Einkehr und Aufbruch III – Maskenfall

Habt ihr schon mal auf der Überraschungsparty eines Freundes um dessen Einverständnis gebeten, mit seiner Freundin schlafen zu dürfen? Ich schon. Und bevor sich das jemand fragt, so etwas wie offene Beziehungen kannten wir damals nicht. Jene Freundin (nennen wir sie fortan „E.“) wusste davon im Übrigen gar nichts. Zumindest wäre mir das nicht bekannt. Ich war der Meinung, wenn er mir sein Okay geben würde, wäre die Sache geritzt. Als ob sie etwas dagegen hätte haben können. Wieso auch? Ich war ein toller Typ, jeder fand mich super. Kleine Randnotiz: Es war E. selbst gewesen, die die Party organisiert hatte.

A. war es egal. Jedenfalls sagte er das … oder so etwas Ähnliches. Er meinte, sie müsse das entscheiden. Ich habe das damals als Zustimmung aufgefasst. Letztlich kam es allerdings trotzdem nicht dazu, vielleicht weil sie seltsamerweise doch nicht so erpicht darauf war wie erwartet, ich weiß es nicht mehr genau. Was ich aber noch weiß, ist dass ich es eigentlich ohnehin auf ein anderes Mädchen abgesehen hatte, nämlich auf S. – und bei ihr konnte ich tatsächlich irgendwie landen.

Es war kein Geheimnis, dass ich ein Auge auf S. geworfen hatte. Dennoch hat E. mich in dieser Nacht mehrmals darauf hingewiesen, dass ich doch eigentlich mit M. zusammen wäre. Das habe ich abgetan, weil das doch gar keine richtige Beziehung mehr wäre. Und, ja, das war etwas rein Körperliches, nachdem ich eigentlich schon Schluss gemacht hatte. Nichtsdestoweniger frage ich mich im Nachhinein, wie M. das wohl sah. Wie stark ihre Gefühle mir gegenüber zu diesem Zeitpunkt noch gewesen sein mögen. Ich meinerseits hatte kaum mehr Gefühle für sie, nachdem ich an einem Tag einige Wochen zuvor stundenlang auf sie eingeredet hatte, um ihr diesen Kein-Sex-vor-der-Ehe-Schwachsinn auszureden. Erfolgreich.

Zusammengefasst habe ich in dieser Nacht also meine Freundin betrogen und das Geburtstagskind darum gebeten, mich auf seiner eigenen Überraschungsparty mit seiner Freundin vergnügen zu dürfen.
Beides würde mir heute im Traum nicht mehr einfallen. Dennoch möchte ich an diesem Punkt differenzieren. Ich denke, das sind zwei paar Schuhe. Während es zwar von purem Eigensinn, Überheblichkeit und völliger Abstinenz von Anstand zeugt, eine solche Frage zu stellen, obendrein in jenem Kontext, kann man das vielleicht noch mit einem Kopfschütteln abtun oder ob der Dreistigkeit sogar ein wenig darüber lachen, wenn der eigene Humor das denn hergibt. Wie ich allerdings mit M. umgegangen bin, ist ein ganz anderes Kaliber. Ich habe auf Sicherheit gespielt und die Beziehung halbwegs weiterlaufen lassen, falls das mit S. doch nicht klappen sollte. Und das hatte M. nicht verdient. Sie hatte auch nicht verdient, dass ich sie derart ausgenutzt habe. Und dafür möchte ich mich in aller Form entschuldigen.

Ich habe übrigens vor Kurzem erfahren, dass sie mittlerweile verheiratet ist, und ihr dürft mir glauben, dass mir das einen mächtigen Stich verpasst hat. Nicht, weil ich ihr das Glück nicht gönne, ganz im Gegenteil. Es freut mich ungemein für sie. Eher, weil das mal wieder eine der Situationen war, in denen sich dieses stete „Was wäre, wenn?“ in meinem Hinterkopf ganz deutlich bemerkbar gemacht hat. Ich glaube nicht, dass M. und ich unter anderen Umständen jemals geheiratet hätten, versteht mich nicht falsch. In solchen Momenten geht es mehr darum, dass ich mich grundsätzlich frage, wo ich heute wohl stehen würde, hätte ich mich früher anders verhalten.

Darüber, was A. und E. inzwischen treiben, weiß ich nicht viel. Der Kontakt zu E. brach ab, als die beiden sich trennten, und der zu A. einige Jahre später. Ohne konkreten Auslöser, aber retrospektiv wenig verwunderlich. Zu S. möchte ich an dieser Stelle noch nicht zu viel sagen, weil sie eine der Personen ist, denen ich einen vollständigen Beitrag widmen möchte. Fahren wir also fort … wir waren bei Geburtstagspartys.

