Wenn ich einmal wirklich Zeit habe …

Ich wollte gerade wiederholt schreiben, ich wäre jetzt drei Monate hier. Genau genommen sind es aber noch eher zwei als drei. Ich gestehe, dass mein Zeitgefühl massiv unter den aktuellen Umständen gelitten hat.
Jedenfalls bin ich nun seit etwas über zwei Monaten hier und ich merke, wie meine anfängliche Entspannung einer gewissen Anspannung weicht. Das war immer schon ein bizarres Problem, mit dem ich zu kämpfen hatte. Folgender Sachverhalt: Es liegt ein langes Wochenende vor mir, also vier, wenn nicht sogar fünf, freie Tage. Der erste dieser Tage ist super. Ich bin voller Tatendrang, schmiede Pläne und gehe im Kopf die ganzen wundervollen Dinge durch, mit denen ich die freie Zeit füllen möchte. Ich entspanne mich. Am zweiten Tag gehe ich die Dinge an – gemächlich. Man muss ja nichts überstürzen. Und man hat ja Zeit (übrigens ein unbezahlbares Gefühl). Dummerweise kommt dann der dritte Tag und mir wird bewusst, dass mindestens die Hälfte der verfügbaren Tage bereits verstrichen ist. Und egal, ob mich danach eine einmalige Fünfstundenschicht oder tatsächlich eine komplette Arbeitswoche erwartet, ich fühle mich mit einem Mal unter Druck gesetzt. Das bremst mich dann so sehr aus, dass ich mich kaum noch konzentrieren kann und unterbewusst beschließe, meine Projekte später anzugehen – wenn ich einmal wirklich Zeit habe.

So ging das über Jahre. Dass sich meine kreativen Ergüsse folglich in Grenzen gehalten haben, ist selbsterklärend.
Um den Bogen zu spannen: Es ist absolut irrsinnig, dass ich nach lediglich zwei von einer undefinierten Gesamtzahl an Monaten (im Grunde bis ich kein Geld mehr habe) anfange zu bedauern, so wenig Zeit zu haben. Die einzig bessere Alternative wäre es, eine Möglichkeit zu finden, die Zeit zu stoppen. Die Suche nach einer solchen Möglichkeit würde allerdings wiederum Zeit in Anspruch nehmen. Also auch keine Option.
Hinzu kommt, dass ich bislang bereits ungemein produktiv war. Ich habe Projekte abgeschlossen, die mich jahrelang begleitet haben. Die jahrelang nur unfassbar schleppend vorangingen. Weil ich endlich motiviert war. Weil ich das erste Mal seit einem Jahrzehnt das Gefühl hatte, Zeit zu haben.

Als mir gegen Ende des vergangenen Jahres bewusst wurde, dass bald der Jahresbeitrag für meine Krankenversicherung fällig würde, hat dieses Gefühl den ersten Dämpfer verpasst bekommen. Damit konnte ich aber umgehen, immerhin war das absolut vorhersehbar und entsprechend einkalkuliert. Zudem war ich noch so in den kreativen Arbeitsprozess vertieft, dass ich gar keinen Kopf hatte, dem weitere Aufmerksamkeit beizumessen. In den letzten Wochen kamen allerdings ein paar unerwartete Ausgaben hinzu und jetzt frage ich mich, wie es weitergehen soll. Ich habe noch mehr als genug Rücklagen, so ist es nicht. Und eigentlich habe ich auch beschlossen, mir das komplette Jahr Zeit zu geben, meine Richtung zu finden. Vielleicht ist gerade das das Problem … dadurch wird es schon wieder absehbar. Das „Ende“ rückt näher. Und ich möchte nicht zurück in die Gesellschaft. So weit bin ich immerhin schon.
Womöglich hilft mir ja das hier dabei, auf den offenbarenden Gedanken zu kommen.

Wunderbar. Es ist jetzt kurz vor Sonnenaufgang (wobei man die Sonne von hier im Grunde gar nicht sieht), der Tag hat also noch nicht einmal richtig begonnen, und ich habe bereits erfolgreich die Stimmung gedrückt. Im folgenden lesen Sie einen Korrekturversuch:
Es hat etwas Magisches, wenn der Tag erwacht. Ganz besonders hier. Hier gibt es kein fernes Hintergrundrauschen, keine Verkehrsgeräusche, kein Stimmenwirrwarr. Hier gibt es vereinzelte Tierrufe, wenn der Morgen dämmert. Und hier gibt es tauenden Schnee. Ich höre jeden einzelnen Tropfen, der von den Ästen zu Boden fällt. Ansonsten ist es absolut still. Und das wiegt mehr als entfernte und gewissermaßen abstrakte Zukunftsängste. Vielleicht verstehe auch ich das irgendwann.

Wenn ich einmal wirklich Zeit habe …
                    

Kevin Schmidt

Ich wandle zwischen Nostalgie und Zuversicht – das beschreibt mich ganz gut, glaube ich.

2 Kommentare zu „Wenn ich einmal wirklich Zeit habe …

  • 7. Mai 2021 um 23:23
    Permalink

    Mach es wie der Straßenfeger. Wenn er die ganze Straße in den Blick nimmt, gibt er auf. Betrachtet er nur den Meter, den er gerade fegt, dann fegt er.
    Vielleicht hilft das…
    LG Michael

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    • 8. Mai 2021 um 06:56
      Permalink

      Das hilft definitiv, auch wenn mein Blick hin und wieder noch abschweift. Zu lange praktiziere ich das aber auch noch nicht. 😉

      Antworten

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