Einkehr und Aufbruch II – Bildersturm

„Klar, bist du arrogant, aber du kannst es dir leisten.“

Und das habe ich geglaubt. Ich war mir sicher, dass die ganze Welt das so sehen würde, würde sie mich tatsächlich kennen. Und das nur, weil ich in unserem winzigen Freundeskreis gewissermaßen eine zentrale Rolle einnahm. Dass dieser Freundeskreis vom Rest der Welt in Wirklichkeit kaum wahrgenommen oder teilweise sogar belächelt wurde, war völlig irrelevant. Wir hielten uns für etwas Besseres und Unantastbares. Und ich stand ganz oben in dieser bizarren Scheinrealität.

Ich habe jeden in diesem Freundeskreis akzeptiert und respektiert, allerdings sind Akzeptanz und Respekt unglaublich variable Begriffe. Jeder ist sich selbst der Nächste – aber ich habe dieses Sprichwort auf eine ganz neue Ebene gehoben.
Ich möchte mich nicht in eine Opferrolle flüchten, das würde der Wahrheit nämlich nicht gerecht. Natürlich war es mein geringes Selbstwertgefühl, das für diesen Geltungsdrang verantwortlich zeichnete, doch war mein eigensinniges Verhalten durchaus von Erfolg gekrönt. Im Nachhinein und Gesamten betrachtet war ich somit vielleicht jämmerlich, aber sicher kein Opfer.

Ich weiß nicht genau, wie sich das alles entwickelt hat. Ich war wahrscheinlich nicht ganz unbegabt, weswegen ich in unserer Gruppe den meisten ein Stück voraus war – zumindest in ein paar scheinbar relevanten Aspekten. Im Kern hat sich damals erstmal alles um Musik gedreht; wir haben Musik geliebt, gelebt und danach gestrebt, unseren eigenen Schmerz, unsere Zweifel und unsere jugendliche Energie selbst in Worte und Klänge zu fassen. Und obgleich auch meine ersten Gehversuche auf diesem Gebiet eher als stümperhaft zu bezeichnen waren, war schließlich ich der erste, der halbwegs akzeptable Kompositionen vorzuweisen hatte.

Eine seltsame Dynamik ist daraus hervorgegangen. Denn anstatt sich gegenseitig zu ermutigen, voneinander zu lernen, sich zu helfen (was zwar vereinzelt geschah, aber doch eher des noch spärlich verbliebenen Anstands wegen), begannen die anderen zu mir auf- und ich auf sie hinabzusehen. Selbstverständlich lief das meiste davon eher unterschwellig ab, sodass es mitunter gar nicht leicht war, das zu durchschauen. Aber dennoch genoss ich die Bewunderung. Ich begann, meinen Wert daran festzumachen. Und das war erst der Anfang.

Als meine Werke schließlich ein Level erreicht hatten, das sich vermeintlich jeglicher Kritik entzog und ich mit Lob überschüttet wurde (wohlgemerkt noch immer nur von einer einstelligen Zahl an Bekannten und Freunden), war alles vorbei. Einige der damaligen Rückmeldungen habe ich archiviert. Von Tränen, von „Erfülltheit“ und „[allem] was ich sozusagen gesucht habe“ ist da die Rede. Ich wurde nicht gelobt, sondern mir wurde gedankt. So verwunderlich ist mein folgender Höhenflug also eigentlich gar nicht, denn an diesem Punkt hat sich alles gefügt und die Illusion meiner Selbstwahrnehmung war perfekt. Ich habe fortan durchgehend an meine Vollkommenheit geglaubt. Fehler? Habe ich nicht gemacht. Fehler waren menschlich, und ich war „Gott“.

Es fühlt sich ekelhaft an, das niederzuschreiben. Und zu meiner Verteidigung muss ich anmerken, dass „Gott“ schon damals metaphorisch und im künstlerischen Zusammenhang zu betrachten war. Nichtsdestoweniger, meine Arroganz war grenzenlos – zumindest im Rahmen unserer überzeichneten kleinen Welt.

Ich war nicht ausnahmslos und unerträglich widerlich – immerhin waren wir alle etwas Besseres, wenn wir für uns waren. Und außerhalb unseres Freundeskreises war ich sowieso größtenteils ganz klein. Leise und zurückhaltend. Doch im Zweifelsfall war ich es, nach dessen Pfeife getanzt wurde … und ich konnte mir alles erlauben.