Ich weiß nicht mehr sicher, wessen Feier es war, glaube jedoch, dass das für folgende Geschichte nicht wirklich eine Rolle spielt. Wichtiger ist, dass auf dieser Feier sowohl R. als auch C. zu Gast waren. Außerdem waren die beiden ein Paar – was mir allerdings relativ egal war. Um mich davon abzuhalten, eine Frau zu küssen, braucht es mehr als einen Freund, der danebensteht.
Klar, zu jeder dieser Aktionen gehören zwei Menschen – ich habe niemanden jemals genötigt (zumindest wenn man von der Sache mit M. absieht) –, aber hier geht es um mich und mein Verhalten. Und dass es andere Beteiligte gibt, befreit einen meiner Meinung nach nicht von der Schuld.
Auf jeden Fall ist mir schleierhaft, wie ich damit durchkommen konnte. R. meinte Jahre später zu mir, C. wäre während ihrer gesamten Beziehung eher gleichgültig gewesen. Das war vermutlich mein Glück. Davon hatte ich ohnehin meist mehr als Verstand.

Nebenbei, auf ebendiesem Geburtstag habe ich meinem bis heute besten Freund gebeichtet, dass ich mir einige der Frauen, von denen ich häufig erzählte, nur ausgedacht hatte. Und ich glaube, bis vor Kurzem war er der Einzige, der das wusste.

Zurück zu R. und C. Zu C. habe ich seit bald zehn Jahren keinen Kontakt mehr, mit R. habe ich mich eine Zeit lang vergleichsweise häufig getroffen, irgendwann aber nur noch sporadisch geschrieben und ein paar Mal telefoniert. Ende 2019 hat sie mir offenbart, dass sie eine gefühlte Ewigkeit unsterblich in mich verliebt gewesen wäre und deshalb an üblem Liebeskummer gelitten habe. Ich wusste das zwar nicht, aber ich fürchte, ich hätte mich nicht anders verhalten, hätte ich es gewusst.
R. ist ein unfassbar guter Mensch und lebt heute endlich in einer glücklichen Beziehung. Sie hat seit jeher mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen, weswegen ich ihr an dieser Stelle noch einmal viel Kraft, Motivation und Hoffnung wünsche. Ich weiß nicht, ob sich unsere Wege noch einmal kreuzen werden, aber wenn nicht, dann bin ich froh, dass wir letzten Endes nicht im Schlechten auseinandergegangen sind.

Kurzer Einschub vor dem Szenenwechsel: Der Gedanke hinter diesen Einträgen ist nicht, ein objektives Bild zu zeichnen. Es geht darum, zu meinen Fehlern zu stehen und deutlich zu machen, dass ich meine Taten heute nicht mehr gutheiße oder wiederholen würde. So war ich mitunter sehr wohl ein richtiger Freund … nur war ich das eben sehr häufig auch nicht.

Ich hatte meine Probleme in der Schule. Weniger mit der Leistung an sich, mehr mit meinen Mitschülern. Bis zur fünften oder sechsten Klasse war ich eigentlich super integriert, in den Jahren darauf hat sich das jedoch gewandelt. Warum, das ist ein Thema für einen anderen Zeitpunkt. Jedenfalls hatte auch ich mit Mobbing zu kämpfen. Nie mit Mobbing von der medienwirksamen, schlimmen Sorte, doch erkläre das mal einem betroffenen Kind. Ich bin nicht gerne zur Schule gegangen. Irgendwann hat sich aber auch hier einiges verändert und ein anderer, auf die Schule begrenzter Freundeskreis hat sich entwickelt. Um Verwirrung zu vermeiden: Dieser Schul-Freundeskreis und jener, von dem ich üblicherweise spreche, hatten wenige bis keine Überschneidungen. Im Folgenden möchte ich auf eine Person aus dem Schul-Freundeskreis eingehen. Und das ist L.

