Von irgendwo nach irgendwo

Hi, ich bin Kevin und ich habe keine Ahnung, wohin das hier führen soll. Ein wunderbarer Einstieg, denke ich.

Ich bin 29 Jahre alt und nachdem ich kürzlich sowohl meinen Job als auch meine Wohnung gekündigt habe, lebe ich nun seit inzwischen drei Monaten in einem Wohnwagen auf dem Hof meiner Mutter. Irgendwo in den Wäldern Südschwedens. Trotzdem bin ich der Meinung, ein recht uninteressantes Leben zu führen. Uninteressant für Außenstehende, nicht für mich. Das hier soll also kein nervenaufreibendes Abenteuer-Tagebuch werden. Ich schreibe einfach nur gerne. Und bloß weil mein Leben womöglich uninteressant ist, muss ja nicht auch das, was durch meinen Kopf geistert, uninteressant sein. Soviel dazu.

Jetzt sind wir also hier. Betretenes Schweigen. Vielleicht aber auch eine Schweigeminute.
Es dürfte inzwischen ungefähr zwei Wochen her sein, dass ich von Alexi Laihos Tod erfahren habe. Trotzdem habe ich es noch nicht so ganz realisiert. Und ich weiß nicht genau, weshalb mich sein Tod so sehr mitnimmt. Ich habe Children of Bodom immer gemocht, ein paar ihrer Alben sogar für perfekt (das Prinzip des „perfekten Albums“ wird sich euch früher oder später erschließen, wenn ihr mir treu bleibt) befunden – einen persönlichen Bezug hatte ich aber seltsamerweise trotzdem nie zu ihnen. Bis vor ca. zwei Wochen.

Ich habe Children of Bodom immer eher heimlich gehört. Nachts und mit Kopfhörern. Zu überzogen und kindisch war das lyrische Konzept, zu jugendlich die Attitüde. Zumindest für einen gebildeten Connaisseur anspruchsvoller Klangkunst. Und jetzt? Jetzt laufen seit 14 Tagen sämtliche ihrer Alben rauf und runter, ich finde sogar Gefallen an den eher umstrittenen unter ihnen und der Youtube-Algorithmus flutet die Liste meiner Empfehlungen mit Interviews, Livemitschnitten und Tribute-Videos – und verpasst mir damit immer wieder einen Stich.

Natürlich habe ich mich gefragt, warum das alles so ist. Vor allem, woher der früher scheinbar fehlende persönliche Bezug plötzlich kommt. Und ich glaube, ich bin bereits einigen Teilaspekten der unerwartet komplexen Antwort auf die Schliche gekommen. Das Offensichtlichste zuerst: Der Mann war mit seinen 41 Jahren vergleichsweise jung und sein Tod kam, zumindest für mich, absolut unerwartet. Und aufgrund bereits genannter, jugendlicher Attitüde der Band, die zu großen Teilen auf ihn zurückzuführen war, war er gefühlt eben nochmal ein ganzes Stück jünger.
Vermutlich sollte ich auch nicht unerwähnt lassen, dass es mir recht schnell die Tränen in die Augen treibt. Dennoch ist es eher die Ausnahme, dass das Scheiden eines Künstlers, zu dem ich vermeintlich kaum einen Bezug habe, mich so nachhaltig berührt. Was mich zum nächsten Punkt führt. Denn obwohl es mir nie wirklich bewusst war, der Bezug war da.
Children of Bodom waren eine der größten Bands der Szene – und das, obwohl sie nicht schon vor mir existiert haben. Ich war traurig als Ronnie James Dio gestorben ist und ich habe um Gary Moore geweint. A.J. Peros Tod hat mich unfassbar hart getroffen. Aber das waren alles Musiker, die bereits mindestens ein Jahrzehnt vor meiner Geburt erfolgreich waren. Alexi Laiho hingegen war ein prägender Teil „unserer“ Generation und für viele war seine Musik der erste Schritt auf dem Weg in härtere Gefilde. Die Energie dieses Kerls schien unerschöpflich und der Gedanke, dass der Quell dieser Energie nun erschöpft ist, hat etwas Surreales.

Inzwischen weiß ich, dass gerade in den letzten Jahren teilweise deutlich zu sehen war, dass etwas mit ihm nicht in Ordnung war, allerdings schien es zuletzt wieder forschen Schrittes bergauf zu gehen. Trügerisch. In jedem Fall hat die Welt einen begnadeten Musiker und eine schillernde Persönlichkeit verloren. Und das, wie gesagt, unerwartet früh.

