war. J. war unlängst auf die weiterführende Schule und ich in die sechste Klasse gekommen. Ich wohnte nun zwar wieder in dem Dorf, in dem ich schon vor der Scheidung meiner Eltern gewohnt hatte, aber das war eine halbe Ewigkeit her. Zumindest für ein Kind. Ich kannte dort also kaum jemanden, und so haben wir uns recht schnell angefreundet.

Wir kamen aus ganz unterschiedlichen Welten, doch haben wir uns in den kommenden Jahren unsere eigene geschaffen. Natürlich kann ich nur aus meiner Perspektive berichten und ansonsten maximal Vermutungen anstellen, aber so habe ich es wahrgenommen. Fakt ist, dass wir einen großen Teil unserer Jugend miteinander verbracht haben. Wir haben einige der prägendsten Zeiten miteinander erlebt. Wir waren Brüder im Geiste, zumindest sagten wir das. „Schattenbrüder“, um genau zu sein. Zwar einem wenig schmeichelhaften Lunar-Aurora-Songtext entnommen, doch als bloßer Begriff betrachtet passend.
Ich habe große Stücke auf ihn gehalten, nur war das für mich leider selten ein Grund, nicht noch größere auf mich zu halten. Ich habe ihn nie ernsthaft runtergemacht oder bloßgestellt, aber ich habe ihm unbewusst oft so viel weniger Respekt entgegengebracht als ich dachte, dass es kaum verwunderlich ist, dass sich der Kontakt schon verlaufen hatte, bevor ich unsere Freundschaft in einem letzten Akt der Egozentrik endgültig begraben habe. Doch dazu komme ich noch. Vorher möchte ich auf etwas anderes eingehen.

Zwischen J. und seiner Freundin war es schon kompliziert, bevor ich sie wirklich kennenlernte. Ein typisches Hin und Her. Sie und ich verstanden uns von Anfang an gut, und ich bezweifle, dass es an dieser Stelle noch überraschend kommt, wenn ich sage, dass ich ein wenig in sie verschossen war. Ob sie mich nur als Freund mochte oder ob da mehr war, ließ und lässt sich schwer deuten. Ich weiß nicht, ob ich bloß als Ersatz diente, wenn es zwischen ihr und J. kriselte, oder ob wir uns auch nähergekommen wären, hätte es dieses Chaos zwischen den beiden nicht gegeben. Wie dem aber auch sei, wir sind uns nähergekommen.

Ich habe damals erstaunlicherweise sogar so etwas wie Mitgefühl für J. verspürt. Mir war bewusst, dass das eine richtig üble Situation für ihn war. Eine Beziehung, die nicht funktionierte, und noch dazu ein „bester“ Freund, der mit der (Ex-)Freundin anbandelt, während noch nichts wirklich abgeschlossen ist. Gleichwohl schien es mir unmöglich, mich von ihr fernzuhalten. Wer schon einmal in einer ähnlichen Lage war, wird das vielleicht nachvollziehen können. Heute würde ich mit dieser Situation natürlich trotzdem anders umgehen. Wesentlich offener und rücksichtsvoller. Ich denke, wir alle würden das tun. Leider lässt sich jedoch nach wie vor nicht ungeschehen machen, was einmal passiert ist, und so bleibt mir nur, mich dafür zu entschuldigen.
Fragt mich nicht, wie er mir das damals verzeihen oder es ignorieren konnte, aber er hat es mir niemals vorgehalten.

Dessen ungeachtet weiß ich allerdings, dass ihm meine Arroganz irgendwann gehörig auf die Nerven ging. Ich vermute, dass er zur selben Zeit aufgehört hat, sich mir innerlich unterzuordnen; denn obwohl ich mir nicht sicher sein kann, dass er das jemals getan hat und ich ihm nichts unterstellen möchte, schätze ich, dass genau das für lange Zeit der Fall war. Doch egal wie es kam, nach einigen Jahren haben wir uns Stück für Stück voneinander entfernt. Wir haben den Kontakt zwar eines Tages wieder aufgenommen, so eng wie zuvor wurde es aber nie wieder. Womöglich war ich noch immer viel zu unreif und überheblich dafür.