L. war mein Nebensitzer und in gewisser Weise hat er mich als Freund betrachtet. Das weiß ich, weil er mich mindestens einmal so bezeichnet hat. Im Grunde habe ich mich ihm gegenüber auch ordentlich verhalten – außer wir waren nicht mehr alleine.
Die Mentalität in diesem Schul-Freundeskreis war eine ganz eigene, der Humor ein ganz spezieller. Im Grunde war nichts verwerflich und moralisch höchst bedenkliche Witze auf Kosten anderer waren an der Tagesordnung. Ich bin auch heute noch ein Freund eines speziellen, zynischen Humors, und nicht der Meinung, dass es Sachen gibt, über die man keine Witze machen darf. Nicht per se. Wenn die Gruppendynamik allerdings hauptsächlich daraus besteht, ein einziges Mitglied dieser Gruppe bloßzustellen, dann wird das ganz schnell schäbig. Deswegen tut mir jeder Spruch über L.s Familie und über seinen verstorbenen Hund leid. Es tut mir leid, dass ich persönliche Dinge, die er mir im Vertrauen erzählt hat, bei der nächsten Gelegenheit breitgetreten habe, damit wir uns über ihn lustig machen konnten. Dass ich ihn behandelt habe, wie ich ihn behandelt habe und ihm dadurch mit Sicherheit oft das Gefühl gab, er wäre nicht ernstzunehmen. Und ich möchte ihm meinen Respekt aussprechen. Dafür, dass er sich nie ganz hat kleinkriegen lassen und dennoch seinen Weg gegangen ist. Ich weiß nicht viel über seinen Werdegang, aber was ich aufgeschnappt habe, bringt mich zu der Annahme, dass er etwas aus seinem Leben gemacht hat. Und das ist ein schöner Gedanke.

Es gibt noch so viel mehr, was ich getan habe, aber leider ist es unmöglich, jede einzelne Aktion darzulegen. Zumal es sicherlich auch einiges gibt, was mir entfallen ist oder was ich momentan einfach nicht präsent habe. Ich denke jedoch, dass meine grundsätzliche Haltung inzwischen deutlich sein sollte, und sich diese Haltung im Zweifelsfall auch auf andere, nicht genannte Begebenheiten übertragen lässt. Gleichwohl sind mir die folgenden, abschließenden Worte besonders wichtig.

Ich habe H. nie direkt verletzt, aber ich weiß, dass ich sie wahnsinnig enttäuscht habe. Durch meine Art und durch das, was ich später S. angetan habe. H. ist einer der liebenswertesten Menschen, die ich jemals kennengelernt habe und ich wünsche ihr von Herzen das Beste. Ich werde wahrscheinlich nie wieder ein Wort mit ihr wechseln und sie wird das hier vermutlich niemals lesen, aber schon allein zu wissen, dass wenigstens theoretisch die Möglichkeit dazu besteht, ist Antrieb genug:
Ich wünschte, ich hätte häufiger versucht, deine Sicht der Dinge zu verstehen. Ich wünschte, ich hätte dich ab und an um Rat gebeten und ich wünschte, ich hätte dir öfter zugehört – wirklich zugehört. Ich hätte so viel von dir lernen können. Es tut mir leid, dass ich dafür zu stolz war.

Gutester

Einkehr und Aufbruch III – Maskenfall
                            

Kevin Schmidt

Ich wandle zwischen Nostalgie und Zuversicht – das beschreibt mich ganz gut, glaube ich.

2 Kommentare zu „Einkehr und Aufbruch III – Maskenfall

  • 8. Mai 2021 um 00:02
    Permalink

    Was für eine Nabelschau.
    Wofür soll das gut sein?
    Hilft es den Menschen aus Deiner Vergangenheit?
    Hilft es Dir?
    Solange wir nicht absolut Böse sind (wer ist das?), sind wir alle Täter und Opfer zugleich und ich vermute, jeder könnte ähnliches berichten (ich zumindest könnte das).
    Du bist kein Teufel und andere sind keine Heiligen.
    LG Michael

    Antworten
    • 8. Mai 2021 um 17:08
      Permalink

      Hallo Michael,

      nachdem ich mir einmal in aller Ruhe Gedanken über deine Worte gemacht habe, würde ich gerne darlegen, wie ich die Sache sehe:

      Ich verstehe, weshalb es auf dich so wirkt und möchte dir deshalb gar nicht direkt widersprechen. Wenn ich einen solchen Schritt wage, muss ich damit rechnen, dass andere Menschen meine Herangehensweise infrage stellen.

      Ich habe zu großen Teilen aus dem Gefühl heraus gehandelt, ohne meine genauen Beweggründe zu analysieren. Nun, da dieses „Projekt“ abgeschlossen ist, weiß ich jedoch, dass es mir geholfen hat. Ob es den Menschen aus meiner Vergangenheit hilft oder helfen könnte, weiß ich nicht. Dennoch kann ich versichern, dass ich hinter jedem Wort der Entschuldigung stehe.

      Du hast recht mit der Aussage, dass wir alle Täter und Opfer zugleich sind, doch mir persönlich widerstrebt es, diese Sichtweise als Rechtfertigung für mein Handeln heranzuziehen. Nicht, dass ich dir das vorwerfen würde, versteh mich da bitte nicht falsch. Es gibt Menschen, die haben Schlimmeres getan und es gibt Menschen, die haben das nicht – aber darum ging es mir nicht. Es ging mir darum, mich mit dem, was mir persönlich leidtut, auseinanderzusetzen.

      Liebe Grüße

      Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

%d Bloggern gefällt das: