Einkehr und Aufbruch I – Von unten betrachtet

Es ist interessant, was die Konfrontation mit sich selbst alles bewirken kann. Nicht unbedingt interessant im positiven Sinne, aber dennoch interessant. Es ist interessant, welche Wege Gedanken einschlagen können und wie diese wechselwirken. An dem Punkt, an dem ich bin, bleiben mir gefühlt nur noch zwei Optionen: Entweder ich fliehe ein weiteres und letztes Mal vor allem, oder ich beginne aufzuräumen. Das habe ich noch nie getan, und ich vermute, dass es schmerzhaft und anstrengend wird.

Wenn ich auf mein bisheriges Leben zurückblicke, sehe ich einen Trümmerhaufen. Ich weiß zwar, dass niemals alles schlecht war und dass auch nicht alles, was ich je getan habe, schlecht war, aber es fühlt sich so an. Ich habe das Gefühl, dass mein Leben mehr von Verlust denn von Zugewinn geprägt ist. Und obwohl mir klar ist, dass das rein logisch betrachtet unmöglich ist, würde ich eine Menge dafür geben, die Zeit zurückdrehen zu können. Ich würde so vieles so anders machen.

Selbstverständlich ist das nur ein Gedankenspiel. Da ich erst an diesen Punkt gelangt bin, indem ich all die Fehler gemacht habe, die mir jetzt den Atem rauben, würde ich natürlich gar nichts anders machen. Wahrscheinlich hätte ich mich nicht einmal anders verhalten, hätte ich gewusst, wo mich all das hinführt … aber das ist im Grunde auch nicht mehr von Belang. Die Zeit lässt sich nicht zurückzudrehen und das weiß ich schon lange. Allerdings habe ich es auch genauso lange geschafft, diesen Fakt zu verdrängen. Mithilfe von Alkohol, sonstigen Drogen, Affären und scheinbarer Arroganz. Irgendwie war mir immer bewusst, dass das nicht ewig gutgehen würde, aber auch davor habe ich erfolgreich die Augen verschlossen.

Fast zehn Jahre lief das so. Und jetzt trage ich die Konsequenzen – und ich schwanke zwischen Resignation, Verzweiflung, dem Trieb, neue Mittel und Wege der Verdrängung zu finden, und der Erkenntnis, dass ich beginnen muss, die Trümmer und die Scherben, die Verluste, die Lügen und die Schuld als Teil meiner Vergangenheit (und somit auch Gegenwart und Zukunft) zu akzeptieren.

Ich denke manchmal, dass ich all das verdient habe. Diese absolute Leere, diese Ausweglosigkeit. Dass das einfach die Konsequenzen meines rücksichtslosen Handelns sind, welche ich zu tragen habe. Und vielleicht ist das so. Denn obwohl ich nicht wirklich an Karma glaube, mag ich den Gedanken dahinter. Aber selbst wenn dem so sein sollte, irgendwann ist es genug. Zumal niemandem geholfen ist, wenn ich am Rand des Abgrunds stehe.

Heute bin ich ein anderer Mensch. Es ist mir wichtig, rücksichtsvoll zu handeln und allen Lebewesen respektvoll gegenüberzutreten. Gerechtigkeit ist mir vermutlich der höchste Wert … und genau deshalb möchte ich in den kommenden Tagen oder Wochen beichten, was ich getan habe. Offen und ehrlich. So wie ich es heute wahrnehme. Völlig unverblümt. Ich werde anmerken, was mich dazu getrieben hat, und mitunter auch, wie ich es heute handhaben würde.

Diese Idee ist nicht ganz neu. Zumindest nicht ihre Grundlage. Vor ungefähr einem Jahr habe ich das erste Mal mit dem Gedanken gespielt, mich bei einigen Personen zu entschuldigen, indem ich ihnen Briefe schreibe. Es wäre mühsam, die Kontaktdaten aufzutreiben, aber selbstredend auch wesentlich persönlicher. Andererseits wäre es ebenfalls ein gutes Stück aufdringlicher. Hinzu kommt, dass es hier für jeden einsehbar ist, zumindest in der Theorie. Für Beteiligte wie Unbeteiligte. Vielleicht kann ich somit sogar noch mehr Gutes bewirken, als ich es mit privaten Briefen jemals könnte. Ich kann für mich selbst gar nicht wirklich beantworten, welcher Weg der bessere wäre. Ich weiß nicht, wie viele der Personen tatsächlich noch immer nicht damit abgeschlossen haben, wie viele überhaupt noch an mich und an das, was ich getan habe, denken, wie vielen das heutzutage völlig egal ist und/oder wer überhaupt empfänglich für meine Worte ist oder wäre. Aber das ist in Ordnung. Mein Gefühl sagt mir nämlich trotzdem, dass ich es tun muss – und ich habe beschlossen, es auf diese Art zu tun.

Obwohl ich hier von Beichten spreche, hat das alles natürlich keinen religiösen Hintergrund. Ich möchte einfach nur als der Mensch, der ich heute bin, zu dem Menschen stehen, der ich einmal war.
Die Namen der adressierten Personen werde ich nicht nennen, falls es daran Zweifel gab. Sie werden ohnehin wissen, dass sie gemeint sind, sollten sie jemals hierauf stoßen.

Im nächsten Beitrag werde ich mich zuerst allgemein mit meiner Vergangenheit befassen. Mit einigen für sich stehenden Fehltritten und meiner ehemals grundsätzlichen Attitüde. Die darauffolgenden Beiträge werde ich jeweils einzelnen Personen widmen. Da das lediglich ein loses Konzept ist, werden wir sehen, was im Laufe des Prozesses noch zum Vorschein kommen oder ob sich meine Herangehensweise ändern wird.
So oder so, ich werde meinen Weg finden. Ein erster Schritt ist getan.