Aus Tiefsinn und Anspruch wurde nach und nach Sex, Drugs & Rock’n’Roll. Und das verquere Bild, das von mir herumgeisterte, wurde stetig weiter ausgeschmückt. Ich war also nicht mehr nur der, der die musikalische Offenbarung geschaffen hatte, ich war auch der, der den skrupellosesten und schillerndsten Humor hatte. Dank meines Elternhauses war ich auch der mit dem Wasserbett, der mit dem Pool im Garten und der mit dem Vater, der Konzerte organisierte und einen einfach mal schnell zu Venom in den Backstagebereich mitnehmen konnte. Doch obwohl ich es verstand, all das wie meinen Verdienst aussehen zu lassen, weiß ich nicht, wie groß der Einfluss dessen auf das Zerrbild, das man von mir hatte, war – weswegen es tatsächlich nur eine Randnotiz sein soll.

Ich war der Humorvolle, der Künstler, der Draufgänger. Ich war vieles. Aber ich war nie Mittelmaß. In keinerlei Hinsicht. Ich habe exzessiver gelebt und mehr getrunken als alle anderen, ich hatte mehr Frauen als alle anderen und ich war nihilistischer als jeder sonst. Und wehe, wenn ich einmal nicht im Mittelpunkt stand. Allerdings kam das selten vor.

Ich merke gerade wieder, wie sehr ich diese Zeit doch vermisse, selbst wenn das widersprüchlich wirken mag. Das Ding ist, dass die Zeit per se keine schlechte war. Ich war schlecht. Ich würde gerne zurückkehren und sie greifen. Mit meinem jetzigen Wissen greifen und dafür sorgen, dass sie nicht verstreicht. Oder zumindest nicht ganz so unrühmlich, schnell und brutal. Ich würde gerne die damaligen Chancen aufgreifen und etwas Besseres daraus machen. Aber ich schweife ab. Zurück zum Thema.

Ein Bild, wie ich es verkörperte, will natürlich gepflegt werden. Erst recht, wenn der Porträtierte bemerkt, dass es zur selbsterfüllenden Prophezeiung wird. Denn auch wenn ich tatsächlich mehr getrunken habe als alle anderen und auch wenn ich anderen Substanzen gegenüber offener war, ich hatte nie so viele Frauen, wie ich die Leute glauben machte. Ich habe auch nicht so viele Drogen genommen. Ich habe im Unverstand gesoffen und geraucht, ja. Aber das war so ziemlich alles, was vollends der Realität entsprach. Ich habe Frauen erfunden und ich habe Eskapaden erfunden. Und ich bin mir sicher, dass das einer der Gründe war, weshalb sich Menschen von mir abgewendet haben. Es mag eine Weile dauern, aber irgendwann werden aus Jugendlichen Erwachsene. Und mit zunehmender Lebenserfahrung lernt man, Lügen zu durchschauen oder zumindest Unstimmigkeiten zu erkennen. Und meine Existenz war von Lügen und Unstimmigkeiten durchsetzt.

Dennoch ging das eine ganze Weile gut. Ich hatte einen Lauf und mein Ruf ist mir vorausgeeilt. Vielleicht lag es bloß an dem grotesken Selbstvertrauen, welches durch mein Fundament aus wahnwitzigen Märchen und einem Teil gelebter Wahrheit unerschütterlich schien, dass ich für eine gewisse Zeit tatsächlich zumeist bekam, was ich wollte – nämlich Anerkennung und Sex –, aber woran es auch lag, ich war zufrieden. Und ich konnte mir nicht ernsthaft vorstellen, dass sich jemals etwas ändern würde. Denn obschon sich all das nur in der Parallelwelt unseres (mittlerweile immerhin expandierenden) Freundeskreises abspielte, bin ich in meiner Rolle wunderbar aufgegangen.