Er hat mir vertraut, deswegen hatte ich seine Passwörter. Über die Zeit unserer Freundschaft hinweg habe ich mich folglich immer mal wieder in diverse seiner Profile eingeloggt oder sein Handy durchstöbert. Was ich zum Ende hin aber abgezogen habe, spottet jeder Beschreibung.
Es gab da dieses Mädchen, das ich schon seit Jahren kannte. Zumindest am Rande. Die ehemals beste Freundin einer meiner Verflossenen. Als sie und ich uns etwas annäherten, war mein Innerstes schon völlig zerfressen. Nach außen hin wahrte ich natürlich weiter den Schein (und auch selbst habe ich das oft gar nicht so wahrgenommen), aber ich war dermaßen eifersüchtig, dass ich an jeder Ecke Typen vermutete, die nur darauf aus waren, mir alle Frauen „wegzunehmen“, die an mir Interesse zeigten. Und ich war immer bereit, das zu verhindern oder zurückzuschlagen. Dass das eine ziemlich menschenverachtende Sichtweise war, war mir sogar in irgendeiner Form bewusst … weiter tangiert hat mich das allerdings kaum.
Jedenfalls habe ich den E-Mail-Verkehr zwischen den beiden, also zwischen J. und meiner neuen/alten Bekannten, genauestens ins Visier genommen – um festzustellen, dass J. drauf und dran war, sie für sich zu beanspruchen. Ohne dass es etwas zu beanspruchen gab. Ich vermute inzwischen sowieso, dass sie die ganze Sache nicht ansatzweise so ernst genommen hat wie ich – eine damals noch recht ungewohnte Situation für mich. Das Interessanteste an der ganzen Geschichte ist aber, mit welch perfiden Methoden J. sie davon zu überzeugen versuchte, dass es besser wäre, die Finger von mir zu lassen. Da fielen Worte wie: „Ja, Kevin ist echt lustig.“
Ernsthaft. Mein Kopf hat es geschafft, derartige Aussagen so zu verdrehen, dass ich mich bedroht fühlte. Die Konsequenz war, dass ich im Stillen Rache schwor. Also habe ich D., seine zu jenem Zeitpunkt letzte Partnerin, angeschrieben.

Die sich anbahnende Beziehung zwischen D. und mir versuchte ich selbstverständlich erst gar nicht, vor J. geheimzuhalten – wobei es trotzdem eine Weile dauerte, bis er es mitbekam. Daraufhin hat er mir eine letzte Mail geschrieben und jeglichen Kontakt umgehend abgebrochen. Ich habe argumentiert, dass es doch er gewesen wäre, der D. abserviert hatte und dass das ganze doch schon einige Monate zurückläge … und vielleicht war an diesen Argumenten sogar etwas dran. Dass meine Intention allerdings von Anfang an gewesen war, ihm eins auszuwischen, spricht nicht unbedingt dafür, dass ich selbst allzu überzeugt von ihnen gewesen wäre.

Psychisch war ich zu der Zeit schon ziemlich am Ende, wahrscheinlich unfähig, eine richtige Beziehung zu führen. Infolgedessen habe ich das mit D. nach nur drei Monaten selbst beendet. Anmerken möchte ich dennoch, dass ich echte Zuneigung für sie empfunden hatte, so unrühmlich meine ursprüngliche Absicht auch gewesen sein mag. Unschön ist, dass ich sie in meine heruntergekommene Welt hineingezogen habe. Ich weiß nicht, wie viele Tränen sie wegen mir vergossen hat, aber es waren unbestreitbar zu viele – und dafür möchte ich mich entschuldigen. Ich habe noch Jahre (oder war es nur eines?) danach versucht, sie zurückzugewinnen, aber obwohl ich weiß, dass sie noch lange Gefühle für mich hegte, blieb sie standhaft. Und das war definitiv die richtige Entscheidung. Das ist mir heute klar.

J. habe ich vor drei oder vier Jahren einmal zufällig getroffen und wir haben uns oberflächlich unterhalten. Ich war seinerzeit an einem absoluten Tiefpunkt angekommen, klein und unbedeutend. Es war nicht zu leugnen, dass sich unsere Positionen grundlegend verändert hatten. Ich habe damals so halb zugegeben, dass ich viel Müll gebaut hatte und er hat ausgesprochen, was ich sowieso wusste: Dass er mich gegen Ende abgrundtief gehasst hatte. Wirklich ernstzunehmen schien er mich dabei nicht mehr – und ich konnte es ihm nicht verübeln.

Ich bin froh, dich gekannt und unzählige der besten Tage meines Lebens mit dir geteilt zu haben. Die Erinnerungen an unsere ziellosen Nachmittage im Wald, die schier unendliche Menge bescheuerter Fotos, die lustigsten „Filme“, die jemals „gedreht“ wurden und die absurdeste Band der Welt will ich nicht missen, ganz egal wie sehr sie heute auch schmerzen. Ich danke dir und wünsche dir alles Gute, mein Schattenbruder.

Es tut mir leid.

Einkehr und Aufbruch IV – Unsere eigene Welt
                                        

Kevin Schmidt

Ich wandle zwischen Nostalgie und Zuversicht – das beschreibt mich ganz gut, glaube ich.

Ein Kommentar zu „Einkehr und Aufbruch IV – Unsere eigene Welt

  • 8. Mai 2021 um 00:07
    Permalink

    Im Krieg und in der Liebe sind alle Mittel erlaubt.
    Hier ist keine/r ohne Sünde, also wird auch keine/r einen Stein nach Dir werfen…
    LG Michael

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