Einkehr und Aufbruch I – Von unten betrachtet
                            

Kevin Schmidt

Ich wandle zwischen Nostalgie und Zuversicht – das beschreibt mich ganz gut, glaube ich.

10 Kommentare zu „Einkehr und Aufbruch I – Von unten betrachtet

  • 14. April 2021 um 21:10
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    Hut ab vor deinem Vorhaben! Die Erkenntnis ist wichtig und lerne irgendwann auch dir zu vergeben um ein Leben leben zu können ohne diesen bitteren Beigeschmack. Alles Gute!

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    • 14. April 2021 um 21:23
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      Ich danke dir für die ermutigenden Worte. Ich weiß, dass ich irgendwann auch mir selbst vergeben muss. Ich glaube zwar, dass das noch ein weiter Weg ist, aber im Optimalfall ist das hier ein Teil des Prozesses. 🙂

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  • 15. April 2021 um 00:48
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    Zu deiner Aussage: „Ich denke manchmal, dass … das [diese absolute Leere, diese Ausweglosigkeit] einfach die Konsequenzen meines rücksichtslosen Handelns sind.“

    Ich bin mir ziemlich sicher, dem ist nicht so. Auch wundervollsten Menschen wird plötzlich der Boden unter den Füßen weggerissen. Das bedeutet nicht, dass sie oder du Fehler gemacht haben bzw dass ihre oder deine Fehler die Ursache des Umbruchs in ihrem oder deinem Leben sind. ich glaube, das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Das Leben bestraft nicht und das Leben belohnt auch nicht. Es ist einfach …

    Deine jetzige Situation als eine Chance zu sehen, ist, glaub ich, das Beste, was du tun kannst. Ich wünsche dir dabei viel Staunen, viel Weinen und ein Ankommen in Zufriedenheit und Dankbarkeit.

    Liebe Grüße und Danke für deinen Besuch auf meinem Blog. 😉
    Maya

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    • 15. April 2021 um 13:10
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      Vielen Dank für deine ergänzenden Gedanken.
      Im Grunde glaube ich das auch nicht, aber so wirklich sicher kann man sich eben nicht sein. Außerdem ist es wahrscheinlich natürlich, dass der eigene Kopf nach Erklärungen sucht.
      Dennoch scheint es mir eine gesunde Sichtweise zu sein, die Situation als Chance zu begreifen. Deshalb auch danke dafür. 🙂

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  • 29. April 2021 um 11:09
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    Ich lese und verstehe, dass du von einigen „Hindernissen“ Abschied genommen hast. Ich kann, natürlich aus meine Welt heraus, nachvollziehen, wie unwirtlich sich dieser Weg erweist. Manche Abschiede lassen mich erahnen, dass ich in meinen Leben nirgendwo ankommen werde. Es ist mein Kopf, der denkt, dass wenigstens ein Sinn im Abschied erkennbar wird. Doch, was ist der Sinn dieses Weltalls? Was ist der Sinn einer Rosenblüte oder einer Fliege? Die Furcht vor dem unerfüllten Abschied nährt sich aus der stillen Ahnung einer unwiderruflichen Endlichkeit. Gedanken und Bilder fluten plötzlich ein Leben, in dem das Wort Hoffnung nicht mehr vorkommt. Manchmal gelingt ein Abschied ohne Lüge, ohne Verklärung und wird so zu einem Impuls für einen Anfang, mit dem sich neues Leben eröffnen kann. Erst wenn die offenen Wunden der Feigheit mich nicht mehr beschämen, verlieren sich Unterscheidungen zwischen Ankommen und Abschied. Dann können sich Möglichkeiten öffnen, mir selbst, im verlorenen Blick des Anderen, zu vergeben.

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    • 29. April 2021 um 12:52
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      Vielen Dank dafür.
      Es steckt viel Wahrheit in dem, was du schreibst, und nach und nach versuche und beginne ich auch, es so zu sehen. 🙂

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  • 29. April 2021 um 15:55
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    Du wirst sehen, dass die Leere und die Auswegslosigkeit, die du grade fühlst, zurück weichen wird, wenn du dein wahrlich nobles Vorhaben nach und nach in die Tat umsetzen wirst. Das wünsche ich dir sehr.

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  • 7. Mai 2021 um 23:45
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    Ich versuche es so zu betrachten:
    Die Vergangenheit ist nicht zu ändern, da hilft weder Buße noch Verzeihen.
    Du bist auch nicht festgelegt, so wie ein Tisch ein Tisch ist und fertig.
    Du bestimmst Dich jeden Tag aufs Neue.
    Der Mensch, der Du heute bist und sein willst, ist der einzige, den es gibt und der von Bedeutung ist.
    Jeden Tag geht die Sonne von neuem auf und jeder Tag ist Deine Chance zu werden, der Du sein willst.
    Lass Dich von Deiner Vergangenheit nicht abhalten, Deine Zukunft frei zu wählen.
    Lass Deine Vergangenheit der Riese sein, auf dessen Schultern stehend Du weiter siehst.
    LG Michael

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    • 8. Mai 2021 um 07:00
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      Ich weiß nicht so recht …
      Sich von der Vergangenheit nicht abhalten lassen, ja. Indem ich mich selbst nicht mit ihr konfrontiere, tue ich aber, mindestens gefühlt, genau das. Ich erkenne sie doch dann gar nicht als Riesen.

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