Im Nachhinein betrachtet glaube ich, dass viele hin und wieder an mir und meinen Aussagen gezweifelt haben. Ich glaube jedoch ebenfalls, dass mich nicht jeder letztlich durchschaut hat. Es gab weitere Gründe, warum man sich von mir abgewendet hat. Eine Menge. Zum Beispiel, dass ich immer anstrengender wurde, dass ich auf der Stelle trat, während andere vorbei- und davonzogen oder dass es auch mit eingangs genanntem Respekt und der Akzeptanz irgendwann nicht mehr weit her war. Also … noch weniger weit her. Trotzdem ist es irrsinnig, was damals alles möglich schien. Was ich Menschen, die allesamt ausgesprochen intelligent waren, vormachen konnte – und was ich teilweise auch mir selbst vormachen konnte …

Hierbei würde ich es vorerst gerne belassen. Bislang habe ich zwar keine konkrekten Beispiele genannt, allerdings war es auch eine äußerst wohlwollende Vermutung, ich könnte die Gesamtheit der allgemeinen Einblicke in einem einzigen Beitrag unterbringen. Letztlich möchte ich allem den Platz geben, den es benötigt. Ich werde also zeitnah fortfahren und dann auch etwas präziser werden.
Ich bedanke mich schon jetzt bei jedem, der das hier gelesen hat. Bei jedem, der mich nun verurteilt und bei jedem, der das nicht tut. Bei jedem, der das Vertrauen in mich verloren hat und bei jedem, der mir noch immer vertraut. Und zu guter Letzt auch bei jedem, der durch diese Worte erst lernt, mir zu vertrauen. Vielen Dank.

Einkehr und Aufbruch II – Bildersturm
                        

Kevin Schmidt

Ich wandle zwischen Nostalgie und Zuversicht – das beschreibt mich ganz gut, glaube ich.

5 Kommentare zu „Einkehr und Aufbruch II – Bildersturm

  • 16. April 2021 um 17:21
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    Diese offen-ehrlichen Worte, sie machen deine Gedanken so verständlich und so greifbar. In deinen Worten steckt eine Selbstverurteilung, aber sie können auch ein Warnhinweis für uns Lesende sein, nicht die gleichen Fehler zu machen oder sie womöglich jetzt gerade zu bemerken und umzudenken, bevor man zu tief einsinkt in eine schräge Realität. Eines sollten wir uns aber auch immer wieder bewusst machen: Der Mensch begeht Fehler. Das gehört zum Wesen des Menschsein. Es liegt an uns, ob wir sie erkennen und korrigieren möchten oder ob wir blind weiterrennen und andere mit ins Verderben ziehen. Deine Worte zeugen davon, dass du angehalten hast und genau nachsiehst, was passiert ist. Vielen Dank für deinen Blog, ich habe das Gefühl, dass ich mich hier in so manchen Textes wiederfinden werde.

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    • 17. April 2021 um 09:43
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      Wow, ich danke dir. Das bedeutet mir viel. Die Vorstellung, dass der ganze Müll, der passiert ist oder den ich selbst verursacht habe, am Ende vielleicht doch auch noch einen positiven Einfluss haben könnte, ist unfassbar.
      Es freut mich, wenn du aus meiner Geschichte etwas mitnehmen kannst. Es freut mich, wenn sie, ja, in gewisser Weise ein Mahnmal für die Lesenden sein kann. Und es freut mich, dass ich auf Zuspruch stoße, denn das ist nicht selbstverständlich. Zumal ich mich sehr lange sehr alleine mit alldem gefühlt habe.

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  • 16. April 2021 um 17:37
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    Ich musste beim Lesen an „Das Bildnis des Dorian Gray“ denken, nur, dass du rechtzeitig den Vorhang beiseite ziehst und das Gemälde betrachtest… Es ist ja recht ungewöhnlich, dass jemand sich so schonungslos mit seinem Schatten beschäftigt. Ich hoffe, die Reise führt dich im für dich Guten zurück ins Leben…

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    • 17. April 2021 um 09:32
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      Jetzt hast du mich neugierig gemacht. Ich habe „Das Bildnis des Dorian Gray“ nie gelesen oder gesehen. Das werde ich ändern. Danke dafür. Und danke auch für die Wünsche.

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  • 7. Mai 2021 um 23:52
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    Auf die eine oder die andere Weise:
    In unserer Jugend waren wir alle Scheisse.
    Es hilft kein Verteidigen und kein Gezeter
    in unserer Jugend waren wir alle Täter.
    Und Opfer.
    Heute machen wir natürlich alles besser, bis wir morgen merken, dass wir falsch lagen.
    Lasst uns barmherzig zueinander sein.
    LG Michael

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