Ich glaube, dass mir diese ganze Sache die omnipräsente Vergänglichkeit wieder deutlich vor Augen geführt hat, was immer wieder eine bizarre Erfahrung ist. Und dass eine solche bizarre Erfahrung, vor allem in Verbindung mit der seltsamen Trauer, die den Tod eines Künstlers mitunter wie den Verlust eines nahen Freundes wirken lässt, einen eine Weile beschäftigen kann, ist vermutlich nachvollziehbar.

Ich will mich nicht in Plattitüden verlieren, deswegen vermeide ich es, mit den naheliegendsten Worten zu schließen, und ermutige stattdessen Interessierte dazu, sich mit der Person Alexi Laiho und seinem Vermächtnis auseinanderzusetzen. Da ist mehr, als es anfänglich den Anschein macht.

Ich hatte ursprünglich nicht vor, das zum Kernaspekt dieses initialen Eintrags zu machen, und ich habe auch nicht vor, hiermit einen Musikblog aus der Taufe zu heben. Also kein Musikblog und kein Abenteuer-Tagebuch. Vielleicht einigen wir uns auf „Refugium herumgeisternder Gedanken“. Nicht ganz griffig, für den Anfang aber in Ordnung. Auf jeden Fall tat es gut, das einmal heruntergetippt zu haben. Ich denke, dabei belasse ich es fürs Erste auch. Ich melde mich bald wieder. Ganz bestimmt. Es geistern nämlich öfter mal Gedanken in meinem Kopf herum. Bis dahin wünsche ich jedem, der das hier liest eine wundervolle Zeit.

Kevin

P.S.: Ich neige dazu, mit dem Wörterbuch in der Hand jede einzelne Zeile dessen, was ich geschrieben habe, akribisch auseinanderzunehmen und auf mögliche Rechtschreib-, Zeichensetzungs- oder Logikfehler hin zu untersuchen, und Stunden mit Umformulierung und -strukturierung zu verbringen. Und davon möchte ich loskommen. Deshalb, und um die Spontanität grundsätzlich zu wahren, werde ich mich auf dieser Seite mit einem lediglich flüchtigen prüfenden Blick zufriedengeben. Und ich erbitte Unterstützung für meine Kampfansage an diese neurotischen Züge – in Form von Nachsicht. Vielen Dank.

Von irgendwo nach irgendwo
                

Kevin Schmidt

Ich wandle zwischen Nostalgie und Zuversicht – das beschreibt mich ganz gut, glaube ich.

8 Kommentare zu „Von irgendwo nach irgendwo

  • 15. April 2021 um 01:17
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    Zu deinen Worten: „Ich bin 29 Jahre alt und … lebe nun seit inzwischen drei Monaten in einem Wohnwagen auf dem Hof meiner Mutter.“

    Was für ein großes Glück du doch hast, noch eine gesunde Mutter zu haben, bei der du in der Not sogar einen sicheren Unterschlupf findest. Ich war in meinem Leben drei Mal wohnungslos und hatte dieses Glück nicht. – und – Ich war genau in deinem jetzigen Alter, als meine Mutter starb.

    Frag mich nicht nach dem Warum, aber das möchte ich dir hier als Kommentar hinterlassen.
    Herzliche Grüße aus dem Bayerischen Wald
    Maya

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    • 15. April 2021 um 13:13
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      Das von deiner Mutter zu hören, tut mir wirklich leid. Du hast recht, ich habe diesbezüglich sehr großes Glück. Es ist schön und manchmal auch notwendig, daran erinnert zu werden oder sich selbst daran zu erinnern. Auch wenn es in diesem Fall einen bitteren Beigeschmack hat …

      Antworten
  • 11. Mai 2021 um 11:54
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    Ich werde mich mal nach und nach durch dein Leben lesen. Ob ein Leben uninteressant ist oder nicht liegt im Auge des Betrachters. Für mich ist jedes Leben interessant!

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    • 11. Mai 2021 um 11:59
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      Gerne, tu das. 🙂
      Ich möchte dich dennoch vorwarnen, dass ich ein paar ziemlich miese Dinge behandelt habe … Aber wie auch immer: Willkommen. 🙂

      Antworten

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